Autor Alexander Häusser Schreiben auf scharfem Grat

Alexander Häusser? Wer soll das sein? Ein exzellenter Autor, den der Literaturbetrieb fast vollständig vergessen hat. Sein neues Buch "Karnstedt verschwindet" gehört zu den ergreifendsten deutschen Romanen der Saison. Ach was, der letzten Jahre!


"Geschichte und was sie im Leben Einzelner anrichtet, ist das Thema all meiner Bücher", sagt der in Hamburg lebende Schriftsteller Alexander Häusser mit Blick auf seinen neuen Roman "Karnstedt verschwindet". "Ich schreibe über das Verfehlte und Erschwerte der Menschen miteinander", erklärt der Autor, "über Sprachlosigkeit, und also über das, worüber nicht gesprochen wird und worüber man sprechen sollte."

Autor Häusser: "Die Hoffnung, nicht abzustürzen"
Hanna Lippmann

Autor Häusser: "Die Hoffnung, nicht abzustürzen"

In seinem Debütroman "Memory" von 1994, in dem ein junger Mann an einem rätselhaften Müdigkeitssyndrom leidet und bei der Suche für dessen Ursachen ebenso akribisch wie schonungslos die eigene Familiengeschichte zu durchforsten beginnt, demonstrierte Häusser die latente Vernetzung von Erinnerung und Dichtung.

In seinem vier Jahre später folgenden Buch "Zeppelin", dessen Verfilmung von Gordian Maugg soeben in die deutschen Kinos gelangt ist, waren es die Nahtstellen zwischen privater und offizieller Geschichte, die der 1960 in Reutlingen geborene Autor geschickt freizulegen verstand.

Und Häussers zentrale, dem Buch seine Stoßrichtung verleihende Frage lautete damals: Welche Rolle spielte der Großvater und Zeppelinbauer Robert Silcher beim Absturz der legendären "Hindenburg" in Lakehurst 1937? Das Resultat war ein ebenso spannendes wie komplexes Verwirrspiel aus Fakten und Fiktionen - und ein Buch über Schweigen und vorsätzliches Vergessen.

Ein Thema, das auch Häussers neuen, nach acht Jahren des Schweigens erschienener Roman "Karnstedt verschwindet" bestimmt. Entrollt wird darin die Geschichte von Simon Welde, der sich um die Hinterlassenschaft seines ehemaligen Schulfreundes Karnstedt kümmern soll. Der ist anscheinend ins dänische Meer in den Freitod gegangen. Welde sträubt sich zunächst gegen die Aufgabe, schließlich sind inzwischen mehr als zwanzig Jahre vergangen, seit ihre Freundschaft zerbrach. Weil Karnstedt ihn jedoch ausdrücklich zum Nachlassverwalter bestimmt hat, macht Welde sich widerwillig auf die Reise nach Dänemark.

Dort angekommen, beginnt er seinen Bericht mit den Worten: "Seit gestern beheize ich sein Arbeitszimmer wieder. Ich musste mich überwinden, den Raum noch einmal zu betreten. Er muss wie ein Wahnsinniger getobt haben. Gerade hier angekommen, stand ich gebückt in dem niedrigen Türrahmen, hielt die Reisetasche noch in der Hand." Welde sichtet die Papiere des einstigen Freundes, macht sich daran, das Haus zum Verkauf anzubieten.

Eine Liaison dangereuse

"Es ist die Geschichte einer gefährlichen Freundschaft, die ich erzähle", sagt Häusser, der neben Autoren wie Klaus Böldl, Bodo Morshäuser oder Roland Koch zu den stillen, und noch zu entdeckenden geheimen Größen der jüngeren deutschsprachigen Literatur zählt. "Aber es ist auch die Geschichte einer großen Demütigung und einer gewaltigen Manipulation."

Häusser erzählt sie als lange poetische Rückblende, in deren Verlauf wir die symbiotische Beziehung zweier schicksalhaft verbundener Außenseiter erleben, deren Verbindung tragisch enden muss. Er blendet zurück in die siebziger Jahre und schildert Szenen aus der gemeinsamen Schulzeit in der schwäbischen Provinz. Beide begeistern sich für Menschheitsgeschichte, und beide träumen von einer Karriere als Wissenschaftler, die sie hinaus führt aus der Enge von Simons Dachkammer, in der sie Pläne für ein anderes Leben schmieden: hier der geniale, wegen seiner Haarlosigkeit gehänselte Albino Karnstedt, der seine Mitmenschen wie Marionetten bedient; dort der schmächtige, in seinen Phantasien eher diffuse Simon, der viel zu spät begreift, welche Rolle er in Wahrheit in Karnstedts geheimen Plänen spielt.

Denn was in dessen Augen als Zweckbündnis zweier Ausgestoßener gegen die Quälereien der Mitschüler erscheint, ist in Wahrheit das von Karnstedts Seite kühl inszenierte Versteckspiel eines entschlossenen, vom Leben gekränkten Narziss, der für sein ahnungsloses Gegenüber mehr als nur Freundschaft empfindet.

Die Frage nach sich selbst

"Die Geschichte des genialen Außenseiters, der seine eigene Moral hat und sich mit allen Mitteln gegen die Welt durchzusetzen versucht, beschäftigte mich schon lange", erzählt Häusser, der sich zuletzt als Drehbuchautor und Plattenverkäufer bei 2001 in Hamburg durchschlug.

"Es ist von Buch zu Buch ein Sich-Erinnern und Wiederentdecken von Strukturen, die in meiner Biographie eine Rolle gespielt haben", sagt er. "Und es ist immer die Frage nach der menschlichen Existenz, die ich stelle. Nach ihren Möglichkeiten in der jeweiligen Gesellschaft und der Welt. Das mündet schließlich in die Frage nach sich selber." Mit präzise kalkulierter Wucht zieht dieser Autor seinen Leser in die Geschichte. Und man muss weit zurückgehen, zu verwehten Erzählergrößen wie Franz Tumler oder Wolfgang Bächler und deren Romanen "Aufschreibung aus Trient" oder "Der nächtliche Gast", sucht man nach passenden Vergleichen zu der leisen, eindringlichen Schönheit von Häussers Text.

"Das Leben hat etwas wunderbar Ernsthaftes", schrieb einst der amerikanische Schriftsteller John Cheever in seinen "Tagebüchern". "Doch unterhalb unserer alltäglichen Existenz gibt es noch eine andere Welt – das Chaos -, und darüber hängen wir an einem seidenen Faden. Aber der Faden hält. "

Von der Spannung in diesem Faden erzählt Alexander Häussers neuer Roman: von Betrug, von Lebenshunger und verdeckten Gefühlen. Und davon, dass Vergangenheit nie zu Ende ist. "Ich hatte immer das Gefühl, ein Grenzgänger zu sein und mich auf dem schmalen Grat zwischen Dazugehörigkeit und Fremdsein zu bewegen", erklärt der Schriftsteller abschließend. "Und diesem Gefühl ist mein Schreiben geschuldet: der Hoffnung, nicht abzustürzen."


Alexander Häusser: "Karnstedt verschwindet", Knaus, 176 Seiten, 16 Euro



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