Autorin Gwendoline Riley Die coolsten Seiten der Depression

Gwendoline Riley gehört zu den eigenwilligsten Stimmen der jungen britischen Literaturszene. Ihre rauen Geschichten handeln von harten Drinks, guter Musik und einsamen Seelen. Und sie feiern das nächtliche Manchester.

Von Silja Ukena


Manchester muss furchtbar sein. Eine Stadt, zu kalt, zu grau, zu klamm für das normale Menschengemüt. Ein Ort, der nur drei Perspektiven eröffnet: die Depression, den Alkohol, die Flucht. Zu dieser Einschätzung gelangt man jedenfalls durch die Lektüre von Gwendoline Riley. Nein, die 29 Jahre alte Britin macht sich nicht die Mühe der Beschönigung. Ihre Romane handeln "von Dingen, die gesagt werden müssen". Also sagt sie sie mit dem beiläufigsten Sarkasmus, den man sich vorstellen kann.

Riley-Buch: "Manchesters Antwort auf Charles Bukowski"

Riley-Buch: "Manchesters Antwort auf Charles Bukowski"

Doch nicht nur damit nimmt Riley in der gegenwärtigen Young-Brit-Lit eine Sonderstellung ein: London ist ihr egal, die gefällige Form auch. Dafür wurde ihr Debüt "Cold Water" in Großbritannien unter die fünf besten Bücher des Jahres 2002 gewählt.

Die Lobpreisungen änderten nichts daran, dass Riley nicht daran interessiert war, ihr eigenes Covergirl zu sein: eine Eigenschaft, die bei jungen Autorinnen mittlerweile vorausgesetzt wird. Und so fand man für das damals gerade 23-jährige Talent nur den etwas hilflosen Titel "Manchesters Antwort auf Charles Bukowski".

Das war gut gemeint, aber ein Irrtum. Spätestens Rileys zweites Buch "Sick Notes", auf Deutsch jetzt unter dem Titel "Krankmeldungen" erschienen, macht deutlich warum. Ihre Heldin Esther redet zwar wie eine kettenrauchende Vorstadtschlampe und säuft wie ein Loch. Aber für einen echten Underdog hat sie eindeutig zu viel russische Literatur gelesen.

Zwar scheinen Drinks in dieser Geschichte die einzige Möglichkeit, den nassen Füßen, den sauren Gerüchen und der inneren Leere zu entkommen. Doch unter der schmuddeligen Oberfläche verbergen Buch wie Protagonistin den sympathischen Glauben daran, dass es poetische Momente gibt, die ein Leben verändern können.

Auf der Suche nach so einem literarisch wertvollen Augenblick durchstreift Esther Manchesters Straßen und Bars wie ein Labyrinth ohne Zentrum. Im Hintergrund meint man immer einen Song von den "Smiths" zu hören, nur einmal kreuzt ein vages Versprechen in Gestalt eines jungen Mannes namens Newton Esthers Weg.

Mangelt es da nicht ein wenig an Handlung? Tatsächlich entspricht hier die Form dem Inhalt: Der Gefühlswelt von Frühzwanzigern, die das Erwachsenwerden gerne noch eine Weile vermeiden wollen. Und dem Timbre einer Stadt, die nicht umsonst den Begriff des Manchesterkapitalismus hervorgebracht hat - und in der für zu viele Menschen alle Zeichen auf Depression stehen.


Buch Gwendoline Riley: "Krankmeldungen". Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier. Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt/Main; 204 Seiten; 17,90 Euro.

Lesungstermine 20. März, 19 Uhr, Köln, Theaterhaus, Stammstraße 38-40; 11. Mai, 20 Uhr, Hannover, Literarischer Salon, Leibniz Universität, Königsworther Platz 1.



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architekt? 09.03.2009
1. Übersetzung!
Interessant ist dass es das Buch in englischer Sprache für knapp die Hälfte gibt, sollte von allen die dieser Sprache mächtig sind vielleicht bevorzugt werden. Ob die teuer erkaufte Übersetzung den Aufpreis wert ist lässt der SPIEGEL nämlich unerwähnt. http://www.amazon.de/gp/product/0099437856?ie=UTF8&tag=978-0744010480-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=0099437856
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