Surf-Memoir "Barbarentage" Ein Mann und das Meer

Von wegen Funsport: Surfer sind wie Sisyphos im Neoprenanzug, auf niemals endender Suche nach der richtigen Welle. William Finnegan, Journalist und Surfer, hat darüber ein preisgekröntes Buch geschrieben.

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Surfen ist letztendlich eine Übung in Demut. Man kann ein ganzes Leben in der Brandung verbringen, kann jede noch so kleine Strömung studieren, die Auswirkungen des jeweiligen Untergrunds auf die Wasserschichten darüber katalogisieren und sämtliche physikalischen Wahrscheinlichkeiten durchdeklinieren. Am Ende versteht man doch nichts. Der Ozean bleibt unberechenbar und gnadenlos.

Wer sich auf diese vergebliche Sinnsuche einlässt wird schnell zum Sisyphos im Neoprenanzug, der sein Leben einer unlösbaren Gleichung verschreibt. Die perfekte Welle? Gibt es nicht. Der endless summer? Kann schon wegen der besseren Winterwellen kein Ziel sein. Die Wahrheit ist: Der angebliche Sonnyboy-Sport trägt mehr knochigen Existenzialismus in sich als good vibrations.

Wenig überraschend also, dass "Barbarentage" mit einer Abkehr vom Glauben beginnt. 1966, also mit 13, schreibt William Finnegan auf den ersten Seiten seiner 2016 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Memoiren, habe er "weitestgehend aufgehört, an Gott zu glauben". Gerade war er aus dem heimischen Südkalifornien wegen eines Filmjobs seines Vaters nach Hawaii gezogen, mitten hinein in eine fremde, fordernde Realität aus martialischen Schulhofscherereien, offener Ablehnung gegenüber "Haoles", also Weißen wie ihm - und jeder Menge Wellen.

William Finnegan
AFP

William Finnegan

Als desorientierter Teenager füllt Finnegan seinen "seelischen Hohlraum" zunehmend mit einer "gleichgültigen, endlos gefährlichen Macht" aus: dem Ozean. Er beginnt, täglich zu surfen. Nicht als Hobby oder Zeitvertreib, sondern als Lebensinhalt.

Jeden Tag bei Sonnenaufgang paddelt er in die Bucht vor seiner Haustür und verlässt die launischen Wellen nur, wenn die Schule ruft. Warum? Weiß er selbst nicht so recht: "Mir kam nicht einmal der flüchtige Gedanke, dass ich eine Wahl hätte, was das Surfen anging", erinnert sich Finnegan. "Der Zauber, der mich befallen hatte, würde mich führen, wohin er wollte."

Wie Hemingway, bloß mit Wellen statt Stieren

Das erste Fazit nach 560 Seiten "Barbarentage", das nun mit zwei Jahren Verspätung endlich auch auf Deutsch erscheint: stimmt. Denn im Grunde ist die Handlung schnell zusammengefasst: Finnegan pilgert im Verlauf von rund 50 Jahren an die besten breaks der Welt. Und macht in Fidschi, Indonesien, Madeira, Südafrika, Australien, Mexiko und an unzähligen weiteren Orten genau dasselbe wie als Teenager auf Hawaii: Er surft und surft und surft. Viel mehr passiert nicht.

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"Barbarentage" von William Finnegan: Sisyphos im Neoprenanzug

Diese Nabelschau einer Leidenschaft könnte natürlich schnell zum literarischen Gegenpart eines two wave hold down werden, einem unter Surfern gefürchteten Sturz bei dem man von zwei Wellen nacheinander unter Wasser gedrückt wird: lang und wenig angenehm. Doch Finnegan, seit vielen Jahren als Autor für den "New Yorker" tätig, gelingt mit "Barbarentage" etwas, das es bis dato kaum gab: Er schreibt stichhaltig und einfühlsam über die Faszination eines sogenannten Funsports.

Wenn er etwa mit seinem langjähriger Freund und Reisepartner Brian Di Salvatore auf einer Insel vor Fidschi einen unbekannten Break findet, später unter "Cloudbreak" weltberühmt, klingt er wie ein vom Stierkampf gefesselter Hemingway: "Das war es. Das Line-up war von überirdischer Symmetrie. Die brechenden Wellen liefen so gleichmäßig, dass sie fast wie Standfotos aussahen. Das war es. Während ich durch mein Fernglas stierte, vergaß ich für ein komplettes, sechs Wellen andauerndes Set das Atmen. Das, verdammt, war es."

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William Finnegan:
Barbarentage

Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels

Suhrkamp Verlag; 566 Seiten; 18 Euro

So schreibt nur jemand, der von einer Sache besessen ist. Und sicher, der Akt des Surfens bildet das Gerüst dieses Buches. Doch anhand dieses Prismas, durch das Finnegan stets die Welt erlebte, wird man als Leser an die Schauplätze der Weltgeschichte gespült.

Etwa ins Südafrika der Apartheid, wo er, eigentlich auf einem jahrelangen Surftrip, ein Jahr als Lehrer an einer schwarzen Schule arbeitet. Nach Indonesien, kurz nach den Kämpfen um Osttimor. Oder nach Madeira, wo um die Jahrtausendwende der langsame wirtschaftliche Fortschritt für Probleme sorgt. Man trifft die vielfältigen Menschen, die Finnegans Leidenschaft teilen, man verzweifelt mit stundenlang am Strand wartenden Freundinnen, man ekelt sich vor sich selbst, wenn Finnegan als Wohlhabender durch die dritte Welt reist, um Spaß zu haben.

Dabei steht allerdings immer eine Frage im Zentrum: Warum eigentlich? Was treibt mich an? Wieso bringe ich mich immer wieder in solche Gefahr? Nachdem Finnegan, zu diesem Zeitpunkt längst verheirateter Familienvater und angesehener Berichterstatter aus Krisengebieten, in einer zu großen Welle vor Madeira mal wieder fast ertrinkt, findet er schließlich eine Antwort: nämlich, dass es keine gibt. Wenige Tage später geht er an gleicher Stelle wieder surfen.

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Papazaca 08.05.2018
1. Surfen als Beispiel für Hingabe
Ich werde das Buch lesen. Weil mich Surfen immer fasziniert hat obwohl - oder weil - ich nie gesurft habe. Hat sich einfach nie ergeben. Aber Surfen steht für mich für diese absolute Hingabe, vergleichbar mit Bergsteigen, Marathon laufen, Klettern, Reisen, etc. Diese Hingabe ist faszinierend und auch abschreckend. Sie suggeriert Leben und Begeisterung, ist aber oft Stress und Vergeblichkeit. Und auch das Genießen kommt oft zu kurz, die Obsessionen dominieren. Was aber so faszinierend ist: Diese Ersatzreligionen vermitteln Intensität, Zugehörigkeit und einen scheinbaren Sinn. Wer mal bei einem BVB-Spiel im Westfalenstadion war, weiß, was ich meine. Da ist Fußball Religion. Mich hat diese Hingabe immer fasziniert und abgeschreckt, weil es keine Erlösung gibt. Und deshalb ist es auch schwer, zu genießen. Gerade diese Obsession verhindert ja Erlösung und Glück. Habe gerade mein Motorrad verkauft, war traurig, aber letztlich glücklich. Ein kleiner Sieg. Oder nur ein Tausch, Mountainbiken hat das Motorradfahren abgelöst. In einem Leben ganz ohne Obsessionen fehlt scheinbar was.
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