Autorin Marisha Pessl Steril wie ein Satz OP-Handschuhe

Die amerikanische Jungautorin Marisha Pessl verdreht mit einem ehrgeizigen Roman und modelhaftem Aussehen dem Kulturbetrieb den Kopf. Auch SPIEGEL ONLINE-Autor Peter Henning wäre ihr gern verfallen. Leider las er vor einem Treffen das Buch.


Das Gerücht vom jungen Genie machte mal wieder die Runde - und von einem blendend aussehenden noch dazu. Doch als Marisha Pessls Roman "Die alltägliche Physik des Unglücks" endlich in den USA erschien, rückte der Verlag Fotos der jungen Autorin angeblich nicht heraus. "Wir waren so begeistert von ihrem schriftstellerischen Talent", gab Pessls US-Verlegerin Carole DeSantis dazu später zu Protokoll, "dass wir sie nicht über ihr gutes Aussehen verkaufen wollten." Mehr Sein als Schein sein zu wollen - mal was Neues von der internationalen Marketingfront!

Autorin Pessl: "Ich bin ganz anders als meine Heldin!"
Laura Rose

Autorin Pessl: "Ich bin ganz anders als meine Heldin!"

Nach früheren Agentencoups wie Michael Chabon und Donna Tartt nun also die 29-jährige Columbia-Absolventin Pessl, deren ziegelsteindicker Erstling die US-Kritiker zu überspannten Vergleichen mit Nabokov provozierte. Eine verstörend gebildete Laufstegschönheit, über die ihr Ehemann mit entlarvender Selbstzufriedenheit wissen ließ: "Ich kenne niemanden, der sein Buch so zielorientiert vertreten hat wie Marisha."

Mit einem Begleitbrief ("Dies ist ein Debütroman, wie sie ihn dieses Jahr nicht noch einmal lesen werden") schickte die junge Amerikanerin, die ihr Studium an der Columbia University mal eben mit Magna-Cum-Laude in Englischer Literatur abschloss, ihr Manuskript an die zehn amerikanischen Top-Agenten - hatte anschließend die freie Auswahl und strich, wie es heißt, eine sechsstellige Vorschusssumme dafür ein.

"Ich bin ganz anders als meine Heldin", wirft Marisha Pessl gleich zu Beginn des Treffens im Kölner Hotel am Wasserturm ein, um jeder vorschnellen Gleichsetzung ihrer Person mit der Streberin in ihrem Buch unmissverständlich vorzubeugen. "Und ich bin nicht halb so gebildet wie sie, nein, Gott bewahre!" Hingegossen in den cremefarbenen Ledersessel wirkt der neue Darling der US-Literatur wie ein Model, das sich vom Laufsteg in den internationalen Literaturzirkus verirrt hat. Sie hat nicht viel zu sagen – tut das aber gestenreich und gleich bleibend charmant. "Aber natürlich" habe sie die Bücher ihrer berühmten Kollegen Franzen und Eugenides gelesen, doch neidisch auf deren Erfolg sei sie nicht. "Schließlich verkauft sich mein Buch ebenso gut."

Industrie der Oberflächenreize

Das Geschäft mit jener Sorte Literatur, die zwanglos mit der Industrie der Oberflächenreize paktiert, läuft derzeit wie am Schnürchen – und wer mit Büchern wie mit dem von Marisha Pessl jongliert, jongliert mit fetten, gewinnträchtigen Aktienpaketen. Doch die neue Jugendwelle, die da seit einiger Zeit aus den USA zu uns herüber schwappt, hat in der Regel nicht mehr zu bieten als blutleere Nachschriften auf jene Klassiker, die immerzu herhalten müssen, wenn die US-Kritiker das zu etikettieren bemüht sind, was ihnen die professionellen Literaturverkoster auf die Schreibtische werfen. Auch Marisha Pessls Buch ist da leider keine Ausnahme.

"Ich habe vier Jahre an dem Buch gearbeitet", sagt sie. "Schließlich sollte es gut werden, sehr gut sogar." Tatsächlich erscheint ihr Roman auf den ersten Blick als ein Unternehmen, das scheinbar seinesgleichen sucht: Jedes Wort greift einer eisig präzisen Erzählmechanik folgend ins andere, jede Metapher wirkt so ausgesucht wie die Schätze in den Auslagen von Tiffany's.

Doch der Schein trügt: Hier hat sich eine begabte Fleißarbeiterin in eine Art Zitierrausch hineingeschrieben - und das Resultat ist so steril wie ein Satz OP-Handschuhe. Beharrlich navigiert die Autorin ihren schwachbrüstigen Plot so lange durch die moderne Literaturgeschichte, bis das Originäre daran auf der Strecke bleibt.

Mutation zum Mystery-Thriller

In ihrem Buch entrollt Pessl die Geschichte der jungen Blue van Meer und ihres verwitweten Strebervaters Gareth, der, als Gastdozent unterwegs, das aufgeweckte Mädchen ruhelos von einer US-Uni zur nächsten schleppt in seinem Hunger nach erotischen Eskapaden und akademischen Ehren.

Der Rest des Ganzen ist jedoch schnell erzählt. Geschildert wird Blues letztes Highschool-Jahr, und Pessl zeigt, wie sie in eine glamouröse dekadente Clique gerät, in deren Zentrum die charismatische Dozentin Hannah Schneider steht. Doch dann wird die Lehrkraft ermordet. Und als Blue annehmen muss, dass ihr Vater Gareth mit dem Mord in Verbindung steht, mutiert die Vater-Tochter-Geschichte auf ungute Weise zum Mystery-Thriller – und das Ding ist gelaufen.

"Die Leute mögen mein Buch", verkündet Marisha Pessl trotzig. Die US-Kritiker sahen es offenbar ähnlich, und wählten ihr Buch unter die zehn Besten des Jahres 2006. Und auch die Leser ziehen, wie es aussieht, mit.

"Außerliterarische Kriterien spielen bald eine immer größere Rolle", befand Mitte der neunziger Jahre der jetzige Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow visionär. Nun, zehn Jahre später, hat uns diese Wahrheit nicht zuletzt in Form von Gesamtphänomenen wie Marisha Pessl eingeholt.


Marisha Pessl: "Die alltägliche Physik des Unglücks". Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel. S.Fischer Verlag. 604 S., 19 90 Euro



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