Kinderbuchautor Peter Härtling "Aus geteilter Angst entsteht Nähe"

Ein Flüchtlingsjunge als Romanheld: In seinem neuen Buch erzählt Peter Härtling die Geschichte von Djadi. Der Autor war einst selbst auf der Flucht. Er weiß, was Kindern zugemutet wird - und was man ihnen zumuten kann.

Schriftsteller Peter Härtling
Stephan Morgenstern/ Beltz & Gelberg

Schriftsteller Peter Härtling

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Härtling, seit über einem Jahr ist das Schicksal der Flüchtlinge in Deutschland nicht mehr zu ignorieren. Wann dachten Sie: Ich muss das Thema für Kinder verarbeiten?

Härtling: An den Moment erinnere ich mich sehr gut. Es war, nachdem man den kleinen Jungen in der Türkei tot am Strand gefunden hatte und hier eine Diskussion über Flüchtlingskinder begann. Ich bin merkwürdig reizbar und empfindlich, wenn ich fliehende Kinder und Mütter sehe. Da kann ich kaum noch atmen, mir kommen die Tränen. Mir wurde klar, dass es sinnvoll ist vorzuführen, wie traumatisiert und verschlossen Flüchtlingskinder sein können - und wie Erwachsene damit umgehen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren während des Zweiten Weltkriegs selbst ein Flüchtlingskind. In Ihrem neuen Buch erzählen Sie nun von Djadi, einem etwa elfjährigen Flüchtlingsjungen, der in einer deutschen Erwachsenen-WG aufgenommen wird.

Härtling: Meine Erlebnisse sind eingekapselt und sind spür- und abrufbar, wenn ich andere Menschen sehe, die Ähnliches erfahren. Oder bei bestimmten Personenkonstellationen. Etwa Frauen mit aufgerissenen, erschrockenen Augen, fassungslosem, wütendem Gesicht - und hinter sich herziehend ein Menschlein, das dreckig ist und verwildert aussieht. Das haben wir alle gemein. Ich war mit meiner Großmutter, meiner Mutter, meiner Tante und meiner kleinen Schwester unterwegs. Wir erlebten Elend, das man gar nicht schildern kann, diese Wortlosigkeit lässt einen zusammenrücken. Dieses Gefühl ist bis heute sehr nah.

Zur Person
  • DPA
    Peter Härtling, geboren 1933, ist einer der bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Geschichten wie "Ben liebt Anna", "Krücke" oder "Das war der Hirbel" sind Schullektüre. 2001 erhielt er den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises.

SPIEGEL ONLINE: Die heutige Flüchtlingskrise ist so komplex, dass die europäische Politik daran fast zerbricht. Über welche Facetten lässt sie sich denn Kindern begreiflich machen?

Härtling: Ich glaube, das ist im Grunde relativ leicht. Flüchtlingskinder verstehen ein philosophisches Urthema ganz von allein: das von Haben und Nichthaben. Ich bin mir sicher, dass man in einer Kita mit Vier-, Fünf- und Sechsjährigen deutlich machen kann, was da passiert. Da kommt einer, der hat nichts, da muss man teilen. Das ist etwas, worüber sich ganz einfach sprechen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Vom Nichthaben abgesehen: Die Kinder, die hierherkommen, erleben auf einmal auch Fremdsein. Vor ihrer Flucht waren sie zu Hause, nun sind sie "die anderen". Das bekommt auch Djadi zu spüren, in der Schule wie in den Nordseeferien.

Härtling: Das empfinde ich selbst übrigens immer noch so. Ein Satz aus der "Winterreise" hat mich als Jugendlicher geprägt: "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus." Das Fremdmachen beginnt mit Ideologie und Glauben. Wenn du nicht glaubst, bist du fremd, wenn du nicht gehorchst, bist du fremd. Autoritäre Macht neigt dazu, auszuschließen. Aber ich habe oft erlebt, auch bei Lesungen: Sobald man die eigene Wunde zeigt, werden Kinder zutraulich, geben etwas von sich preis, legen ihre Hand auf meine Hand. Sie merken: Da ist einer, der weiß was.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich daher auch in der Rolle als Übersetzer? Die Figur des Wladi in Ihrem Buch, einer der sechs WG-Bewohner, der einzige Vorkriegsgeborene, agiert ganz ähnlich.

Härtling: So ist es. Es braucht Verständnis für kleine Menschen, die Dinge erleben, die große Menschen anstellen. Kinder bewältigen das nicht, diese Erlebnisse stürzen in sie rein, sie schleppen all das mit. Den Wladi habe ich für diese WG erfunden, weil ich jemanden brauchte, der Djadi auffängt. Einen, der ein bisschen reagiert wie ich. Denn aus geteilter Angst entsteht Nähe. Jan, ein anderer der Freunde, hilft auch: Er handelt, will das Richtige tun. Aber im Unterschied zu ihm weiß Wladi eben, was richtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Über die Jahre haben Sie immer wieder über Kinder in Ausnahmesituationen geschrieben, sei es in "Krücke", in "Ben liebt Anna" oder im autobiografischen Text "Zwettl". Fehlt es in Europa derzeit an dieser Art Literatur für Kinder und Jugendliche - weil das eigentlich jene schreiben müssten, die Ähnliches erlebt haben?

Härtling: Es gibt in der niederländischen und auch amerikanischen Literatur immer wieder Versuche, aber die sind häufig sehr artifiziell. Die große Mode der Fantasyliteratur hat die realistische Literatur zurückgedrängt. Welcher junge Autor, der Erfolg haben will, setzt sich hin und schreibt ein Buch über flüchtende Kinder? Schließlich bedarf es dafür auch einer ganz bestimmten intensiven Recherche, gerade für die Nachkriegsgeneration. Für Fantasy muss man nicht recherchieren.

SPIEGEL ONLINE: In jenen Fantasystorys werden dennoch immer wieder Themen wie Ausgrenzung transportiert. Reicht das nicht?

Härtling: Es wird gekämpft, es gibt Gewalt, ja. Aber am Ende geht alles meist prima aus. Es wird alles harmonisiert.

SPIEGEL ONLINE: Mit dieser Vereinfachung kommt man gerade kaum weiter: Kinder lernen, dass man anderen hilft - und dann bekommen sie in unserem medialen Alltag all die Grausamkeiten mit und merken, dass nicht alles gut oder böse ist. Wie erklärt man das?

Härtling: Für meine Begriffe ist es notwendig, Kindern zu erzählen, dass Menschen ständig über eine Grenze zwischen Gut und Böse hinweggehen. Auf der Flucht wohnten wir in einer winzigen Stube auf einem großen Hof, wo auch die russischen Truppen mit Lastwagen campierten. Die Russen haben im Hof oft gesungen und sich die Köpfe vollgesoffen. Als Bub war ich neugierig und schlich nach unten. Einer fragte, wie ich heiße. "Hach, Peter", sagte er. "Du heißt ja wie ich, Piotr."

SPIEGEL ONLINE: Was hielt Ihre Mutter davon?

Härtling: Meine Mutter und Großmutter fanden das hochgefährlich. Er war ein Grünkappler, ein Geheimdienstler. Was ich als Kind nicht wissen konnte: Er verhörte täglich russische Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Manchmal hörte man sie schreien. Dieser Mann, der mir alle Sternbilder erklärte und aufzeichnete, ein Foto seiner Familie zeigte, quälte Menschen. Es gehört zum Krieg, dass solche Schatten auf Figuren liegen. Dass es Menschen gibt, die das Äußerste tun, damit Kinder, Frauen, alte Leute leiden.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie wie auch die Flüchtlingskinder ist dieses Grauen Normalität. Ihr Buch wird nun empfohlen für Kinder ab zehn Jahren. Wieso erst ab diesem Alter?

Härtling: Diese Zuordnung kommt vom Verlag. Ich finde, wenn es vorgelesen wird, können die Kinder auch jünger sein. Aber wenn Jüngere das selbst lesen, strengt es zu sehr an. Dafür ist zu wenig Action drin, wie die Kinder gerne sagen, wenig Überirdisches, wenig Science-Fiction, das fehlt alles. Es ist direkt und einfach.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich zur Recherche fürs Buch auch mit Kindern aus Flüchtlingsfamilien getroffen?

Härtling: Ich bin 83 und nicht mehr gut zu Fuß. Das macht es schwierig. Aber bei uns hier sind die Flüchtlinge halbwegs gut untergebracht, das weiß ich unter anderem, weil ich mich sehr nachdrücklich beim Bürgermeister hier erkundigt habe. Die Südhessen sind aufgeschlossene, urbane Leute. Mir helfen vor allem die Klassenbriefe, die ich stapelweise bekomme, das sind so 80 bis 120 jede Woche.

SPIEGEL ONLINE: Was schreiben die Kinder denn so?

Härtling: Im Lauf der Jahrzehnte hat sich einiges geändert. Bei "Ben liebt Anna" gibt es eine Szene, wo sie einfach nackt in einen Weiher springen, das war in den Siebzigern selbstverständlich. Aber plötzlich tauchte in Briefen eine kleine Gegenwehr auf. Türkische Mädchen schrieben: Das macht man doch nicht! Und ich schrieb zurück: Doch, durchaus. Und dann lese ich immer häufiger etwas, das ich nicht erwartet hätte: In Briefen von Kindern aus Syrien oder Afghanistan, die übrigens mühsam gut geschrieben sind, steht: Die Anna, das bin ich.

SPIEGEL ONLINE: Anna ist aus Polen.

Härtling: Ja, aber viel wichtiger für die Kinder: Sie lebt mit ihrer Familie in einer Baracke, sehr beengt. Als ich das Buch schrieb, las ich in Berlin in einer Schule am Chamissoplatz, da war ein Mädchen aus Litauen oder Polen - und ich beschloss: Das ist die Anna.

Peter Härtling 2005 in einer Mainzer Schule
imago

Peter Härtling 2005 in einer Mainzer Schule

SPIEGEL ONLINE: Und wer hat Sie zu Djadi inspiriert?

Härtling: Ich habe Fluchtgeschichten von Kindern gesammelt. In einem Buch über unbegleitete minderjährige Flüchtlingskinder, die UMF, erzählten viele Kinder von ihren Erlebnissen - und viele von ihrem Leben in Homs, einst eine Millionenstadt. Deswegen kommt Djadi von dort. Diese Sammlung war das Öhr, durch das ich mich einfädeln konnte.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema wird wichtig bleiben - werden Sie es in Kinderbüchern auch weiterverfolgen?

Härtling: Wenn Kinder mich fragen: Gibt's da eine Fortsetzung?, sage ich immer: Nein! Ich würde mich langweilen! Das verstehen sie dann immer. Aber in neuen Geschichten wird das wieder auftauchen. Es ist mein Lebensthema.

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hubelwutz 21.09.2016
1.
Danke für das Interview, wahnsinnig wichtiges Thema und hochinteressant.
Pride & Joy 21.09.2016
2. Trauer und Mitgefühl
*sind eine Konstante der menschlicher Empfindungen.* Wenn das Koordinatensystem dieser Empfindungen so weit verschoben ist, dass man sich dieser Gefühle verweigert, dass man auf "Kultur" abstellt um diese nicht mehr empfinden zu können, dann empfehle ich zur Wiedererlangung derselben einen Besuch in einer Flüchtlingseinrichtungen in der Region und den Blick in die Kinder-Augen derjenigen, um die es hier geht. Denn Kinder sind immer Kinder - überall auf der Welt!
Walthers 21.09.2016
3. Pride & Joy
Zitat von Pride & Joy*sind eine Konstante der menschlicher Empfindungen.* Wenn das Koordinatensystem dieser Empfindungen so weit verschoben ist, dass man sich dieser Gefühle verweigert, dass man auf "Kultur" abstellt um diese nicht mehr empfinden zu können, dann empfehle ich zur Wiedererlangung derselben einen Besuch in einer Flüchtlingseinrichtungen in der Region und den Blick in die Kinder-Augen derjenigen, um die es hier geht. Denn Kinder sind immer Kinder - überall auf der Welt!
...wenn Sie meine Meinung zitieren, werden und sollten Sie wissen, dass ich den Begriff "Kultur" nicht verwende. Und noch einmal: Die Politik muss sich an anderen Handlungsmaximen als an ausschließlich unmittelbaren Hilfsimpulsen orientieren. Denn die Verantwortung dem Mandatsgeber gegenüber ist verpflichtend und reicht über den Tag hinaus. Und da gilt es denn einen Sachverhalt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Wenn nicht, müssten wir Bischöfe, Priester und Schriftsteller zu politischen Mandatsträgern machen. Dass dies nicht der Fall ist, hat wahrscheinlich seinen guten Grund.
Pride & Joy 21.09.2016
4. Hier geht es aber
Zitat von Walthers...wenn Sie meine Meinung zitieren, werden und sollten Sie wissen, dass ich den Begriff "Kultur" nicht verwende. Und noch einmal: Die Politik muss sich an anderen Handlungsmaximen als an ausschließlich unmittelbaren Hilfsimpulsen orientieren. Denn die Verantwortung dem Mandatsgeber gegenüber ist verpflichtend und reicht über den Tag hinaus. Und da gilt es denn einen Sachverhalt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Wenn nicht, müssten wir Bischöfe, Priester und Schriftsteller zu politischen Mandatsträgern machen. Dass dies nicht der Fall ist, hat wahrscheinlich seinen guten Grund.
was beschreiben Sie denn mit Ihren eigenen Worten, wenn nicht Kultur? Was sind denn Sprache, Werte, Traditionen, wenn nicht Kultur? Dem Autor geht es gerade nicht um Kultur, es geht ihm explizit um Kinder auf der Flucht und deren Bedürfnisse. Und diese sind überall auf der Welt gleich! Erstaunlich! Der Topos der Fremdenfeindlichkeit hat, nicht nur in unserer Kultur, einen sehr, sehr langen Bart!
Walthers 21.09.2016
5.
Zitat von Pride & Joywas beschreiben Sie denn mit Ihren eigenen Worten, wenn nicht Kultur? Was sind denn Sprache, Werte, Traditionen, wenn nicht Kultur? Dem Autor geht es gerade nicht um Kultur, es geht ihm explizit um Kinder auf der Flucht und deren Bedürfnisse. Und diese sind überall auf der Welt gleich! Erstaunlich! Der Topos der Fremdenfeindlichkeit hat, nicht nur in unserer Kultur, einen sehr, sehr langen Bart!
Sie sollten für mein Gefühl mit Begriffen wie "Fremdenfeindlichkeit" etwas umsichtiger verfahren. Wenn man darauf hinweist, dass die Integration von vielen neuen fremden Menschen aus vielen fremden Ländern und mit fundamental anderen Religions- und Brauchtumsverwurzelungen eine Herausforderung ist, die allein aus einem Hilfsimpuls nicht zu lösen sein wird, weil sie die langfristigen Folgen für das Gefüge einer Gesellschaft und einer Volkswirtschaft ausblendet, hat das nichts mit "Fremdenfeindlichkeit" zu tun. Um auf Ihren Ausgangshinweis Ihres ersten Beitrags zurückzukommen: Nein, ich selbst war noch nicht in einem Flüchtlingslager. Sie? Aber meine Verwandten sind als Lehrer tätig. Da höre ich viel von den Problemen bunt durchmischter Klassen. Das möchten Sie bestimmt nicht jeden Tag als Herausforderung zu bestehen haben. Da zieht der Staat sich auch dann mal gerne aus seiner Verantwortung raus. Denn Abhilfe gibt es hier nur mit Ideen und mit mehr Geld. Beides fällt nicht vom Himmel. Ich nutze überdies den ÖPNV im Rhein-Main-Gebiet intensiv. Auch aus dieser Perspektive muss man feststellen: Das kann nicht der Weg sein, da gibt es einen beträchtlichen Clash of irgendwas. So funktioniert Gemeinwesen nicht. Welche Perspektive besteht hier, das auf ein Gleis zu bekommen, das ein gedeihliches Miteinander zur Aussicht hat, bei dem es gesittet zugeht und man respektvoll mit sich, seiner Umwelt und dem Gegenüber umgeht? Woher soll dieses Wissen kommen? Aus den Freiwilligen Helferorganisationen? Aus einem staatlichen Regieplan? Der von was bezahlt wird? Sehen Sie, ein Peter Härtling muss das nicht fragen, denn er ist Autor und folgt einem humanistischen Imperativ. Der die Antworten erst mal schuldig bleibt. Der Staat, die Gemeinschaft hingegen, muss vertretbare Antworten haben. Das unterscheidet ihn von der Kunst.
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