Comic "Olympia" Sex, Crime und grober Unfug

Hat man einen guten Knalleffekt, fragt keiner nach der Logik - so zeichnet Bastien Vivès in seinen Comics eine diebische Dreimäderl-Gang. Ein lustvoll leichter Mix aus Action und Erotik.

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Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Gekriegt haben sie mich mit der Motorradszene. Realistisch? Null. Aber sie funktioniert - und wie!

Die Diebin Sam muss in dieser Szene ihre Freundinnen aus dem Louvre befreien. Die Polizei hat das Kunstmuseum schon umstellt. Alex ist drinnen überwältigt worden, Carole kann ihr nicht helfen, weil sie auf dem Dach mit Stinger-Raketen Polizeihubschrauber bekämpft. Fluchtfahrerin Sam ist die einzige, die noch helfen kann. Also steigt sie aufs Motorrad, schlängelt sich hakenschlagend durch den Polizeigürtel, sie heizt auf die Glaspyramide vor dem Louvre zu, nutzt sie als Rampe und rast hoch, bis sie durch die Luft schießt. Plötzlich steht das dunkelblaue Motorrad mit einem Mädchen in knallroter Ledermontur still im Nachthimmel über dem Renaissancebau, und - bitte?

Ja, eine sehr gute Frage: Geht's noch? Louvre? Girls feuern auf Hubschrauber? Rote Lederknackärsche auf heißen Maschinen - wie soll daraus mehr werden als ein Pistenporno namens "Bikerbraut mit Ballermann"? Na, indem einige glückliche Umstände die richtigen Köpfe zusammenführen und die erstaunliche Action-Erotik-Serie "Die große Odaliske" erschaffen, deren zweiter Band "Olympia" soeben erschienen ist. Der Oberzauberer dahinter heißt Bastien Vivès.

Bastian Vivès
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Bastian Vivès

Vivès, 33, zeichnet gerne hübsche, junge Frauen. Gut, das machen viele Comiczeichner, aber nicht so wie der Franzose: Er zeichnet sie, wie sie gehen, stehen, gucken, wie sie kauern. Er zeichnet sie anmutig, unsicher, wütend, verlegen, und all das mit so sparsamen Strichen, dass man meint, jedes Milligramm Farbe kostet extra. "Es ist eine Art Obsession", sagt er, "ich studiere sie, und ich versuche hinter ihr Geheimnis zu kommen. Außerdem verkaufen sie sich gut."

Mit anderen ist Vivès lauter, bunter, zugänglicher

Das erste Mal verblüffte er 2009, mit "Der Geschmack von Chlor". Eine banale Geschichte: Ein junger Mann soll wegen Rückenproblemen Schwimmen gehen. Beim widerwilligen Training verliebt er sich in eine junge Frau, die elegant krault. Vivès zauberte aus diesem Nichts ein hinreißendes Maximum. Doch so gut war er allein nie wieder. Die Geschichte der kleinen Balletttänzerin "Polina" etwa ist trotz fantastischer Optik eine recht gewöhnliche über Künstlerprobleme. Möglicherweise sah Vives diese Limitierung ähnlich. Jedenfalls begann er rasch, mit anderen zusammenzuarbeiten. Und all diese Kooperationen sind lauter, bunter, zugänglicher.

Die Serie "Last Man" ist eine mangaeske Dauerprügelei um einen kleinen Jungen, seinen großen Freund und eine vollbusige Mutter. "Für das Imperium" ist eine düstere Altertumsgeschichte. Doch beide Serien erreichen nicht die lustvolle Leichtigkeit, mit der Vivès, Florent Ruppert und Jérôme Mulot jetzt in "Olympia" Sex, Crime und groben Unfug verquirlen.

Es geht um drei Kunstdiebinnen, und schon bei der Zusammenstellung zählt nur eines - der größte Effekt. Darum ist Alex dauergeil, abenteuerlustig, trinkfreudig, naiv, mit konfusen Männergeschichten. Darum hat Carole nicht nur die größte Restvernunft, sondern auch die größten Brüste. Und Motorradkünstlerin Sam ist - was fehlt? Genau: eine Lesbe.

Aufträge kriegen sie von einem einarmigen Hehler, der sie gern in Begleitung von ein, zwei Nutten im Swimming Pool trifft. Nackig, klar. Klauen lässt er nur das Bekannteste wie eben jene "Große Odaliske". Dass man die real kaum verwerten könnte - wen juckt's? Es laufen ja auch die Einbrüche ab, als gäbe es keine DNA-Analyse oder Überwachungskameras: Die raffinierten Pläne aus "Ocean's Eleven" zählen hier nicht, diese Mädchen sprengen und schießen sich den Weg derart brachial frei, dass sie längst buchdicke Dossiers füllen müssten. Und all diesen Schwachsinn akzeptiert man gern, weil Vivès, Ruppert und Mulot das Filmgesetz "Wirkung vor Logik" beherrschen.

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Bastian Vivès:
Olympia

Aus dem Französischen von Annika Wisniewski

Reprodukt; 136 Seiten; 20,00 Euro.

Es besagt, dass ein guter Knalleffekt den Zuschauer so überwältigen kann, dass er nicht nach dem Sinn fragt. Vivès/Ruppert/Mulot liefern diese Böller, schon beim Cover: Alex, die nackt aus einem gigantischen U-Boot zur Wasseroberfläche taucht, ist ein starkes Bild - in der Handlung kommt es nicht vor. Wenn Alex und Sam für einen Einbruch Glasschneiden üben, tun sie das nicht abends zu Hause, sondern am helllichten Tag in einer Fensterputzgondel an einem Hochhaus der Pariser Skyline mit einem sa-gen-haf-ten Ausblick. Es gibt eine mörderische Schießerei mit der Mafia in (freilich!) Venedig. Wir sehen den Mädels beim Klettern zu, bei den Schießübungen, in der Markthalle, bei der Schwangerschaftsvorbereitung (Carole erwartet ein Kind).

Entscheidend ist jedoch, dass die Konstruktion mit reichlich Gefühl unterfüttert ist: "Wir sitzen beim Schreiben immer zu dritt zusammen", beschreibt Vivès, "und wenn wir wissen, dass wir die Motorradszene auf Seite 100 wollen, dann ist auch klar, dass spätestens auf Seite 60 die Beziehungen etabliert sein müssen." Damit Sams Motorradsprung kein billiger Stunt wird, sondern ein Wagnis aus Liebe.

Wem das trotzdem ein bisschen viel ist, der muss noch etwas warten. Gerade erschien in Frankreich mit "Une soeur" wieder ein stilleres Solowerk. Eine Familiengeschichte in schwarz-weiß, so reduziert, dass den Figuren oft die Augen fehlen. Selbstverständlich trotzdem ein Hingucker.



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