Autor Steffen Kopetzky Alles verloren, zum Glück!

Das Leben ist ein Fundbüro und ein Verlustgeschäft. So stellt es jedenfalls Steffen Kopetzky in seinem neuen Erzählungenband "Lost/Found" dar. In sieben Geschichten berichtet der Jungautor vom Lebensglück - und wie man es auf bereichernde Weise wieder loswird.

Von Andrea Tholl


"Reisen ist immer schlimm", sagt Steffen Kopetzky, 34. Er habe Reisefieber und sei am liebsten zu Hause. Bemerkenswert, dass so einer seine Figuren munter über die Welt verteilt. Das war schon so in seinen Büchern "Grande Tour" oder "Eine uneigentliche Reise". Und das ist so beim neuesten Werk des gebürtigen Oberbayern: "Lost/Found", einer Sammlung von Kurzgeschichten, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Aber der Schein trügt.

Autor Kopetzky: Spiel mit dem Zufall
Katharina Behling

Autor Kopetzky: Spiel mit dem Zufall

"Die Sprache der Liebe" ist der Titel der ersten Erzählung, in der die Journalistin Andrea unbedingt schwanger werden will. Dafür spritzt sie sich unter Schmerzen auf ihrer Dienstreise nach New York Gelbkörperhormone. Im Abreisestress vergisst sie ihr Medikament im Hotelzimmer, landet auf dem falschen Flughafen und muss dann feststellen, dass ihr Rückflug völlig überbucht ist. Sie verliert die Hoffnung, rechtzeitig zu Hause zu sein, um mit ihrem Freund das Wunschkind zu zeugen. Gleichzeitig gewinnt sie aber in dieser Hoffnungslosigkeit etwas Kostbares wieder: ihre Freiheit.

In "Verdammtes Material" wird der Berliner Punker Bendo auf einer Keipentoilette Zeuge eines Telefonats vermeintlich kriminellen Inhalts. Als der Angerufene für einen Moment sein Handy aus den Augen lässt, geht Bendo beim nächsten Klingeln ran und übernimmt einen kuriosen Auftrag, für den er ein Auto knacken muss. Er macht einen glücklichen Fund, scheint dann aber wieder alles zu verlieren. Und trotz seines Verlustes hat er schließlich etwas gewonnen.

Jede einzelne der insgesamt sieben Geschichten erzählt kurze, jedoch bedeutsame Begebenheiten rund ums Finden und Verlieren. Dabei dreht Kopetzky die Vorzeichen um, denn nicht immer bedeutet ein Verlust das Abhandenkommen einer geliebten Kostbarkeit oder ein Fund das reine Glück.

Kopetzky hat die Schauplätze über den ganzen Globus verteilt, seine Helden leben in New York, Berlin und Düsseldorf, in Tanger und am Kap Bon. Aber spätestens bei der letzten Erzählung wird dem Leser bewusst, dass alle Geschichten raffiniert miteinander verwoben sind. Der Freund der Journalistin und potenzielle Vater ihres Kindes zum Beispiel ist der Eigentümer des Wagens, den der Punker in Berlin aufgebrochen hat. Es gibt unter den Storys viele dieser vermeintlichen Zufallsverbindungen, und die Logik ihres Zusammenspiels zu entdecken macht einen großen Teil des Leservergnügens aus.

"Im phantastischen Mechanismus, den wir Weltgeschichte nennen, streben wir nach unseren eigenen Zielen", erklärte der Autor einmal sein Verfahren. "Nur gelegentlich, wenn uns etwas aus der Bahn wirft, verstehen wir die höhere Ebene. Wir verstehen, wie alles miteinander verbunden ist. Wir alle gehören zusammen." Der Konflikt von universeller Verbundenheit einerseits und individueller Freiheit andererseits ist auch das zentrale Thema dieser Erzählungen, und Kopetzky fächert es in seinen Texten mit nuanciertem Blick und exzellentem Sprachgefühl auf.

Wer Reisen schlimm findet wie der Autor, dem sei ein Streifzug durch die "Lost/Found"-Prosa empfohlen. Dort kann man fündig werden - und sich gleichzeitig verlieren.


Steffen Kopetzky: "Lost/Found", 224 Seiten, btb Verlag, 16 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.