Autos und Autoren Im Rausch der Bewegung

Arthur Schnitzler mit Sturmhaube und Schutzbrille, Bertolt Brecht lässig an seinem Opel, Hermann Hesse im Tourenwagen: Ein neuer Bildband zeigt Schriftsteller, wie man sie noch nie gesehen hat, und stellt nebenbei die Literaturgeschichte auf den Kopf.

Von Jan Brandt


Kommen Autoren und Autos zusammen, so scheint es, wirken Männer und Frauen von literarischem Weltrang wie Kinder, die sich von ihrem ersten Taschengeld einen Traum erfüllt haben und nicht mehr aufhören können, ihr Spielzeug zu genießen. Eine Hand am Lenker, eine an der Knüppelschaltung, als Bei- oder Mitfahrer chauffiert – kaum spüren sie die Vibrationen der Straße, fällt aller intellektuelle Ballast von ihnen ab und sie geben sich ganz dem Rausch der Bewegung hin.

Der Berliner Journalist Ulf Geyersbach stellt in "...und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft" vierzehn Autoren und ihre größte Leidenschaft vor: das Reisen im Automobil. Das Symbol für Freiheit und Individualität, die erfolgreichste Maschine des 20. Jahrhunderts, demaskiert wie wohl kein anderer Alltagsgegenstand die verborgenen Sehnsüchte des Menschen. Und um dieses Objekt der Begierde in Händen halten zu dürfen, verkaufen einige von ihnen sogar ihre Seele.

"Autos lassen die Brüche der Persönlichkeiten zutage treten", sagt Geyersbach. Bereits 2004 diagnostizierte der jetzt 37-Jährige in der Anthologie "Schöner Leiden – Die schönsten Krankheiten und die größten Hypochonder des Universums" eingebildete literarische Frakturen. Und hier wie da erscheinen nach der Lektüre viele Texte und deren Urheber, die einem seit Schultagen vertraut sind, plötzlich in einem ganz anderen Licht.

"Dem Lenker in die blaue Mütze"

Hermann Hesse zum Beispiel, der Öko-Asket, Märchenonkel und Nacktwanderer, entpuppt sich mit einem Mal als Heuchler. In seinem Roman "Der Steppenwolf" ruft die Hauptfigur Harry Haller zur "Hochjagd auf Automobile" auf, um die "allgemeine Zerstörung der blechernen zivilisierten Welt" einzuläuten. Mit Gleichgesinnten verschanzt er sich in einem Hochsitz, hört von weitem das Rauschen der herannahenden Räder, das Knattern des Motors, wartet auf den richtigen Moment und legt an: "Eben rannte der schwere Wagen unter uns vorbei. Und schon zielte ich und drückte los, dem Lenker in die blaue Mütze." Seinen Autohass lebte Hesse aber nur auf dem Papier aus. In Wirklichkeit konnte auch er sich dem Charme eines offenen Tourenwagens nicht entziehen und ließ sich gerne über die Berge bis vor sein Haus in Montagnola kutschieren.

Bertolt Brecht, Erfinder des Epischen Theaters und überzeugter Kommunist, war nicht der gute Mensch von Augsburg, den seine Fans in ihm sahen. Er liebte Posen genauso wie PS und war sich Mitte der zwanziger Jahre nicht zu schade, das PR-Gedicht "Singende Steyrwägen" zu verfassen, um so in den Besitz eines Sechs-Zylinder-Flachkühlers der österreichischen Automobilfirma zu gelangen. Ende Mai 1929 versuchte er auf einer hessischen Landstraße, einem entgegenkommenden Lkw auszuweichen und fuhr gegen einen Baum. Der Wagen hatte einen Totalschaden, Brecht einen Kniescheibenbruch. Hersteller, Verlag und Autor wussten aber auch diese Geschichte gewinnbringend auszuschlachten. Im November erschien in der bei Ullstein herausgegebenen Zeitschrift "Uhu" die Fotoreportage "Ein lehrreicher Autounfall", die das angeschlagene Unternehmen Steyr wieder ins Gespräch brachte und Brecht zu einem Neuwagen verhalf.

Riss zwischen altem und neuen Europa

Bei anderen Schriftstellern dagegen stimmt der Charakter des Schöpfers mit dem seiner Texte aufs Harmonischste überein. Thomas Mann, von dem das als Buchtitel dienende Zitat stammt, belohnte sich 1925, nach dem Erfolg des "Zauberbergs", mit einem stattlichen sechssitzigen Fiat-509-Kabriolett, einer modernen, motorisierten Kutsche, gelenkt von einem Chauffeur oder seiner Frau. Und nach der Verleihung des Nobelpreises verleitete ihn die "Großmannssucht" dazu, den Fiat gegen einen offenen Buick und eine neofeudale Horch-Limousine einzutauschen. Das Auto ist hier schon das, was es im Nachkriegsdeutschland sein würde, ein Statussymbol, mit dem sich soziale und persönliche Defizite wunderbar kaschieren lassen.

Der Zweite Weltkrieg markiert auch in "...und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft" einen Riss zwischen der alten und der neuen Welt. Die amerikanischen Autoren überholen die deutschen nicht nur im Autobau mit einer Schwindel erregenden Geschwindigkeit, sondern auch im Verfassen von Romanen und beim Durchbrechen literarischer Konventionen. Zwischen New York und Los Angeles wird die Bewegung zum Prinzip des Daseins, zur Lebens- und Inspirationsquelle.

In Jack Kerouacs "On The Road" von 1957 ist die Straße der Untergrund, auf dem sich die ganze Handlung entfaltet, sie gibt Stil und Rhythmus vor, ist Hauptfigur und Hintergrund zugleich. Angeblich klebte Kerouac vier neun Meter lange Butterbrotpapierrollen aneinander, um seinen Schreibfluss während der rasanten Fahrt in Greyhound-Bussen, auf Pick-Up-Pritschen oder in gestohlenen Autos von Ost nach West und zurück nicht unterbrechen zu müssen. Aber er schrieb erst nachträglich im Chelsea Hotel in New York City. So schlaflos und schnell wie seine Tour durch die USA. Ohne Leerzeilen, ohne Absatz, innerhalb von drei Wochen.

"Reisen und gleichzeitig zu Hause bleiben"

Ulf Geyersbach stellt diese und andere akribisch recherchierten und pointiert formulierten Geschichten neben großartige, zum Teil bisher unveröffentlichte Schwarzweißfotos, auf denen die Schriftsteller wie Schauspieler in berühmten Filmen aussehen. Jack Kerouac und Neal Cassady in "Denn sie wissen nicht, was sie tun". Vladimir Nabokov in "Lolita". Françoise Sagan im Aston Martin als weibliches und französisches Pendant zu James Bond. Aus den Kurzporträts ergeben sich zudem erstaunliche neue Verbindungen, von Hermann Hesses Gedichtband "Unterwegs", aus dem Jahr 1911, über Erich Maria Remarques gleichnamige Erzählung von 1934 bis hin zu Jack Kerouacs Beat-Roman.

Geyersbach hat nur die Klassiker der Moderne, den Olymp der internationalen Literatur ausgewählt, Götter in ihren Gefährten. Heute zu Unrecht vergessene Autoren wie Heinrich Hauser, der immer unterwegs sein musste, um dem Alltag, der Gewohnheit, sich selbst zu entkommen, hätten ebenso gut in diese Reihe gepasst. "Reisen und gleichzeitig zu Hause bleiben, das war das scheinbar unmögliche Verlangen, das mich umhertrieb", so definierte Hauser, der wahrhaft rastlose Reporter, der Wohnwagenbauer und Testfahrer von Opel sein Grundproblem, das sich nun – angesichts des Materials, das Geyersbach in diesem Auto-Album verdichtet hat – als ein Grundproblem vieler seiner Kollegen erweist. Schreiben und Fahren bietet ihnen die Möglichkeit, die "Pubertät als Existenzform" zu konservieren, immer jung zu blieben, sich nicht festlegen zu müssen – und immer, wenn es schwierig wird, wieder aufbrechen und in unbekannte Welten vorstoßen zu können.


Ulf Geyersbach: "...und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft" – Schriftsteller und ihre Automobile". 126 Seiten, Nicolai Verlag Berlin, 34,90 Euro.



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