Aussteiger-Buch: Last Exit Ökodorf

Von Tobias Becker

Der "FAZ"-Wirtschaftsredakteur Jan Grossarth ist ausgestiegen aus seinem bürgerlichen Büroalltag - und hat drei Monate lang mit Aussteigern gelebt: mit Ökos, Mönchen, Lebenskünstlern. Ein Selbstversuch in 13 Stationen.

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Alexander Beck

Autor Jan Grossarth

Alles hinschmeißen, alles aufgeben, raus aus dem Hamsterrad - wer hat daran noch nie gedacht? Der "FAZ"-Wirtschaftsredakteur Jan Grossarth hat Menschen getroffen, die nicht nur daran gedacht haben, nach einem 14-Stunden-Arbeitstag zum Beispiel, sondern die es sich auch getraut haben. "Menschen, die ein einfaches Leben wagen", wie er sie im Untertitel seines Buches "Vom Aussteigen & Ankommen" nennt. Es ist eine Reise an die Ränder der Gesellschaft, mit 13 Stationen in Deutschland, der Schweiz und Italien. Und es ist ein Selbstversuch, denn Grossarth besucht die Aussteiger nicht nur, er lebt mit ihnen. Als Aussteiger auf Zeit.

Seine Krankenversicherung hat Grossarth für das Experiment gekündigt, und so bleibt ihm irgendwann nichts anderes übrig, als Nelken gegen seine Zahnschmerzen zu lutschen. Es geht, irgendwie.

Genauso wie es geht, T-Shirts vier Tage lang zu tragen und Socken eine Woche. Täglich zu duschen erscheint Grossarth bald als "abzulehnender Hygienismus".

Ein Rockstar in der Oberpfalz

Im Westerwald trifft er einen Waldmenschen, der nach Tier riecht, weil er nur zwei oder drei Mal im Jahr duscht, und der Zigaretten ohne Tabak dreht, dafür mit Johanniskraut, Huflattich, Birkenblättern, Minze. Der Waldmensch will durch nichts bestimmt werden außer durch die Natur; wenn er die Zeitung liest, hat er das Gefühl, dass 80 Prozent der Themen für ihn nicht mehr relevant sind: der Leitzins, neue Automodelle, Massenentlassungen. Von richtiger Arbeit schmerzen sofort die Muskeln und Knochen, findet der Waldmensch, nicht erst nach 30 Jahren die Bandscheiben.

Der Rockstar-Typ, den Grossarth in der Oberpfalz trifft, hält hingegen generell nicht so viel von Arbeit: Er lebt von einem Heidelbeerfeld, das fast nur zur Erntezeit Mühe macht, zwei Monate im Jahr, und in diesen zwei Monaten genug Geld abwirft für das ganze Jahr. Jedenfalls dann, wenn einem wenige hundert Euro im Monat genügen so wie dem Rockstar-Typen in der Oberpfalz.

In der Uckermark lernt der Wirtschaftsredakteur Grossarth einen Tauschring kennen, in dem sich der Wert der selbstgehäkelten Socken und holzgeschnitzten Löffel, der Massagen und Polnischstunden nicht nach Angebot und Nachfrage bemisst, sondern nach der Arbeitszeit, die in ihnen steckt: 12 Uckertaler haben einen Gegenwert von einer Stunde.

Interessant ist auch das Wirtschaftsmodell eines Ökodorfs in der Altmark, das einen wichtigen Teil seiner Einnahmen mit Seminaren 1 erwirtschaftet, die Titel tragen wie "Tiefenökologie", "Strohhallenhausbau" und "Gourmet-(F)rohkost", ferner Einkochwochen anbietet, Gartenbauwochen und so genannte Jule- Bauwochen, wohinter sich einwöchige Arbeitsdienste für junge Leute verbergen. Mit anderen Worten: "Das Ökodorf profitiert von der Entfremdung der Stadtmenschen".

Auf Erbsen pinkeln

Grossarths Verdienst ist es, denen zuzuhören, denen sonst keiner zuhört, erst Recht kein Wirtschaftsredakteur der "FAZ": kauzigen Menschen, die in ihrem alternativen Lebensmodell auf die Idee kommen, die Qualität ihres Brunnenwassers mit einem Pendel zu prüfen. Oder ein Heilbeet anzulegen und täglich auf die Erbsen darin zu pinkeln, damit die Erbsen genau die Stoffe entwickeln, die ihren kranken Körpern fehlen. Oder Gott darum zu bitten, ihre Tütensuppen zu segnen.

Grossarth wundert sich häufig, aber er macht sich selten lustig, denn er merkt mehr und mehr, dass sein bürgerliches Leben genauso verrückt ist wie das Leben der oft so genannten Verrückten.

Sein Fazit nach drei Monaten einfachem Leben: "Es war gar nicht so schlimm".

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Alternative und Verrueckte
PhysikerTeilchen 30.05.2011
Ich hoffe, der Herr Wirtschaftsredakteur trennt etwas besser als dieser Spiegel-Artikel die Leute, die nach echten Alternativen suchen (wie z.B. andere Wirtschaftssysteme), von den einfach nur Verrueckten. Eigentlich gehoeren diese Leute naemlich in zwei verschiedene Buecher - die Tauschwirtschaftler in eine (populaer)wissenschaftliche Abhandlung, die Pendelschwinger und Erbsenpinkler dagegen in ein Witzbuch.
2. Realitätsverweigerung
südd. 30.05.2011
Tatsächlich hat das Bürschchen 3 Monate ohne Zahnarzt überlebt. Meine Hochachtung! Nach 3 Monaten weiß man gar nichts, aber genug um ein sinnloses Buch für gelangweilte Großstädter zu schreiben!
3. jaja, total verrueckt
b-lymphozyt 30.05.2011
Zitat von PhysikerTeilchenEigentlich gehoeren diese Leute naemlich in zwei verschiedene Buecher - die Tauschwirtschaftler in eine (populaer)wissenschaftliche Abhandlung, die Pendelschwinger und Erbsenpinkler dagegen in ein Witzbuch.
Die beiden genannten Gruppen bedienen sich schon seit mehr als hundert Jahren aus einem gemeinsamen Ideenfundus und haben dementsprechend auch mal dann und wann "vermischt". Ein Verlagshaus wie Kopp ist kein Phänomen neuerer Zeit. Da gibt es noch weitere Parallelen. Teilnehmer der frühen Reformbewegung haben sich später auch in einem "ganz anderen" Zusammenhang betätigt. Das gibt dann weniger Anlass für ein Witzbuch, eher für die Sparte "Erlebte Geschichte". Der ganze Unsinn wiederholt sich doch. "History is bunk"
4. Willkommen, Ambermoon.
Ambermoon 30.05.2011
Zitat von südd.Tatsächlich hat das Bürschchen 3 Monate ohne Zahnarzt überlebt. Meine Hochachtung! Nach 3 Monaten weiß man gar nichts, aber genug um ein sinnloses Buch für gelangweilte Großstädter zu schreiben!
Meine Güte, sind Sie misantrophisch. Hoffentlich haben Sie keine Waffen im Haus. Gucken Sie doch mal raus, die Sonne scheint!
5. Na ja
mitch72 30.05.2011
Zitat von AmbermoonMeine Güte, sind Sie misantrophisch. Hoffentlich haben Sie keine Waffen im Haus. Gucken Sie doch mal raus, die Sonne scheint!
Wo er recht hat, hat er recht. Was kann man nach 3 Monaten schon sagen?
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