Belgiens Jahrhunderttalent Hugo Claus ist tot

Er galt als die herausragende literarische Stimme Belgiens und wurde mehrfach für den Literaturnobelpreis gehandelt. Jetzt ist der Autor Hugo Claus im Alter von 78 Jahren verstorben.


Brüssel - Er war talentiert in so vielen Kunstformen, wie es wohl nur wenigen vergönnt ist. Der Belgier Hugo Claus reüssierte als Romancier und als Filmregisseur, als Maler und als Theaterautor. Jetzt ist das Multitalent nach Angaben des flämischen Rundfunksenders VRT im Alter von 78 Jahren gestorben. Der weltberühmte Künstler litt an Alzheimer und wählte den Zeitpunkt seines Todes selbst - er habe um Sterbehilfe ersucht, wie seine Familie über Claus' Verlag mitteilen ließ.

Autor Claus (2003): Meister der multiperspektivischen Erzählweise
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Autor Claus (2003): Meister der multiperspektivischen Erzählweise

Claus wurde am 5. April 1929 in Brügge geboren. Er besuchte von 1933 bis 1939 ein von Nonnen geleitetes Pensionat in Aalbeke, ging dann auf weiterführende Schulen in Kortijk und Deinze, um im Anschluss an der Kunstakademie und der Schauspielschule Gent zu studieren. Nach seinem Wehrdienst begann er Anfang der fünfziger Jahre seine Karriere als Künstler, Autor und Journalist.

Seinen ersten großen Erfolg feierte Claus bereits als junger Autor mit Anfang 20. In nur drei Wochen verfasste er 1950 eine Auftragsarbeit, den Roman "De Metsiers" ("Die Metsiers", 1951), der das Schicksal einer flämischen Bauernfamilie während des Zweiten Weltkrieges nachzeichnete. Schon in diesem Werk wandte er die Technik des multiperspektivischen Erzählens an, die viele seiner späteren Werke auszeichnen sollte. Im selben Jahr ging Claus nach Paris, um sich dort der Künstlergruppe "Cobra" anzuschließen und sich - mit Erfolg - als Maler zu versuchen.

Darauf folgten zunächst mehrere Romane, längere Aufenthalte in Italien, den USA und Mexiko und schließlich vor allem Arbeiten für das Theater. Mit "Die Feinde" legte Claus 1965 seine erste Arbeit als Filmregisseur (nach eigener Romanvorlage) vor, 1975 wagte er sich mit einer fünfteilige Fernsehserie über Rubens sogar ins Fernsehen.

In den Achtzigern wandte sich Claus wieder vermehrt der Prosa zu. Das international bekannteste Werk des Dichters, der sich auch als Übersetzer einen Namen machte, stammt aus dieser Zeit: seine autobiografisch gefärbte Familienchronik "Het Verdriet van Belgie" ("Der Kummer von Flandern"). Der Roman, 1983 erschienen und drei Jahre später auch in deutscher Fassung veröffentlicht, kreiste um die flämische Kollaboration mit den Nazis.

Claus galt seit Jahren als möglicher Anwärter auf den Literaturnobelpreis; 1992 war er das erste Mal dafür nominiert. Im Jahr 2002 konnte Claus als eine von vielen Auszeichnungen den "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung" entgegennehmen.

tdo/dpa



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