John Irvings neuer Roman Groupies, Pillen, Bestsellerlisten

Ein Roman über einen, der Romane schreibt: John Irving spielt in "Avenue of Mysteries" mit Schriftsteller-Allüren und erzählt die umwerfende Geschichte eines älteren Herrn, dessen Leben auf einer Mülldeponie begann. Ein Meisterwerk.

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AP

Das Flugzeug ist gelandet, und alle denken, er sei tot. Dabei schläft der Schriftsteller Juan Diego nur sehr tief. Er träumt von der Mülldeponie in Mexiko, auf der er aufwuchs, von seiner heißgeliebten hellseherischen kleinen Schwester Lupe, den Diskussionen über Graham Greene, die er damals mit den Jesuiten-Patres führte, die sich um die "Müll-Kinder" kümmerten.

In seinem Traum mischt sich das Geräusch vom Auto seines Ziehvaters mit dem des Landeanflugs auf eine philippinische Insel, und als die Notärzte an Bord kommen, um die Leiche wegzuräumen, murmelt Diego aufwachend was von "Nase". Nein, nicht seine, erklärt er lachend: "Ich habe von der Nase der Jungfrau Maria geträumt".

Dieser herrlich surreale Mix, der entsteht, wenn Traumfetzen, Erinnerungen und Gegenwart ineinanderrutschen, macht John Irvings "Avenue of Mysteries" (erscheint als "Straße der Wunder" am 23.3.2016 bei Diogenes) unwiderstehlich.

Ja, wie in "Garp", "Witwe für ein Jahr" oder "Letzte Nacht in Twisted River" hat der Autor erneut einen Roman über einen Autor geschrieben, der Romane schreibt. Und wieder einmal erzählt er die Geschichte eines Einzelgängers, sozialen Außenseiters, Waisenkinds: ein Leben als Initiationsstory, von Anfang bis Ende. Natürlich inklusive so betörender wie lässiger Sexszenen, ohne die ein Irving-Roman kein Irving-Roman wäre.

Dass er sich nun in "Avenue" über den eigenen Hang zur Wiederholung lustig macht, ist allerdings unschlagbar: etwa wenn sein Held Juan Diego merkt, dass jene genialen Sätze, die er da in seine Kladde notiert hat, nicht ohne Grund so verdammt vertraut klingen. Alles schon in einem anderen Buch verbraten. Mist.

Die Motive mögen in Irvings Œuvre vertraut sein, doch "Avenue of Mysteries" ragt heraus. Der 73-Jährige hat einen berauschenden Roman über einen Mann im permanenten Dazwischen geschrieben - und zwar so, dass das Gefühl auch beim Lesen entsteht.

Es ist ein Schwindel des Umblätterns, die Stimmung, die man von Transatlantikflügen kennt: Wenn man plötzlich realisiert, dass man eben nicht im Zug zwischen Kassel-Wilhelmshöhe und Fulda sitzt, sondern sonstwo überm Ozean.

Delirierend dank Viagra

Wie in einer Trance, so wie Irvings Hauptfigur Juan Diego, der sich mit 54 gerade von seiner Professur in die Frührente zurückgezogen hat, um nur noch Romane zu schreiben, und nun erstmal aus dem New Yorker Schneesturm auf die Philippinen fliegt.

Diego, der in seinen Büchern oft darüber schreibt, wie ortlos Reisende sind, verkörpert dieses Dazwischen: Er sei kein Mexikaner, kein Amerikaner. Manchmal brechen unvermittelt spanische Sätze aus Kindheitstagen aus ihm heraus. Er rechnet mit der katholischen Kirche ab, ist aber Wundern nicht abgeneigt.

In "Avenue" bewegt er sich zudem nur in typischen Transiträumen: auf Flughäfen, in Fliegern, in Hotels, im Krankenhaus. Er ist stets halb delirierend, weil er mit seinen Blutdrucksenkern und Viagra wild experimentiert. Und dann humpelt er auch noch, ein Klassiker bei solchen Figuren.

Alles Vorboten für das Unvermeidliche, klar.

Die anderen Figuren in Irvings Ensemble - wie immer so liebevoll entwickelt, dass man lange suchen muss, um Vergleichbares zu finden - spiegeln diese Zerrissenheit.

Und alle sind miteinander in einer Zuneigung verbunden, die einem fast den Atem nimmt: Diegos Schwester Lupe, die Gedanken lesen kann und eine Art Geheimsprache spricht, die nur er versteht; der Jesuiten-Pater, der eine intersexuelle Prostituierte heiratet - übrigens ohne Zweifel eine der zärtlichsten Liebesgeschichten aller Zeiten; und das Mutter-Tochter-Gespann, von dem sich Juan Diego gleich am Flughafen unter die Fittiche nehmen lässt, die erst wie Hardcore-Groupies scheinen, und sich am Ende, nach viel verschlingendem, lautem Sex (ja, mit beiden, ist schließlich ein Irving-Roman), als weitaus zauberhaftere Figuren entpuppen.

"Das echte Leben ist zu schluderig"

Diese Verweise aufs Schriftstellerleben gehören zum Charme. Nicht nur jene unbeholfenen Momente mit Fans, die ihm versichern: "Den Sex in Ihren Romanen mag ich sehr", auch jene selbstironischen Bemerkungen, dass man etwas "als Autor" eben nun mal so mache, bis hin zu einer Liste mit Lieblingsbüchern, die Irvings' in der "New York Times" teils aufs Wort gleicht.

Das Spiel mit vermeintlich Autobiografischem reizt Irving geradezu genüsslich aus: "Das echte Leben ist zu schluderig, um als Modell für gute Fiktion zu taugen", lässt er Juan Diego in mehreren Variationen sagen. Bäm!

Dazu kommt: "Avenue of Mysteries" entstand aus einem Drehbuch, das Irving einst für "Zirkuskind" (1994) entwickelt hatte. Die Dialoge, das Szenische, das zum Losprusten perfekte Timing seiner Situationskomik zeigen einmal wieder, wie filmisch er sowieso schreibt. Dass er derzeit "Garp" als Miniserie für den US-Sender HBO entwickelt, passt da natürlich hervorragend.

Ohne Zweifel ist dies einer jener Romane, die noch lange nachhallen, mit allem, was man sich auf der ersten Seite kaum ausmalen kann: eine Geschichte über unvorstellbare Nähe und Verlust, mit Figuren, die einen überraschend tief anrühren, und vor allem ohne einen Funken Kitsch.

Das Dazwischensein zieht sich bis zum Schluss. Die Dunkelheit, die man vom Flieger aus sehe, hatte die Groupie-Tochter zuvor erklärt, sei die Bucht von Manila. "Nicht dieses Mal, das merkte Juan Diego - nicht diese Dunkelheit. Es gab keine Lichter, keine Schiffe - diese unbeleuchtete Dunkelheit, das war nicht Manila Bay."

Ohne Zweifel: Nur weil Autoren wie John Irving solche Bilder finden, kann man den Tod aushalten.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
windpillow 18.11.2015
1. Na Endlich
Meine Hoffnung auf den alten, typischen John Irving wächst wieder nach dieser Besprechung. Denn nach "In einer Person" dachte ich, -das ist das Ende und der sprichwörtliche Pfifferling kommt jetzt zur Geltung. Um die Hoffnung nicht ganz zu verlieren, las ich wieder Owen Meany, Son of the Circus und die Cider House Rules, m.E. die Besten.
feixtel 18.11.2015
2. Schaun mer mal
Bis zum Buch "Bis ich dich finde", war ich großer Fan von Irvings Werken. Seine frühen Werke wie "Garp" (lag vermutlich an seinem und meinem Alter, obwohl ich einiges jünger bin) fand ich klasse, auch die von meinem Vorschreiber genannten Romanen habe ich verschlungen. Das ganz oben benannte Buch fand ich aber - nach mehr als 1000 Seiten - ziemlich nichtssagend und habe aufgehört weitere Bücher von ihm und Rezensionen darüber zu lesen. Jetzt warte ich mal auf das kurze neue Werk und lass mich überraschen.
hbblum 18.11.2015
3. Wann endlich....
...bekommt Irving den Nobelpreis für Literatur?
almostvoid 19.11.2015
4. ho hum
hort sich langweilig an. er schreibt uber was er traumt weil sein leben nicht das ist was er sich wunscht. groupies- dream on baby it ain't gonna happen u wieder drogen. kennt er sich dabei herum? weist er was wir nicht wissen? mehr pausseur
Newspeak 23.03.2016
5. ...
John Irving ist einer der Schriftsteller, bei dem sein Leben und wie er seine Romane schreibt bei weitem interessanter ist, als seine Literatur. Ja, er kann schreiben. Ja, er hat Phantasie. Aber bei Romanen, die derart "zerfasern" frage ich mich immer, was bringt das? Es ist ein Rausch an der Sprache, ohne Zweifel, aber wofür? Aus Selbstzweck, befürchte ich. Das macht es nicht weniger eindrucksvoll, aber auch nicht sehr prägnant und in Erinnerung bleibend.
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