Autor Powers über Genom-Entschlüsselung: "Es war wie im Science-Fiction-Film"

Was liest einer der renommiertesten Autoren der USA? Sein Genom. Richard Powers ließ seine Gene vollständig entschlüsseln. Im SPIEGEL-Interview erklärt er, warum er sich erstmal wie ein Westernheld fühlte und was seine Biologie mit Nigeria zu tun hat.

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Autor Powers: "Als würde ich in den Wilden Westen aufbrechen"

SPIEGEL: Herr Powers, sie sind der neunte Mensch auf der Erde, dessen Genom vollständig entschlüsselt wurde. Was haben Sie sich erhofft?

Richard Powers: Sicherlich keine guten Nachrichten. Ich war ein fünfzig Jahre alter Mann, ich hatte erhöhte Blutfettwerte, meine beiden Großväter waren an Herzinfarkten gestorben und mein Vater an Darmkrebs. Im besten Falle, dachte ich, kommt überhaupt nichts Eindeutiges heraus.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich trotzdem dafür entschieden?

Powers: Ich habe lange gezögert, aber dann war ich doch zu wissbegierig. Eine Eigenschaft, die bei übrigens erblich veranlagt ist, wie sich herausstellte: Ich habe das "Neugier-Gen". Ich brauche immer neue Herausforderungen, um stimuliert zu werden.

SPIEGEL: Sie waren nervös?

Powers: In der Nacht vor der Blutabnahme bin ich aufgewacht und dachte, ich muss die Sache abbrechen. Ich machte mir Gedanken darüber, was es für mich bedeuten würde, wenn mein Genom dekodiert vorliegt, was es zum Beispiel für Auswirkungen auf meine Krankenversicherung haben würde. Die ganze Sache war ja so neu, es gab noch keine Regeln. Es war noch nicht mal geklärt, ob die Sache überhaupt legal ist. Ich fühlte mich, als würde ich aufbrechen in den Wilden Westen.

SPIEGEL: Was hat denn ihre Frau dazu gesagt?

Powers: Ihr Vertrauen in mich ist völlig überzogen.

SPIEGEL: Wie lange mussten Sie warten?

Powers: Das Ergebnis bekam ich nach ungefähr sechs Monaten. Es war wie in einem Science-Fiction-Film. Acht Wissenschaftler, aus verschiedenen Fachbereichen saßen um einen runden Tisch und diskutierten über mein Erbmaterial. Ich musste mich ständig daran erinnern, dass es hier um mich geht. Am Ende überreichten sie mir einen USB-Stick mit meinem Genom, sechs Milliarden Basenpaare. Ich kann die Informationen jederzeit abrufen, die Risikobereiche sind rot markiert; ich habe zum Beispiel eine Veranlagung zu Depressionen und Herzkrankheiten. Wenn ich online bin kann ich sie anklicken und erhalte medizinische Ratschläge.

SPIEGEL: Kam denn etwas Überraschendes heraus?

Powers: Genetisch bin ich mit Yoruba verwandt, ein nigerianischer Volksstamm. Das ist sehr ungewöhnlich für einen Weißen.

SPIEGEL: Wie hat sich ihr Leben seither verändert?

Powers: Konkret hat sich wenig verändert. Aber meine Sichtweise auf die Gentechnologie ist eine andere. Ich habe begriffen, dass die Entschlüsselung des Genoms nur eine von vielen Untersuchungen in der modernen Medizin ist. Es kommt nichts Definitives dabei heraus, nur Wahrscheinlichkeiten. Hätte ich mir das vorher bewusst gemacht, ich hätte mir vermutlich weniger Sorgen gemacht.

Das Interview führte Nicola Abe

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Forum - Dumm, dick, unglücklich – sind an allem die Gene Schuld?
insgesamt 638 Beiträge
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    Seite 1    
1. hajo
Websingularität 07.08.2010
Was heißt hier Schuld? Die Gene sind halt wie sie eben sind. Dumm, groß, klug, schlank, krank, gesund, ... Jedem Individuum wurde von der Natur sein/ihr spezielles DNA-Molekül zugeordnet. Mit dem Erbgut muss man halt leben. Ausser man macht Gentherapie :) Was weiß ich, wie viele Kombinationen in so einem DNA-Strang möglich sind. Jeder von uns steht für eine Möglichkeit aus diesen Kombinationen.
2. .
Kermit2 07.08.2010
Es gibt aber doch auch Menge an Geschwistern, die vom Charakter etc. stark unterschiedlich sind. Wenn das alles an den Genen liegen würde, wäre das wohl nicht so. Bei Geschwistern sind die Rahmenbedingungen bei Erziehung ja doch ähnlich !
3.
merapi22 07.08.2010
Zitat von sysopDiäten, Coaching, Therapie - die angeboten Mittel sind vielfältig, sie sollen uns attraktiver, erfolgreicher und glücklicher machen. Aber was bringt dies alles wirklich? Sind wir vor allem durch unsere Gene programmiert und geprägt? Oder ist jeder nach wie vor seines Glückes eigener Schmied?
In der Zwillingsforschung hat man festgestellt, dass die Gene uns zu über 80% prägen! Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, man sollte die Begabungen herauskehren und lernen geschickt die Schwächen zu überspielen. So kann ein jeder all seine Träume verwirklichen. Als Tipp die Messlatte nicht zu hoch legen, dann überspringt man leichter alle Hindernisse!
4.
Sponator 07.08.2010
Zitat von Kermit2Es gibt aber doch auch Menge an Geschwistern, die vom Charakter etc. stark unterschiedlich sind. Wenn das alles an den Genen liegen würde, wäre das wohl nicht so. Bei Geschwistern sind die Rahmenbedingungen bei Erziehung ja doch ähnlich !
Ihnen ist aber schon bekannt, dass sich Geschwister (mitunter deutlich) genetisch voneinander unterscheiden können? Ansonsten werden wissenschaftliche Ergebnisse aus Zwillungsstudien etwa zur Vererbung der Intelligenz konsequent nicht beachtet, wahrscheinlich weil man sich den sozialpolitischen Implikationen aus Gründen der Political Correctness nicht stellen möchte. http://en.wikipedia.org/wiki/Heritability_of_IQ
5. Buch "Der zweite Code"
Roger Meier 08.08.2010
Wer das was im Spiegel-Artikel steht etwas ausfühlicher haben will, dem sei das Buch "Der zweite Code: Epigenetik - oder Wie wir unser Erbgut steuern können" von Peter Spork empfohlen.
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Zur Person
John Foley/ Opale/ Studio X
Richard Powers, 53, gilt als einer der erfolgreichsten Romanciers der Gegenwart. Seine Romane, u.a. " Der Klang der Zeit" (2004), "Das Echo der Erinnerung" (2006) und "Das größere Glück" befassen sich oft mit naturwissenschaftlichen und technischen Themen - und sind gerade auf dem deutschsprachigen Buchmarkt sehr populär. Im Jahr 2006 wurde Powers mit dem National Book Award for Fiction, der bedeutendsten amerikanischen Literaturauszeichnung, geehrt. Er lehrt an der Universität von Illinois und war im Sommer 2009 Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin.

Buchtipp

Richard Powers:
Das Buch Ich # 9

Fischer S. Verlag; 78 Seiten; 12,00 Euro.

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Fotostrecke
Das Wissen um die DNA: Was Gene verraten

Das Erbgut
Genom
Das Genom bezeichnet das gesamte Erbgut eines Organismus. Außer bei einigen Viren besteht es immer aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das Genom beinhaltet den Bauplan für die Produktion sämtlicher Proteine (Eiweißmoleküle), die ein Organismus zum Leben benötigt. Ein Gen ist ein Sequenzabschnitt auf dem Genom und beinhaltet die Erbinformation für ein Protein. Die einzelnen Bausteine der DNA sind vier verschiedene sogenannte Nukleinsäuren: A, C, T und G.
Messenger-RNA (mRNA)
Die mRNA ist eine Art Genabschrift oder Blaupause der DNA. Nur die mRNA kann von den Proteinfabriken der Zellen, den sogenannten Ribosomen gelesen werden. Sie gibt ihnen vor, in welcher Reihenfolge Aminosäuren - die Bausteine von Proteinen - für das jeweilige Protein zu verknüpfen sind.
Codon
Ein Codon ist eine Folge von drei Bausteinen (Nukleotiden oder Basen) der DNA und analog auch der mRNA. Ein Codon steht für eine bestimmte Aminosäure oder als Stoppsignal, welches das Ende einer Bauanweisung für ein Protein kennzeichnet.
Genetischer Code
Der genetische Code ist die Zuordnung der Basen-Dreiergruppen und der Aminosäuren. Da vier verschiedene Basen zur Auswahl stehen, umfasst der genetische Code insgesamt 64 Codons. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehr als ein Codon. So stehen beispielsweise die Codons CAG und CAA für die gleiche Aminosäure, die Glutaminsäure.
Transfer-RNA (tRNA)
Die tRNAs übernehmen eine Adapterfunktion beim Bau der Proteine: Jede tRNA hat auf der einen Seite jeweils ein sogenanntes Anticodon, das passend zum Codon auf der mRNA ist. Auf der anderen Seite ist sie mit der zugehörigen Aminosäure beladen. Auf diese Weise wird der genetische Code auf der mRNA abgelesen und in die entsprechende Aminosäurekette zum Protein verwandelt. Dieser Prozess geschieht in den Ribosomen.