Autor William Boyd "Wir haben die US-Medien erfolgreich manipuliert"

Mit "Ruhelos" hat der Brite William Boyd einen packenden Spionagethriller über Medienmanipulation während des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Welche Auswirkungen gezielte staatliche Desinformation haben kann, verriet der Bestseller-Autor SPIEGEL ONLINE im Interview.


SPIEGEL ONLINE: Eine junge Frau erfährt Mitte der siebziger Jahre, dass ihre Mutter während des zweiten Weltkriegs eine erfolgreiche Spionin für den britischen Geheimdienst war und in Amerika die dortigen Medien manipuliert hat. Was hat Sie zu diesem Thema inspiriert?

Autor Boyd: Konzentration auf die Psychologie des Spions
Jerry Bauer

Autor Boyd: Konzentration auf die Psychologie des Spions

William Boyd: In gewisser Weise ist das eine Art britische Manie, wir haben so viele Verräter in der britischen Geschichte, besonders die Gruppe "The Cambridge Five". Das waren fünf junge Männer, die alle in den Vierziger Jahren sehr erfolgreiche Doppelagenten für die Sowjetunion gewesen sind. In meinem Roman "Ruhelos" wollte ich mich vor allen Dingen auf die Psychologie eines Spions konzentrieren. Wie musst du dann denken, wie verändert sich dein Leben, was verlierst du als Mensch, wenn du dich dafür entscheidest?

SPIEGEL ONLINE: Sie achten sehr auf historische Genauigkeit, die Medienmanipulationen Ihrer Protagonistin sind sehr detailliert beschrieben und wirken präzise recherchiert. Wie schwer war es an Informationen über diese Tätigkeit des britischen Geheimdiensts zu kommen?

Boyd: Das war relativ schwierig, denn das Thema ist komplett vergessen worden. Niemand weiß mehr, dass die Briten die USA bespitzelt und ihre Medien manipuliert haben. Es gibt ein Buch, das mir als Informationsquelle diente. Es wurde 1945 von drei Agenten des britischen Geheimdiensts geschrieben, als eine Art Beleg von dem, was sie in Amerika taten. Sie machten nur 12 Kopien von diesem Buch. Eins gaben sie Winston Churchill, eins bekam der Kopf der MI5 und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Woher haben Sie dieses Buch bekommen?

Boyd: Vor ungefähr zehn Jahren wurde eines dieser Manuskripte von einem kleinen Verlag veröffentlicht. Man kennt mittlerweile auch die Verfasser. Einer davon ist der britische Autor Roald Dahl. Er war ein Agent des britischen Geheimdienstes in New York.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Ihren Roman liest, scheint es, als würden Sie die stets von beiden Seiten betonte Freundschaft zwischen Amerika und England in Frage stellen.

Boyd: Es ist ein britisches Phänomen, dass England immer denkt, es hätte ein besonderes Verhältnis zu Amerika. Dieser Mythos wurde von Winston Churchill nach dem Krieg kreiert. Aber ich glaube nicht, dass Roosevelt Churchill besonders mochte. Churchill hat sich geweigert, zu Roosevelts Beerdigung 1945 zu gehen. Stellen Sie sich mal vor, Tony Blair würde nicht zu George W. Bushs Beerdigung gehen. Unvorstellbar. Und 1940/41 haben wir bewiesen, dass es keine besondere Beziehung zu den USA gibt, wir haben ihre Medien manipuliert, um deren öffentliche Meinung zu beeinflussen, in dem sie beispielsweise über renommierte Nachrichtenagenturen Falschmeldungen verbreitet haben. Man hat das beinahe vergessen, aber es ist passiert. Und es war ziemlich erfolgreich.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema der gezielten Desinformation ist noch sehr aktuell, denkt man beispielsweise an die Legitimation für die Invasion in den Irak.

Boyd: Bei meiner Lesereise durch die USA habe ich festgestellt, dass die meisten amerikanischen Leser das Buch als Metapher oder Allegorie auf ihre jüngste Geschichte angesehen haben.

SPIEGEL ONLINE: War diese Medienkritik nicht von Ihnen intendiert?

Boyd: Nein, das ist eines der Extras wenn man so will. Aber dass man "Ruhelos" so lesen kann, hat mit der aktuellen Lage von Desinformation und Nachrichtenmanipulation zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, die Menschen sind aufgrund der Fülle an Informationen heutzutage misstrauischer geworden?

Boyd: Ich glaube, dass es in den USA und in England einen gewissen Argwohn gibt. Wenn die Regierung etwas verkündet, versuchen wir in England, zwischen den Zeilen zu lesen. Eben weil die Lügen, die man uns 2003 erzählt hat, so enorm waren. Ich erinnere mich noch, wie Tony Blair damals im Parlament aufstand und sagte: "In 45 Minuten könnten die Iraker Massenvernichtungswaffen haben, unsere Truppen mit Giftgas bombardieren oder was auch immer". Und man denkt sich: warum sollte er aufstehen und so etwas sagen, wenn er nicht selbst daran glaubt. Das war so beschämend und manipulativ. Als er das nächste Mal aufgestanden ist und sagte, wir müssen dies und das machen, dachte man sich: Sorry Kumpel, aber wir haben dir ein Mal geglaubt, aber diesmal nicht. Das ist war der Bevölkerung eine Lehre.



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