Autorin Maeve Brennan Reise ans Ende der Nacht

Als scharfzüngige Kolumnistin des "New Yorker" wurde sie berühmt – gestorben ist die irisch-amerikanische Dichterin Maeve Brennan verwirrt und mittellos. Nun wird die Verfasserin finster-faszinierender Stories wiederentdeckt.


Am Ende starb sie, wie sie schrieb: leise, unspektakulär. Nach einem Jahrzehnt geistiger Umnachtung und materiellen Elends schied die irische Dichterin Maeve Brennan 1993 mittellos, einsam und vom Literaturbetrieb vergessen in New York aus dem Leben. Sie war 76 Jahre alt.

Autorin Brennan: Gedanken wie Giftpfeile
Karl Bissinger

Autorin Brennan: Gedanken wie Giftpfeile

Damit verschwand eine Autorin von der Bildfläche, der, so scheint es im Rückblick, ähnlich wie ihren berühmteren Kolleginnen Anne Sexton oder Sylvia Plath, auf Erden nicht zu helfen war. Denn auch das Werk der in Dublin geborenen, 1934 in die USA übergesiedelten Autorin kreist scheinbar manisch um Begriffe wie Verlust, Sinnlosigkeit, Scheitern und Enttäuschung. Dies scheint sie auf den ersten Blick mit der Dichterin der berühmten "Glasglocke" oder jener freiwillig aus dem Leben gegangenen Anne Sexton zu verbinden, die sich selbst als "lebenden Stein" bezeichnete – und ihrem Leben 1974, gepeinigt von Angstzuständen, ein Ende machte.

Bei genauerer Betrachtung allerdings zeigt sich, dass der "Fall Brennan" am Ende doch anders gelagert war. Zwei Bücher - beide ziert ein Konterfei Brennans in Person einer schwarz gekleideten, geheimnisvollen jungen Frau, die, so als fühlte sie sich ertappt, unsicher und schreckhaft in die Kamera blickt – lenken den Blick zurück auf eine große Verwehte, die es nun mit Macht ins literarische Bewusstsein dieser Jahre zurücktreibt. Eine Wiederentdeckung, die überfällig war. Denn sowohl die bereits 2003 erschienene Novelle "Die Besucherin" als auch die zu einer einzigen großen Erzählung zusammengefügten Einzelgeschichten um "Mr. Und Mrs. Derdon" präsentieren eine Schriftstellerin, deren Texte man ohne Zögern mit dem Prädikat Weltliteratur versehen kann.

Mode und Tode

Meave Brennan, 1917 als Tochter des irischen Diplomaten und ersten Botschafters Irlands in den USA, Robert Brennan, in Dublin geboren, schrieb schnörkellos und extravagant. Wie Giftpfeile schoss die für ihre "Zunge, die eine Hecke schneiden konnte" berüchtigte Autorin ihre Sätze ab. Wen es Mitte der fünfziger Jahre in die Redaktionsräume des "New Yorker" verschlug, der konnte die elegante junge Frau mit blassem Teint und scharfblickenden Augen dabei beobachten, wie sie raffinierte Betrachtungen zum Geist der New Yorker Modewelt jener Zeit verfasste. Scheinbar nimmermüde versorgte sie das Wochenmagazin bis Anfang der Siebziger mit Prosaskizzen, Essays, Kurzgeschichten, Buchkritiken und Reflexionen.

Ihre erste Short Story, "The Holy Terror", druckte der "New Yorker" bereits 1959. Brennans maliziöse, für die Kolumne "Talk of the Town" "Mitteilungen unserer Freundin, der weitschweifigen Dame" betitelten Vignetten fanden zwar eine begeisterte Leserschaft und wurden 1969 unter dem Titel "The Long-Winded Lady" in Buchform publiziert; doch stets schwang als bedrohlicher Subtext in all den Prosastücken dieser begnadeten Stilistin ihr eigenes Leiden mit. Als sie infolge eines Nervenzusammenbruchs an schizophrenen Schüben zu leiden begann, schloss sich ein Kreis: Das Dunkle ihrer Literatur hatte ihr Leben erreicht; was folgte, waren Abstieg und Verstummen. Sie schied aus der Redaktion des "New Yorker" aus, die einst unterkühlt und mondän auftretende junge Frau endete als Wrack.

Während ihrer letzten Lebensjahre hauste Maeve Brennan in einer Abstellkammer der Damentoilette in den Redaktionsräumen des "New Yorker". Als sie anfing, Besucher zu belästigen, musste sie auch diese Notunterkunft räumen. 1993 schließlich ging ihr Leben lautlos zu Ende. Was bleibt, sind ihre Bücher: dichte, mit großer Klarheit brillierende Prosastücke wie ihre 2003 auf Deutsch erschienene Novelle "Die Besucherin".

Szenen einer Ehe

Ein Prosastück, das auf gerade mal neunzig Seiten Einblicke in das schmerzerfüllte Seelenleben der Heldin, Anastasia King, gibt, die nach zwei Jahren in Paris in ihre Heimat Dublin zurückkehrt – und nicht mehr heimisch werden kann. Denn statt, wie erhofft, wieder von ihrer Großmutter aufgenommen zu werden, stößt diese sie kaltherzig zurück. Wir werden Zeuge, wie die junge Frau in ein inneres Exil gedrängt wird. So schließt die Novelle mit Blick auf Brennans tatsächliche Existenz auf geradezu finster-prophetische Weise: Anastasias Niederlage wird als Quell ihres einsetzenden Wahnsinns beschrieben – ein Menetekel für Brennans aufziehende Krankheit.

In episodischer, durchgespielt am unglücklich vermählten Ehepaar Derdon, schildert Brennan die geistige Zerrüttung in allen nur erdenklichen Facetten. Ihre unter dem Titel "Mr. Und Mrs. Derdon" vorliegenden Stories blicken zwei Unglücksgestalten direkt in die zerquälten Seelen. Und was sie darin orten, sind Hass, Missgunst und in bitterer Enttäuschung wurzelnde Rachsucht. Weil von Liebe nicht ansatzweise die Rede sein kann, ergehen sich Rose und Hubert Derdon bald in einer Art ehelichem Partisanenkrieg, in dem der die Nase vorne hat, der zuerst den rettenden Schlaf gefunden hat – um Kraft für den sich am nächsten Morgen fortsetzenden Stellungskrieg zu tanken.

Es sind Momentaufnahmen zweier Ehekrieger, die Brennans Zyklus versammelt - festgehalten in Sätzen von marmorner Härte. Brennan lesen heißt vordergründig, in die Abgründe des Menschen zu spähen. Doch diese große Enttäuschte hat zweifellos mehr gewollt, als nur das Scheitern um seiner selbst Willen zu illustrieren. So lassen sich ihre Texte in der Umkehrung vielmehr auch als verspätete Hilferufe einer nach Liebe und Zuneigung hungernden Einzelkämpferin lesen, als in Angst und Einsamkeit geborene Schreie nach Liebe.

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Maeve Brennan: "Mr. und Mrs. Derdon". Steidl Verlag, Göttingen 2006. 185 Seiten, 16 Euro

"Die Besucherin". Steidl Verlag, 2003. 90 Seiten, 14 Euro



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