Beatles-Comic Pilzkopf, aus Liebe geboren

Heute vor 30 Jahren starb John Lennon, eine Ikone der Popmusik. Aber wie war das eigentlich, damals in Hamburg, wo alles begann? Der Zeichner Arne Bellstorf hat aus der Romanze des Beatles-Bassisten Stuart Sutcliffe und der Fotografin Astrid Kirchherr einen wunderschönen Comic gemacht.

REPRODUKT/ Arne Bellstorf

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Es ist nur ein Blick, den die beiden austauschen, von einem Bild zum anderen: Links oben auf der Seite Astrid Kirchherr, im Kästchen nebenan Stuart Sutcliffe. Beide schielen zum Bildrand. Für den Leser ist es, als würden sich ihre Blicke mittendrin, zwischen den Bildern, treffen.

"Baby's In Black" heißt der Comic, den der Hamburger Zeichner Arne Bellstorf aus, so der Untertitel, der "Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe" gemacht hat - eine schlichte, leise Formulierung für eine Liebe, die heute zu einem der großen Gründungsmythen der Popkultur gehört: Zur Geschichte der Hamburger Zeit der Beatles.

Im Oktober 1960 kommt Klaus Voormann, Kirchherrs damaliger Freund, der Mann, der später für die Beatles das berühmte "Revolver"-Cover entwarf, nachts aufgeregt nach Hause. Er hat in einem Keller auf der Großen Freiheit eine Band gesehen: "Es war unglaublich, da spielte jemand live, es ging mir sofort durch Mark und Bein." Nach leichtem Zögern, St. Pauli war schließlich noch ein verrufenes Hafenviertel, kommt Kirchherr bei Gelegenheit mit.

Und so stehen die beiden vor dem längst historisch gewordenen Plakat mit der Aufschrift "Kaiserkeller - Tanzplast der Jugend - Hamburg St. Pauli". Auf der Bühne ein paar Burschen mit zurückgebürsteten Haaren: John Lennon, Paul McCartney und, mit Sonnenbrille, der damalige Bassist Stuart Sutcliffe. Lennon und McCartney, beide an der Gitarre, singen: "You make me dizzy, Miss Lizzy, the way you Rock'n'Roll", jenes wilde Lied mit dem heulenden Gitarrenrefrain, das die Band ein paar Jahre später auf ihrer Platte "Help" veröffentlichte. Kirchherr raucht und starrt mit großen Augen in die Luft, schließlich sagt sie über Sutcliffe: "Er sieht viel besser aus als James Dean."

Beim nächsten Besuch im Kaiserkeller spricht Kirchherr die Musiker an. Sie hat die Kunsthochschule absolviert und möchte die Gruppe fotografieren. Erst entsteht jenes berühmte Bild auf dem Rummelplatz, das Lennon, McCartney, Harrison, Sutcliffe auf einem Schaustellerwagen zeigt, nur der damalige Schlagzeuger Pete Best ist nicht dabei - es die erste professionelle Aufnahme der Beatles. Dann fotografiert sie Sutcliffe allein an der Elbe. Plötzlich sind sich die beiden ganz nah.

Klar und poetisch wie ein Nouvelle-Vague-Film

Arne Bellstorf, geboren 1979, hat Kirchherrs berühmte Fotos nachgezeichnet und in seinen Comic eingebaut. "Ich habe nach einer Geschichte gesucht, die vom Jungsein zu Beginn der Popkultur erzählt", sagt der Zeichner, "für die Beatles hatte ich mich zuvor gar nicht interessiert." Er nahm Kontakt mit Kirchherr auf, die, mittlerweile 72 Jahre alt, noch immer in Hamburg wohnt. Das Fotografieren hat sie schon vor Jahrzehnten aufgegeben. Drei Jahre lang haben sich Bellstorf und Kirchherr getroffen. Der Zeichner ließ sich "von Astrid schildern, wie sie die Leute wahrgenommen hat", schaute sich ihre Fotos an und versuchte, das dort gezeigte "reduziert einzufangen".

Bellstorf erzählt die Geschichte in vier bis sechs Schwarzweißbildern pro Seite, auf so ausdrucksstarke wie zeitlose Art. Das Manierierte, das manche von Kirchherrs Aufnahmen von Sutcliffe und den Beatles prägte, ist in "Baby's In Black" weg. Der Comic ist so klar und poetisch wie ein Nouvelle-Vague-Film. Tatsächlich waren Astrid Kirchherr und ihre Kunsthochschulfreunde stark von den französischen Existentialisten beeinflusst - und von deren Art, die Haare in die Stirn hängend zu tragen. So darf in "Baby's In Black" nicht der berühmteste aller frühen Beatlesmythen fehlen: "Don't you need a haircut, too" meint Kirchherr, die selbst ihr blondes Haar so kurz trägt wie Jean Seberg in Godards "Außer Atem". Ein paar Bilder später steht Sutcliffe mit einer Art früher Pilzkopffrisur auf der Bühne. Lennon und McCartney spotten ein bisschen und bleiben vorerst bei ihren Tollen.

Während McCartney im Comic als Bubi mit Kindergesicht ziemlich blass wirkt, ist der damals 20-jährige John Lennon, obwohl nur Nebendarsteller, die markanteste Figur der Geschichte. Mit seinem ungehobelten Auftreten, seinen Sprüchen stellt er den leisen Künstlertypen Sutcliffe beständig in den Schatten. Astrid Kirchherr störte das nicht. "Ihr gegenüber war er weniger aggressiv und aufbrausend", sagt Bellstorf.

In einer Szene erinnert Lennon das deutsche Publikum daran, sie, die Engländer, hätten schließlich den Krieg gewonnen. Eine Aussage, an die sich nicht nur Kirchherr im Gespräch mit Bellstorf erinnerte, sondern die, wie einige andere im Comic verwendete Anekdoten auch, durchs Internet geistert - ein schönes Beispiel dafür, wie sich die Erinnerung an historische Persönlichkeiten mit den Jahrzehnten verschleift und verselbstständigt.

Archetypen der Coolness

Anders als die Historiencomics allerdings, die derzeit so sehr Konjunktur haben, in denen von Che Guevara, Martin Luther King und Fidel Castro bis hin zu Anne Frank berühmte Menschen des 20. Jahrhunderts bienenfleißig und brav zu Graphic Novels verwurstet werden, ist "Baby's In Black" keine biedere, sich in historischen Kulissen erschöpfende Nacherzählung der Vergangenheit.

"Die historisierende Bearbeitung ist mir zuwider", sagt Arne Bellstorf. Er möchte auch gar nicht erst dem Genre Graphic Novel zugeschlagen werden: "Es besteht die Gefahr, dass der Begriff gleichgesetzt wird mit Geschichten, die sich nur mit historischen Figuren beschäftigen." Deshalb ist "Baby's In Black" für Bellstorf schlicht "ein Comic". Ihm geht es nicht darum, in akribisch gezeichneten Bildern die Vergangenheit zu beschwören: "Mich interessiert, was hat Geschichte mit uns zu tun? Wo ist die Linie zu dem Punkt, wo ich stehe?"

Wahrscheinlich ist "Baby's In Black" mit seinen Archetypen der Coolness deshalb trotz aller zeittypischen Bezüge eine Geschichte geworden, die genauso gut heute spielen könnte; in der ein Gesichtsausdruck, ein Blick, wichtiger ist als detaillierte Ausstattung.

Wie in großer Literatur wird das Entscheidende, gerade auch Sutcliffes Tod 1962, in Andeutungen erzählt. "Baby's In Black" ist Literatur, ein rührendes und wunderschönes Buch - das sogar Erfolg hat: Gerade ging die zweite Auflage in Druck, im kommenden Jahr erscheint der Comic in England, Übersetzungen ins Italienische, Polnische und Französische sind geplant.

Doch wäre "Baby's In Black" kein Comic, wenn nicht auch die Optik der Gegenstände eine Rolle spielen würde. Die sind, wie könnte es anders sein bei diesem Titel, schwarz, tiefschwarz. Ganz besonders die Pullover von Kirchherr, Sutcliffe und Voormann. Arne Bellstorf hat jeden einzelnen fein säuberlich von Hand ausgemalt.



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Savryn 08.12.2010
1. ...
Ähm... ein Autor, der will dass sein Werk als "schlicht ein Comic" gesehen werden soll? Das ist... seltsam. Da haben Leute wie Alan Moore, Neil Gaiman oder Frank Miller Jahrzehnte dafür gearbeitet und gekämpft, dass genau diese Einstellung in der Gesellschaft verändert wird und dieser Autor pfeift drauf. Wie gesagt, seltsam. Insgesamt gefallen mir die im Beitrag angehängten Bilder aus dem "Comic" nicht wirklich. Die Zeichnungen ähneln ein wenig O'Malley's Scott Pilgrim, jedoch etwas erwachsener dargestellt. Ansonsten ist der schwarz-weiß Stil hier etwas lieblos eingesetzt. Das sieht z.B. bei The Walking Dead wesentlich besser aus. Detaillierter und durchdachter. Von den Texten kann man noch nicht soviel sagen, dafür ist zu wenig Material in den Bildern enthalten. Gut, das ganze ist ja in der Realität verankert, dass da jetzt nicht die Wahnsinnstexte bei rumkommen ist klar. Vielleicht wirds ja nach hinten raus besser. Abschließend also nicht wirklich das, was man sich unter einem modernen "Comic" vorstellt. Da gibt es derzeit sicherlich besseres auf dem Markt.
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