Autor Günter Grass "Ich war Mitglied der Waffen-SS"

Nur wenige Wochen vor dem Erscheinen seiner Autobiografie lüftet Günter Grass ein Geheimnis: 1944/45 war er Mitglied der Waffen-SS. In einem Interview der "FAZ" bekennt er seine jugendliche Naivität - und spricht von der Last des "restlichen Makels".


"Beim Häuten der Zwiebel" heißt das Erinnerungsbuch, das im September erscheinen wird. Es enthüllt ein brisantes Kapitel in Günter Grass' Vita: Der 1927 geborene Nobelpreisträger war Mitglied der Waffen-SS.

Nobelpreisträger Grass: "Es blieb der restliche Makel"
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Nobelpreisträger Grass: "Es blieb der restliche Makel"

In einem morgen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erscheinenden Gespräch äußert sich Grass bereits zu diesem Thema - und macht die bislang kursierenden Biografien korrekturbedürftig. Der "Blechtrommel"-Autor war nicht wie bislang bekannt lediglich 1944 als Flakhelfer eingezogen worden. Grass wurde mit 17 einberufen und kam vom Arbeitsdienst zur Panzerdivision "Frundsberg", die zur Waffen-SS gehörte.

Auf die Frage, warum er erst jetzt über seine Mitgliedschaft spreche, antwortete der Schriftsteller: "Das hat mich bedrückt. Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe."

Er habe sich freiwillig gemeldet, erklärt der Schriftsteller im "FAZ"-Gespräch, "aber nicht zur Waffen-SS, sondern zu den U-Booten, was genauso verrückt war". Dort hätte man aber niemanden mehr genommen, die Waffen-SS habe jedoch in den letzten Kriegsmonaten 1944/45 genommen, "was sie kriegen konnte".

"Je weniger Flugplätze noch intakt waren, desto mehr Bodenpersonal wurde in Heereseinheiten oder in Einheiten der Waffen-SS gesteckt. Bei der Marine war's genauso", erinnert sich der Nobelpreisträger. Die Waffen-SS sei für ihn erst einmal "nichts Abschreckendes" gewesen, sondern eine Eliteeinheit. Erst später habe ihn ein Schuldgefühl geplagt. "Es war für mich immer mit der Frage verbunden: Hättest Du zu dem Zeitpunkt erkennen können, was da mit dir vor sich geht?"

Dass er diesen Teil seiner Vergangenheit würde zur Sprache bringen müssen, habe für ihn immer festgestanden, so Grass. Ob er den richtigen Zeitpunkt verpasst habe, seine SS-Zugehörigkeit zu thematisieren? "Das weiß ich nicht", erklärt der Dichter. "Es ist sicher so, dass ich glaubte, mit dem, was ich schreibend tat, genug getan zu haben. Ich habe ja meinen Lernprozess durchgemacht und daraus meine Konsequenzen gezogen. Aber es blieb dieser restliche Makel."

Weniger brisant, eher amüsant ist Grass' Erinnerung an einen Jungen namens Joseph, mit dem er im Kriegsgefangenenlager war. Auf die Frage, ob dieser 17-Jährige tatsächlich der heutige Papst Benedikt XVI. gewesen sei, erklärt Grass: "Der wurde mein Freund und mein Knobelkumpan, denn ich hatte einen Würfelbecher ins Lager retten können. (…) Ich wollte Künstler werden, und er wollte in die Kirche, dort Karriere machen. Ein bisschen verklemmt kam er mir vor, aber er war ein netter Kerl."

Tatsächlich war Joseph Ratzinger wie Grass im Lager Bad Aibling inhaftiert. Ob der Vatikan zu Grass' Erinnerungen Stellung nehmen wird, bleibt abzuwarten.

dan



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