Banville-Roman "Die See" Strandgut der Erinnerung

Auf der Suche nach der verschütteten Wahrheit: Den irischen Schriftsteller John Banville zieht es in seinem Booker-Preis-gekrönten Roman zurück an "Die See" - zu den verbotenen Paradiesen der Kindheit.

Von Birgit Glombitza


John Banville ist im besten Sinne ein Übriggebliebener. Mit seinen fast altertümlichen poetischen Preziosen, seiner Detailversessenheit, seiner sinnlichen, schon überquellenden Vorstellungskraft, seiner handwerklichen Perfektion. Einer, der auf eine lange und illustre literarische Ahnenreihe zurückschauen kann. Sie reicht von Joyce bis Nabokov, von Dostojewski bis Mann.

Romanautor Banville: Kompromissloser Stil
Douglas Banville

Romanautor Banville: Kompromissloser Stil

Stolz, mitunter fast trotzig stemmt sich der irische Autor, der in den neunziger Jahren als Literaturredakteur bei der "Irish Times" arbeitete, mit seinem kompromisslosen Stil gegen die Moden des literarischen Betriebs. Und man darf vermuten, dass die Verleihung des letztjährigen Booker-Preises, der bedeutendsten Auszeichnung für englischsprachige Literatur, auch Banvilles ästhetischer Unbeirrbarkeit gilt. Dass Banville als Rezensent zuvor den als Favoriten gehandelten 9/11-Roman "Saturday" von Ian McEwan verriss, setzt Tratsch und Trubel der Preisverleihung noch eine Pikanterie oben drauf.

Achtzehn Romane hat der 61-Jährige geschrieben. Und sein neuer, "Die See" ist vielleicht nicht der Beste von ihnen. "Sonnenfinsternis", der vom sprachlichen und mimischen Kollaps eines Theaterschauspielers erzählt oder "Der Unberührbare", in dem ein als Spion enttarnter Kunsthistoriker über Erinnerung und Identität meditiert, mögen davor stehen. Ein erstaunliches Werk voller sardonischer Tücken und melancholischer Eleganz ist "Die See" trotzdem geworden.

Max Morden, der Held, wieder einmal ein Kunsthistoriker, mäandert wie viele Banville-Protagonisten vor ihm, im inneren Monolog um die labilen Konstruktionen eines sich erinnernden Ichs. Ein alternder, narzisstischer, verlorener Kauz, dem menschliche Begegnungen und Gespräche lästiges soziales Kleingeld sind und der sich lieber manisch durch die Schichten der eigenen Erinnerung arbeitet, auf der Suche nach seiner ersten Begegnung mit Eros und Tod.

Verheißungsvoll flirrende Sommerluft

Nachdem seine Frau an Krebs gestorben ist, kehrt er zurück in das Badeörtchen Banville an der nordirischen Küste. Zurück zu jenen verbotenen Paradiesen der Kindheit, als die Sommerluft flirrte vor Wandel, Verheißungen und dem ersten, noch uneingestandenem Begehren. Als das Vor und Zurück des Meeres das eigene Zaudern begleitete und das von Strand, Dünen und Wasser reflektierte Licht die wechselnden Befindlichkeiten des Heranwachsenden immer wieder neu ausleuchtete.

Der junge Max trifft hier auf die urlaubende Familie Grace. Er ist fasziniert von ihrer Extravaganz, ihren Freizügigkeiten und ihrer Selbstgefälligkeit. Seine Schwärmerei richtet sich zunächst auf die divenhafte Mutter, dann auf deren undurchschaubare und kühl kalkulierende Tochter Chloe, der ihr stummer Zwillingsbruder Myles stets wie ein Schatten folgt und der mit seinem Fratzenspiel die aufgekratzte Heiterkeit der Familienszenen kommentiert.

Banvilles mit kleinem Pinsel malende Sprache zaubert aus der zurückgeholten Zeit akribische Tableaus und wunderbare Detailansichten. Da kann eine weibliche Achselhöhle, die sich überm heruntergekurbelten Autofenster im Fahrtwind wie ein kleines Tier räkelt, zur schweißtreibenden Sensation werden. Der Beinausschnitt eines Badeanzugs am üppigen Körper der Mutter, das hart konturierte Rückgrat der Tochter, ihre blonden Härchen auf den Schienenbeinen, ein Kuss im Kino, eine absichtsvolle Pose am Strand.

Wie Strandgut zurück gelassen

Banvilles monologisierender Protagonist ist fasziniert von den Dingen, von ihrer Beschaffenheit und ihren Makeln. Egal wohin er schaut, es ist ein Abtauchen durch die Oberflächen, tiefer und tiefer, bis zum Unbeschreiblichen. Da passt es nur zu gut, dass der Kunsthistoriker gerade an einer Biografie über Pierre Bonnard arbeitet, jenem Symbolisten, der seine verstorbene Frau immer wieder portraitierte und eine verschüttete Wahrheit hinter den Dingen und Erscheinungen erspüren wollte. Auch bei Banville steht nichts im Dienst einer anschaulichen Beschreibung, der bloßen Sichtbarmachung einer Stimmung oder schließlich einer weiter zu führenden Handlung. Alles ist mit wunderbarer Sorgfalt konstruiert und so scharf gestellt, so fein und dicht versponnen, dass man sich beim Lesen die Augen reiben muss. Weil ständig ein neues Bild und seine Rückseite gleich mit zur Besichtigung frei gegeben werden, weil die eigene Imagination, auf die Banville es unbedingt abgesehen hat, lahm wird und nach einer Pause Ausschau hält.

Vielleicht ist "Die See" deswegen dann am berührendsten, wenn Banville schlicht wird und beunruhigend genau. Die liebevoll skizzierten Eheszenen, das langsame Verschwinden der Frau, deren Konturen im Verlauf ihrer Krankheit immer schärfer werden, und die sich gleichzeitig ins Unbeschreibliche entzieht, je näher die Sprache ihr zu Leibe rückt. Eine wunderschöne, zärtliche wie ratlose Variation der Heisenberg'schen Unschärferelation.

Der Tod ist in diesem Roman immer schon vorher da. Er steht am Ende und am Anfang und John Banville nähert sich ihm in seinem Monolog gleich von mehreren Standorten und Zeitebenen. Er schreibt sich heran an dieses große saugende Nichts, das ihn in seiner Jugend, als die Zwillinge in einem Akt völliger Unverständlichkeit für immer im Meer abtauchen, und im Alter als depressiven Witwer, wie Strandgut zurücklässt. Und dennoch ist "Die See" kein morbides Alterswerk, sondern eine große Reflexion über den Verlust, die Grenzen der Wahrnehmung und die Rätsel des Lebens.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.