Autor Houellebecq Prozessauftakt wegen islamfeindlicher Äußerungen

Wegen rassistischer Beleidigung und Anstiftung zum Religionshass muss sich der französische Schriftsteller Michel Houellebecq seit Dienstag in Paris vor Gericht verantworten. In einem im September 2001 in der Literaturzeitschrift "Lire" veröffentlichten Interview hatte der Autor den Islam als die dümmste Religion überhaupt bezeichnet.


Von Moslem-Organisationen angeklagt: Michel Houellebecq
DPA

Von Moslem-Organisationen angeklagt: Michel Houellebecq

Paris - Der Autor war bei der Eröffnung des Prozesses, der mit mehr als einer Stunde Verspätung anfing, dabei. Eine Menschenmenge drängelte sich vor dem Gerichtssaal, so dass die Sicherheitskräfte Absperrungen aufstellen mussten.

"Die Aussagen haben zweifellos islamfeindlichen Charakter", erklärten die Großen Moscheen von Paris und Lyon sowie der Dachverband der Moslems in Frankreich, die gegen den Autor Klage erhoben haben. "Im Mittelpunkt des Prozesses steht der moslemfeindliche Rassismus, weniger die Persönlichkeit oder die Provokationen eines Erfolgsautors", erklärten die Moslem-Organisationen und Einrichtungen.

Intellektuelle und Künstler sehen durch den Prozess die Meinungsfreiheit gefährdet. In einer Petition für Houellebecq heißt es: "Eine Meinung über die Religion zu haben, eine der anderen vorzuziehen oder alle abzulehnen fällt unter das Recht auf freie Meinungsäußerung." Laut "Liberation" haben unter anderem der Schriftsteller Fernando Arrabal sowie die Regisseure Patrice Chereau und Claude Lanzmann unterzeichnet.

Houellebecqs Roman "Plattform": Provoziert Verdacht auf rassistische Einstellung

Houellebecqs Roman "Plattform": Provoziert Verdacht auf rassistische Einstellung

Die Unterstützer des in Irland lebenden Autors erklären weiter, in dem Interview in der Zeitschrift "Lire" seien abschwächende Sätze Houellebecqs nicht widergegeben worden. Zudem habe sich das Gespräch um Romanfiguren gedreht. Der Anwalt des Autors, Emmanuel Pierrat, sagte, aus Fragen seien Antworten gemacht worden.

"Lire"-Chefredakteur Pierre Assouline betonte dagegen, Houellebecq habe niemals den Inhalt des Interviews dementiert. "Alles, was in diesem Gespräch gesagt wurde, entspricht genau seinen Gefühlen, wenn nicht seinen Überzeugungen", so Assouline. In dem Interview hatte der offenbar angetrunkene Autor zudem gesagt: "Der Islam ist eine gefährliche Religion."

Schon mit seinem Buch "Plattform" hatte Houellebecq einen Verdacht auf eine rassistische Einstellung provoziert. Der mittlerweile auf Deutsch und Englisch übersetzte Bestseller kam wenige Tage vor dem Interview auf den Markt. Das Buch handelt vom Sextourismus in Südostasien und einem Angriff islamischer Terroristen. Darin lässt der 1958 in Paris geborene Autor eine Romanfigur sagen: "Ich freue mich immer, wenn ich erfahre, dass ein palästinensischer Terrorist oder ein Kind oder eine schwangere Palästinenserin in Gaza getötet wurden."

Houellebecqs Roman "Elementarteilchen": Abrechnung mit Liberalismus

Houellebecqs Roman "Elementarteilchen": Abrechnung mit Liberalismus

Der in der irischen Grafschaft Cork lebende Houellebecq ist bekannt für seine Provokationen. Bereits 1998 sorgte er mit seinem Roman "Die Elementarteilchen" für Aufsehen. Das Buch ist eine Abrechnung mit Liberalismus und sexueller Revolution und erzählt die Geschichte zweier Halbbrüder, die von ihrer emanzipierten Mutter im Stich gelassen werden. Das Werk endet mit einer Zukunftsvision der Menschheit als Gemeinschaft glücklicher Klone. Verschiedene Kritiker warfen Houellebecq damals rassistisches und stalinistisches Gedankengut vor.



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