Autobiografie "Das Paradies" Das Leben der anderen

Für Andrea Hanna Hünniger fiel 1989 eine Mauer - und eine andere entstand: eine zwischen ihrer Generation und der ihrer Eltern. Damals war sie fünf, nun ist sie 27 und legt ein Buch vor: über ihre Kindheit und über die DDR, die immer nur eine Erinnerung von anderen war.

Autorin Hünniger: "Die DDR ist eine Erinnerung von anderen"
Tobias Kruse

Autorin Hünniger: "Die DDR ist eine Erinnerung von anderen"

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Seit mehr als 20 Jahren gibt es die DDR nicht mehr, und doch ist sie das wichtigste Sujet des Buchherbstes - auferstanden aus Ruinen: Eugen Ruge reüssiert mit seinem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und hat für ihn den Deutschen Buchpreis gewonnen. Durchsetzen musste er sich dafür unter anderem gegen drei weitere Romane, die vom Ende und Erbe der DDR handeln und es immerhin bis auf die Longlist geschafft hatten: Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe", Angelika Klüssendorfs "Das Mädchen" und Antje Rávic Strubels "Sturz der Tage in die Nacht". Hinzu kommen Inka Pareis Roman "Die Kältezentrale" und, erst seit Ende Oktober im Handel, Julia Francks Roman "Rücken an Rücken".

Nicht alle diese DDR-Bücher sind gelungen, aber die meisten, und besonders gelungen ist ein weiteres. Eines, das in die Reihe hineinpasst - und doch nicht hineinpasst. Weil "Das Paradies" ein Sachbuch ist, zumindest behauptet das der Verlag auf dem Cover. Und weil die Autorin Andrea Hanna Hünniger, 27, wenig bis nichts zu erzählen weiß über die DDR. Eben das ist ihr Thema.

Fremd und unwissend

Hünniger gehört zur ersten Generation von Autoren, die die DDR nur noch vom Hörensagen kennen. "Die DDR ist eine Erinnerung von anderen", schreibt sie. Und trotzdem werde sie immer und überall auf die DDR angesprochen. Weil sie dort geboren ist, in Weimar. Und weil sie dort aufgewachsen ist, in der größten Plattenbausiedlung der Stadt. "Während wir hier die Fremden und Unwissenden sind, werden wir erst zu Ostdeutschen, sobald wir Ostdeutschland verlassen."

Als die Mauer fiel, war Hünniger fünf. Die Plattenbauten dienten ihr fortan als "Beweis, dass es das Land wirklich gegeben hat". Ein Beweis, der nicht einfach so entsorgt werden konnte wie altes DDR-Design, wie alte Schränke, Kaffeekannen und Trabis. Ein Beweis, der nötig war, weil ihre Eltern schwiegen und ihre Lehrer sowieso: "Für mich ist die DDR so weit weg wie das Inkareich Tawantinsuyu. Wobei ich darüber noch etwas mehr weiß, dank einer völlig gegenwartsfremden ostdeutschen Grundschule, wo bis zu meinem Abitur 2003 niemals etwas über die DDR erzählt wurde."

Der Titel des Buches ist - natürlich ist er das - zynisch: "Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer". Er benennt die Kleingartensiedlung "Paradies", die an die Plattenbausiedlung grenzt, und in der Hünniger ihre erste Zigarette rauchte und ihren ersten Joint, in der sie das erste Mal psychedelische Pilze nahm. Er benennt hingegen nicht ein Kindheitsparadies, ein Aufwachsen in den totzitierten "Blühenden Landschaften" Helmut Kohls. Weil 1989 ein Schock war. "Die Bilder der Euphorie sind die Bilder anderer". Weil 1989 eine Mauer fiel - und eine andere wuchs: eine Mauer zwischen Hünniger und ihren Eltern, zwischen ihrer Generation und der ihrer Eltern."Wir wissen nicht, wer unsere Eltern sind, wir wissen nicht, aus welchem Land sie kommen, wir wissen manchmal nicht, was wir ihnen zum Geburtstag schenken sollen. Denn das teure Zeug lehnen sie natürlich ab".

Kurze Haare und Bomberjacken

Nach der Wende wird die Plattenbausiedlung von Stiefmütterchen überwuchert, weil so viele ABMler unterwegs sind, und ABMler pflegen Blumenbeete. Auch Hünnigers Eltern, beide Akademiker, verlieren ihre Jobs. Ihr promovierter Vater bekommt erst Mumps, dann eine Lungenentzündung, dann eine Depression, er verlässt das Sofa fast nicht mehr; wenn das Telefon klingelt, geht niemand ran. "Ich teile mit vielen jungen Ostdeutschen, die heute zwischen 24 und 29 Jahre alt sind, die Erziehung durch melancholische, ja depressive, eingeknickte, krumme, enttäuschte, beschämte, schweigende Eltern und Lehrer". Morgens liegt oft irgendein Nachbar besoffen im Treppenhaus; der Alkoholkonsum steigt dramatisch, auch unter Jugendlichen: "Ohne Alkoholvergiftung war man wie die Eltern ohne Stasiakte, also praktisch ohne Frisur". In der Schule tragen plötzlich fast alle Jungs die Haare kurz, dazu Bomberjacken von Alpha Industries: "Der Neonazistil ist der klassischste, den man im Osten finden kann. Ziemlich teuer, gute Qualität. Jedes Jahr gleich, keine Mode, es ist eine Uniform". Was nicht heißt, dass alle, die so aussehen, auch politisch rechts stehen: "Meine Theorie ist, dass der Neonazi nur eine Moderichtung der Neunziger im Osten ist. Auf den Dörfern hat das nichts mit Feindbild zu tun. Es ist erst mal nur die Randzonenmode für den Mann".

Der Verlag nennt Hünnigers Buch ein Sachbuch, und das ist schon okay, auch wenn der Ton des Buches nicht sachlich ist. Er ist literarisch. Und variantenreich. Als schreibe Hünniger mal aus der Perspektive eines naiv-unwissenden Kindes, mal aus der Perspektive eines männlich-mackerigen Popjournalisten-Posers. Ihr Buch steckt voller poetischer Formulierungen, voller Sätze zum Unterstreichen, mal komisch und mal melancholisch, mal cool und mal klug.

Und so kann man der Autobiografie "Das Paradies" am Ende das wohl größte Kompliment machen, das man einer Autobiografie machen kann: Dass man das Gefühl hat, die Autorin kennengelernt zu haben. Und dass man sie gerne noch näher kennenlernen würde.


Lesungen:
Freitag, 4. November, 19.30 Uhr, Thalia-Universitätsbuchhandlung Weimar, Schillerstraße 5a;
Donnerstag, 1. Dezember, 21 Uhr, Klubbar King Georg in Köln, Sudermannstraße 2.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
sam clemens, 31.10.2011
1. Mir reichts!
Wann ist endlich Schluss mit der Zonen-Befindlichkeitsliteratur? Dieses Suhlen in Depression, Ofer/Täter-Biographien, diese furchtbare Selbstfindungsprosa ist nicht zu ertragen. Schon dieses Geraune "Niemand spricht ..."! Das ist doch nur ne Pose im Betroffenheitstheater! Wer kauft denn diesen Kram? - Mir ist Haußmann erheblich näher, der triffts viel besser.
freelucky123 31.10.2011
2. Das Thema ist überbehandelt
Warum gibt es eigentlich kein Buch, das das Leben eines Jugendlichen im Südwesten Deutschlands zu Anfang der Neunziger beschreibt? Damals war für uns die EU und die Aussöhnung mit Frankreich das wichtigste, und wir waren stolz darauf näher an Paris als an Berlin zu leben. Doch dann kam der Schock! Nicht mehr Köln, München oder das ferne Hamburg waren Deutschlands wichtigste Großstädte, Zentren der Kultur, sondern eine Stadt irgendwo im Kriegsgebiet. In unserer Region, an der Grenze zur Schweiz, nahe dem Elsaß, lagen unsere Hoffnungen auf einer Verbindung mit dem Nachbarn, ohne durch Norddeutsche, Preussen oder irgend jemand durch Grenzen davon abgehalten zu werden mit Menschen des gleichen Schlags Kultur aber auch Güter, Waren, etc. auszutauschen. All diese Bemühungen (beispielsweise französisch als erste Fremdsprache, nicht englisch) waren plötzlich wertlos, weil eine andere Kultur viel wichtiger schien: der Osten, die Russen, die Ossis, deren Traditionen sollten wir lernen. Das uns aber Berlin schon immer reichlich egal war und wir eigentlich nur zum Einkaufen am Wochenende nach Strassburg ohne Grenzkontrollen wollten hat in der "Wiedervereinigten Bundesrepublik" niemand interessiert. Auch der Bruch den der Umzug vom bescheidenen Bonn in das ferne und so unverständlich komplizierte Berlin ist NIRGENDS aufgearbeitet worden. Damals ging nicht nur die DDR unter, sondern auch die Bundesrepublik mit ihren beschaulichen und unabhängigen Ländern, all dies wurde kaputt gemacht zu Gunsten eines Zentralismus, dessen kulturelle Auswirkungen sich nicht zuletzt in der Europaskepsis heute niederschlägt.
tosal 31.10.2011
3. Generation XY
Zitat von sam clemensWann ist endlich Schluss mit der Zonen-Befindlichkeitsliteratur? Dieses Suhlen in Depression, Ofer/Täter-Biographien, diese furchtbare Selbstfindungsprosa ist nicht zu ertragen. Schon dieses Geraune "Niemand spricht ..."! Das ist doch nur ne Pose im Betroffenheitstheater! Wer kauft denn diesen Kram? - Mir ist Haußmann erheblich näher, der triffts viel besser.
Ui, da ist aber Druck im Kessel bei Sam Clemens ... Und das mag ja auch verständlich sein, wenn man mit der Ostproblematik nix am Hut hat bzw. haben will. Genauso könnte man aus anderer Perspektive über all die Nabelschauen und Selbstbenamungs-Versuche West herziehen, ob sie nun "Generation Golf", "Generation Facebook" oder "Generation Nasebohren" heißen ... Solange es ein kaufendes Publikum gibt, regt mich das alles nicht auf, noch haben wir ja eine solche Vielfalt auf dem Buchmarkt, dass man nicht darauf angewiesen ist, diese Befindlichkeitsliteratur auch zu kaufen. Freuen wir uns dran, jedenfalls so lange, bis das volks-(oder sonstwie-)eigene Kombinat Amazon den Einheitsbreileser erschaffen hat.
zrdcator 31.10.2011
4. jeder was er kann
oder zu koennen glaubt. Die betreffende Damen eben Buecher schreiben, ohne viel erlebt zu haben. Da ich nun mal aus Weimar komme (auch wenn ich es seit ca 30 Jahren nur noch 5-6 im Jahr besuche) bin ich mir recht sicher, dass die sich gut verkaufende "Neonazimode" wie auch andere Nachwendephaenomena sich an anderen Orten viel besser studieren lieszen. In Weimar gibt es vielleicht Leute, die dank "akadamischer" (was immer das genau soll) Eltern schreibmutiger sind, und sich auch als kleine Goetheabsenker besser zu verkaufen hoffen - wenn man verstehen will, was im Osten nach 1989 geschah sollte man nicht in eine Stadt gehen, die zu einer Handvoll Erfolgreichsten gehoert. Mein Geld kriegt dieses "Sachbuch" jedenfalls nicht.
skepti 31.10.2011
5. Ost- und westdeutsche Perspektive
Zitat von tosalUi, da ist aber Druck im Kessel bei Sam Clemens ... Und das mag ja auch verständlich sein, wenn man mit der Ostproblematik nix am Hut hat bzw. haben will. Genauso könnte man aus anderer Perspektive über all die Nabelschauen und Selbstbenamungs-Versuche West herziehen, ob sie nun "Generation Golf", "Generation Facebook" oder "Generation Nasebohren" heißen ... Solange es ein kaufendes Publikum gibt, regt mich das alles nicht auf, noch haben wir ja eine solche Vielfalt auf dem Buchmarkt, dass man nicht darauf angewiesen ist, diese Befindlichkeitsliteratur auch zu kaufen. Freuen wir uns dran, jedenfalls so lange, bis das volks-(oder sonstwie-)eigene Kombinat Amazon den Einheitsbreileser erschaffen hat.
Es besteht beim Lesen von "Betroffenheitsliteratur" grundsätzlich die Gefahr liebgewonnene Gewissheiten plötzlich aus einer vollkommen anderen Perspektive sehen zu müssen. Als Ostdeutscher wird man auch mit der Geschichte der BRD konfrontiert. Im Jahr 2008/2009 gab es eine 68er/Kulturrevolution/RAF-Welle mit Büchern, Interviews und TV-Dokumentationen von "betroffenen" 68ern und deren Gegnern. Es war mir vorher nicht bewusst, wie stark Westdeutsche die 68er-Revolution als Erlösung auf der einen Seite oder Katastrophe auf der anderen Seite erlebten. Noch heute scheinen bei vielen Konservativen der "68er-Schock" tief zu sitzen. Als Ossi wusste ich das nicht. In der DDR gab es weder 68er noch irgendeine Art Gegner davon. Für Ostdeutsche waren z.B. die Grünen nur eine westdeutsche Umweltschutzpartei, die sich mit Bündnis90 vereinigte.
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