Autor Richard Yates Tyrannei des amerikanischen Traums

Zwei Hollywood-Stars machen ihn gerade berühmt: Richard Yates, den Autor, dessen Lebensthema das Scheitern war. Kate Winslet und Leonardo DiCaprio spielen in der Verfilmung seines Debütromans "Zeiten des Aufruhrs". Es ist nicht das einzige Yates-Werk, das die Lektüre lohnt.

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Der erste Halbsatz in Richard Yates Roman "Easter Parade" lautet: Keine der beiden Schwestern sollte im Leben glücklich werden. Niederschmetternder kann ein Roman kaum beginnen, und tatsächlich kommen die Schwestern Sarah und Emily im Laufe der Handlung, die sie über viele Jahre ihres Lebens begleitet, niemals über ein angestrengtes Bemühen hinaus. Das vermeintliche Glück hängt wie eine Wurst vor ihrer Nase, immer wieder versuchen sie es zu schnappen, am Ende sind sie maßlos erschöpft, depressiv, alkoholkrank.

Schriftsteller Yates: Tyrannei des amerikanischen Traums
Jerry Bauer

Schriftsteller Yates: Tyrannei des amerikanischen Traums

Alle Erzählungen und Romane des amerikanischen Schriftstellers Yates handeln von der Tyrannei des amerikanischen Traums. Dem Versprechen, dass jeder alles erreichen könne, misstraute Yates zutiefst.

Seine Helden sind die mittelmäßig Begabten, die sich bald in den Selbstbetrug flüchten und in immer noch einen Drink, weil in der Allgegenwart der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten die eigene Begrenztheit besonders schwer zu ertragen ist. Der Arbeitstag im Großraumbüro unter anderen Anzugträgern, der Alltag als Hausfrau in einem genormten Vorstadthäuschen mit einander zum Verwechseln ähnlich sehenden Kleidern, Kindern und Grillpartys.

Frank und April Wheeler, die Helden aus Yates Debütroman "Zeiten des Aufruhrs" von 1961 (dessen Verfilmung mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio gerade im Kino zu sehen ist), haben zusammengefunden in dem Wunsch, etwas Besonderes zu sein. Doch nach wenigen Lebensjahren in der Familienvororteinheitswelt, können sie diese Illusion nicht mehr aufrechterhalten. Sie träumen von Paris und schmieden den Plan, dorthin auszuwandern.

Wenn das Leben so überschaubar wird, wie der eigene Vorgarten, muss ein Ortswechsel die Sehnsucht nach etwas Besonderem erfüllen. Doch Paris wird ein Hirngespinst bleiben, der Leser begreift das sehr bald. Yates beherrscht die große Kunst, seine Helden auf Distanz zu halten, ihr Selbstmitleid und ihren Selbstbetrug genau zu beschreiben, ihnen aber gleichzeitig mit großer Zuneigung beim Scheitern zuzuschauen.

Das Scheitern war Yates Lebensthema. Als er im Jahre 1992 starb, war er zweimal geschieden und hatte kein enges Verhältnis zu seinen drei Töchtern. Alkoholexzesse gehörten immer wieder zu seinem Leben, und der durchschlagende Erfolg seiner Bücher blieb ihm verwehrt.

Zwar wurde er von anderen Schriftstellern geschätzt – es gibt ein sehr lesenswertes Nachwort von Richard Ford zur ersten Ausgabe von "Zeiten des Aufruhrs" bei Manesse – aber dass die Gesichter von zwei der größten Filmstars die Taschenbuchausgabe zieren, wie im Moment in allen Buchhandlungen zu besichtigen ist, das hat Yates nicht mehr erlebt.

Der Leiter des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, hat zusammen mit der Schauspielerin Leslie Malton einen Richard-Yates-Abend zusammengestellt, der den Autor und sein Werk porträtiert und vorstellt – über den sehr gelungenen Film "Zeiten des Aufruhrs" von Sam Mendes hinaus. Der Roman "Easter Parade" wird vorkommen, zudem die Erzählung "Ach, Joseph, ich bin so müde" über eine Bildhauerin in Greenwich Village, die an ihren übersteigerten Erwartungen an sich selbst zerbricht. Es bleibt gleich, mit welchem Werk man die Lektüre von Yates beginnt. Sie lohnen alle. Und es ist erschreckend, wie aktuell sie geblieben sind.


"Ein Richard-Yates-Abend" am 27. Januar im Hamburger Literaturhaus, 1.2. Stadtbibliothek Heilbronn, 2.2. Literaturhaus Zürich, 3.2. Literaturhaus Stuttgart.

Buch Richard Yates: "Zeiten des Aufruhrs". Deutsche Verlags-Anstalt; 368 Seiten; 14,95 Euro.



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