Bad Sex Award Orgie im Angesicht atomarer Bedrohung

Blütenblätter, Reißverschlüsse und explodierende Supernovas: Mit dem Bad Sex Award zeichnet die britische "Literary Review" die schlechteste Liebesszene in einem Roman aus, 2013 geht der Preis an den Autor Manil Suri. Er beschreibt einen bisexuellen Dreier kosmischen Ausmaßes.

Corbis

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Die ekstatische bisexuelle Orgie im Angesicht atomarer Bedrohung hat die Jury letztlich überzeugt. Sie befand, die Passage aus dem Roman "The City of Devi" sei die entsetzlichste literarische Sexszene des Jahres. Und verlieh ihrem Schöpfer, dem Schriftsteller Manil Suri, den Bad Sex in Fiction Award 2013. Vergeben wird der von der renommierten britischen Literaturzeitschrift "Literary Review".

Die prämierte Szene trägt sich in Mumbai während einer nächtlichen Ausgangssperre zu. Die indische Megacity wird von einer Atombombe bedroht. Es kommt zu einem flotten Dreier kosmischen Ausmaßes zwischen den drei Hauptfiguren des Romans, Sarita, ihrem Physiker-Ehemann Karun und Jaz, einem jungen schwulen Muslim.

Der Höhepunkt der Szene liest sich auf Deutsch in etwa wie folgt:

"Mit Sicherheit explodieren in diesem Moment irgendwo in einer fernen Galaxie Supernovas. Die Hütte um uns herum verschwindet, zusammen mit dem Meer und dem Sand - nur noch Karuns Körper, fest verschlungen mit meinem, verbleibt. Wir rasen wie Superhelden vorbei an Sonnen und Sonnensystemen, wir tauchen durch Schwärme von Quarks und Atomkernen. Die Statistiker dieser Welt jubilieren angesichts unseres bahnbrechenden vierten Sterns."

Preis für das Lebenswerk für John Updike

Der Verleihungszeremonie in London blieb Suri fern. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Schauspielerin - und Buchautorin - Joan Collins ("Der Denver-Clan"), bei der es angesichts eines Oeuvres mit Titeln wie "Love and Desire and Hate" und "My Secrets" überrascht, dass sie noch nie für den Preis nominiert war.

Anstelle Suris nahm ein Vertreter seines Verlags die Auszeichnung in Empfang und versuchte notgedrungen die Flucht nach vorn: "Mit der Annahme dieses Preises fordern wir jeden dazu auf, 'The City of Devi' mit ins Bett zu nehmen und sich ein eigenes Bild zu machen. Wie Tolstoi einst in 'Anna Karenina' schrieb: 'So viel Herzen, so viel Arten von Liebe'", so der Verlagsvertreter.

Der Bad Sex in Literature Award wurde 1993 ins Leben gerufen von Auberon Waugh, dem langjährigen Herausgeber der "Literary Review" und zudem Sohn des berühmten britischen Schriftstellers Evelyn Waugh. Das Ziel der Auszeichnung: auf die hohe Zahl "primitiver, oberflächlicher und schlecht geschriebener" erotischer Szenen in der modernen Literatur aufmerksam zu machen - und diese Zahl zu senken.

Frühere Preisträger waren unter anderem Tom Wolfe, Norman Mailer und Jonathan Littell. John Updike, der es mit der Beschreibung von Sexszenen und Frauenkörpern meist sehr genau nahm, erhielt 2008 eine spezielle Auszeichnung für sein Lebenswerk. Im Jahr 2012 wurde mit der Frankokanadierin Nancy Huston zum dritten Mal eine Frau geehrt.

"Wie ein Motorboot auf einem glatten See"

Der indischstämmige US-Amerikaner Manil Suri ist hauptberuflich Professor für Numerische Mathematik an der University of Maryland. "The City of Devi" ist sein dritter Roman. Die beiden Vorgänger "Vishnus Tod" und "Shiva" erschienen 2009 auf Deutsch. Für "Vishnus Tod" war Suri für den Man Booker Prize und den Falkner Award nominiert.

Für den Bad-Sex-Preis musste sich Suri gegen harte Konkurrenz durchsetzen. Allen voran Folk-Sänger Woody Guthrie, dessen Roman "House of Earth" in diesem Jahr, also 46 Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wurde, galt als heißer Kandidat auf den Titel. Kostprobe:

"So fein und geschärft waren ihre Empfindungen, dass ihre Nerven die Vertiefungen und Erhöhungen, die Pickelchen und ein paar verirrte Härchen auf dem Schaft seines männlichen Rohrs spüren konnten."

Aber auch Rupert Thomson konnte mit seiner Erzählung "Secrecy" mithalten:

"Ich schloss meine Augen ebenso und drang in sie ein. Ich stellte mir das steife Fleisch und die geschmeidigen Ring aus Muskeln vor. Mauve und gelbe Blumen füllen den schwarzen Bildschirm meiner Augenlider, die Blütenblätter sich lösend und herabschwebend, um grauen Stein zu erweichen. Ich küsste die weichen Stoppeln in der Mulde ihrer Achselhöhle, dann küsste ich die kleinere Mulde an ihrem Schlüsselbein."

Und schließlich Eric Reinhardts "The Victoria System":

"Der Reißverschluss ihres Rocks stotterte zwischen ihren Fingernägeln wie ein Motorboot auf einem glatten See ... Meine Erektion pulsierte im Sekundentakt in meiner Unterhose."

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