Hillbilly-Meisterwerk "Knockemstiff" Die Angst ist unser Motor

Drogenwracks, Gewalttäter, Verwahrloste: Was anderes soll aus Menschen werden, die in einer Stadt aufwachsen, die Schlag-ihn-tot heißt? Der Hillbilly-Autor Donald Ray Pollock hat diesen Speedfreaks seinen furiosen Erzählband "Knockemstiff" gewidmet.

Von

Corbis

Frankie und Bobby haben Brennstoff auf dem Rücksitz ihres 69er Dodge Super Bee liegen, der sie problemlos nach Kalifornien katapultieren könnte: 240 Kapseln Black Beauties, sogenanntes Apotheker-Speed, das in den sechziger und siebziger Jahren als starkes Schmerzmittel verschrieben wird. Mit Hilfe dieser Pillen wollen die beiden Jungs Knockemstiff, ihr Heimatkaff im Nirgendwo von Ohio, für immer hinter sich lassen.

Woher sie das Zeug haben? Eine Frau sammelte den Stoff ein, indem sie ihre Kinder unter Vorspiegelung irgendwelcher Leiden zu Ärzten im ganzen Land geschleppt hatte. Frankie und Bobby stahlen der Frau die Black Beauties aus der Gefriertruhe. Der Traum von Hollywood erfüllt sich für die beiden trotzdem nicht. Statt das Speed auf ihrem Trip zu verkaufen, schlucken sie es selber, schon im Nachbarskaff haben sie bereits fast die Hälfte intus. Am Ende finden sich die Jungen auf einem Schrottplatz von Knockemstiff wieder, um ein totgefahrenes Huhn über einem brennenden Autoreifen zu grillen.

Aus Knockemstiff kommt eben keiner raus. Das gilt im gewissen Sinne auch für den Autor Donald Ray Pollock, der sich mit einer gleichnamigen Geschichtensammlung über seine Heimatstadt einen Namen gemacht hat. "Knockemstiff" erschien vor fünf Jahren als sein Debüt in den USA, da war Pollock schon 54 Jahre alt. Sein Werdegang bis dahin: Zu viele falsche Drogen, Flucht aus der Highschool, Schufterei in den Schlachthöfen Ohios, noch mehr Schufterei in einer Papierfabrik, mit über 40 schrieb er sich auf dem College ein. Auf Pressefotos sieht man nun einen älteren Herren mit schmalem Schädel und breitem, muskelbepacktem Kreuz, das er sich beim Schweinezerlegen antrainiert hat. Ein Typ, der aus einer seiner eigenen Geschichten gefallen sein könnte.

Drogen ändern sich, Gewalt bleibt

Letztes Jahr erschien hierzulande Pollocks Roman "Das Handwerk des Teufels", für das er seine Erinnerungen aus den frühen Tagen in Ohio zu einem monströsen, verschlungenen und kunstvollen Werk über Trieb und religiösen Wahn im Hillbilly-Hinterland Amerikas verarbeitete. Nun ist auch sein erstes Buch auf Deutsch erschienen. Zum Glück versuchte der Verlag Liebeskind, der sich durch die Veröffentlichung von Autoren wie Pete Dexter oder Daniel Woodrell hierzulande als wichtigstes Haus für nachtschwarze Americana-Literatur etabliert hat, gar nicht erst, den titelgebenden Eigennamen zu übersetzen.

Knockemstiff, das muss man als Imperativ lesen. Die ungefähre Übersetzung: Schlag ihn tot! Ein Stadtname als Programm.

Die Geschichten in Pollocks "Knockemstiff" spielen irgendwann zwischen den vierziger und den neunziger Jahren, aber die Zeitverschiebungen sind kaum zu spüren. Die Drogen ändern sich von Story zu Story, aber die Gewalt bleibt dieselbe, sie wird von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter vererbt. Konsumiert werden in Pollocks Geschichten unter anderem Speed, Crystal Meth, irgendwelche Schnüffelgase, aber eben auch Schmerzmittel oder Seconal-Zäpfchen, die eigentlich der Krebstherapie dienen. Die Charaktere sind immer breit, immer zu allem bereit. Außer zur Arbeit.

Sieg der Imagination über die Wirklichkeit

Wo das Sprachzentrum dieser Speedfreaks blockiert ist, werden Sex und Gewalt zu gängigen Ausdrucksformen. Pollock beschreibt Inzucht, Triebabfuhr an Spielpuppen und Prostitution im untersten Währungsbereich (eine Speed-Kapsel gegen einmal Geschlechtsverkehr). In einer Geschichte muss ein Junge seiner Mutter im Schlafzimmer ein Messer an die Kehle halten, damit diese ihre masochistischen Phantasien ausleben kann.

Ist der Mensch ein Tier? Eben nicht. Noch im abgründigsten Szenario beschreibt Pollock das Handeln seiner Figuren mit lakonischer psychologischer Akkuratesse. Angst ist ihr Motor, Enthemmung die Befreiung. So schrundig, so körpersaftgetränkt, so depraviert der soziale Kosmos von "Knockemstiff" wirkt, die Sprache Pollocks ist frei von aller Lüsternheit und Brutalität. Der Autor mit den Muckis setzt der beschriebenen Gewalt keine aufgepumpte Sprachgewalt entgegen. Pollock ist nicht der Typ für billige Hardboiled-Folklore.

Vielleicht ist gerade das Pollocks Trick, dem Vermächtnis der Gewalt, so wie sie in seinen Geschichten von Generation zu Generation weitergegeben wird, zu entkommen. Er ringt der Wahrheit seiner Herkunft eine höhere Wahrheit ab, er antwortet auf Elend mit Ästhetik.

In einer der besten Storys geht es um einen Jungen, der seinem Schlägervater vortäuscht, er hätte in seinem Auto ein Mädchen entjungfert, auf dass der notgeile Alte endlich Ruhe gibt. Der Junge inszeniert die vermeintliche Entjungferung samt Blutfleck auf der Rückbank so perfekt, dass ein anderer Loser ihn zum Helden erhebt und sich in das von ihm ersonnene Szenario hineinträumt. Ein Sieg der Imagination über die Wirklichkeit - und zugleich eine Analogie für die Arbeit des Schriftstellers: Donald Ray Pollock schafft wunderschöne kranke Literatur als Antwort auf die unschöne kranke Welt da draußen. Auch eine Art zu überleben.



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The Independent 10.07.2013
1. ...
---Zitat von Christian Buß--- Nix wie weg hier: So wie diesen *US-Teenagern aus den fünfziger Jahren* geht es den meisten Figuren in Donald Ray Pollocks Buch "Knockemstiff" - doch keinem gelingt die Flucht. ---Zitatende--- Das erste Foto in der verlinkten Bildserie wurde am *27. März 1969* aufgenommen und stammt aus der CORBIS Bilddatenbank. Der Datenbankeintrag dort enthält folgende Beschreibung: "Teenagers Cruising in 1957 Chevy". Übersetzt bedeutet dies: "Teenager/Jugendliche fahren in einem Chevrolet Baujahr 1957 herum". Als der Wagen gebaut wurde, waren beide ca. 4-5 Jahre alt.; in den USA durfte und darf man im Allgemeinen ab 16 Jahren den Führerschein erwerben. Teenagers Cruising in 1957 (http://www.corbisimages.com/stock-photo/rights-managed/42-21365363/teenagers-cruising-in-1957-chevy) Selbst ein nur flüchtiger Blick auf die Fahrzeuge im Hintergrund lässt bereits erkennen, dass die Aufnahme nicht aus den 50ern stammen kann. Etwas mehr Sorgfalt bei der Auswahl der Fotos bzw. Untertitel wäre wünschenswert.
james592 10.07.2013
2. optional
Das gab´s schon vor etwa 30 Jahren von Charles Bukowsky...
edl666 10.07.2013
3. Nix gegen den guten Charles ...
... aber das gab es vor 30 Jahren niemals bei CB. Knockemstiff ist weitaus mehr als die rotzige Lektüre, für die CB durchaus verdienten Ruhm eingefahren hat. Pollock schildert wie die USA zu dem Schwellenland werden, das sie heute sind. High Tech bei der NSA, völlige Stagnation im Hinterland. Während die NASA den Weltraum eroberte, lebten andere einfach hinter dem Mond. Knockemstiff könnte auch in gewissen Teilen Bayerns oder Brandenburg spielen. Hell is around the corner ...
Jonny_C 11.07.2013
4. Respekt !
Zitat von edl666... aber das gab es vor 30 Jahren niemals bei CB. Knockemstiff ist weitaus mehr als die rotzige Lektüre, für die CB durchaus verdienten Ruhm eingefahren hat. Pollock schildert wie die USA zu dem Schwellenland werden, das sie heute sind. High Tech bei der NSA, völlige Stagnation im Hinterland. Während die NASA den Weltraum eroberte, lebten andere einfach hinter dem Mond. Knockemstiff könnte auch in gewissen Teilen Bayerns oder Brandenburg spielen. Hell is around the corner ...
Das haben Sie sehr schön und elegant formuliert ! Ich bin CB Fan, habe als 17 Jähriger eine Kurzgeschichte von ihm im Playboy gelesen und mir dann nach und nach alle seine Bücher gekauft. Lang lang ist es her. Später (vor 9/11) war ich dann selber häufiger in den USA, zuletzt (2012) in Detroit, das wird wohl mein letzter USA Besuch gewesen sein. Es gibt sie, die High-Tec Inseln, aber vieles ist jetzt bereits 3. Welt. Auf die Pollock Bücher bin ich gespannt.
mcx 11.07.2013
5.
Zitat von james592Das gab´s schon vor etwa 30 Jahren von Charles Bukowsky...
1. Nein. Bitte erst selbst Knockemstiff lesen, dann noch mal den Kommentar überdenken. 2. Selbst wenn es so wäre, na und? Was es vor 30 Jahren bei Bukowski gab, gab es vor 60 Jahren bei John Fante. Und auch der hat das Schreiben nicht erfunden.
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