Nüchtern mit Stuckrad-Barre "Wenn ich mal richtig ausflippe: Ginger Ale"

Den Rausch beschrieb er in "Panikherz", jetzt reicht Benjamin von Stuckrad-Barre einen dünnen Band darüber nach, wie es ist, ständig nüchtern zu sein. Zeit für ein Treffen auf ein Glas Wasser.

Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre
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Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre


Das Buch heißt "Nüchtern am Weltnichtrauchertag" und handelt davon, wie der Autor die Welt erlebt, ohne Rauschmittel zu konsumieren. Schon mal eine schöne Idee. Das Buch handelt auch vom Rauchen, aber das werde ich hier ignorieren, weil ich Rauchen blödsinnig finde. Um über Nüchternheit zu sprechen, dachten wir, der Autor und ich, sei es naheliegend, im Restaurant "Grill Royal" in Berlin ein paar Gläser Wasser zu trinken. Auch so eine nette Idee.

Falls Sie wissen, wer Benjamin von Stuckrad-Barre ist, überspringen Sie bitte den folgenden Absatz: Benjamin von Stuckrad-Barre, 41, ist einer der wichtigsten Schriftsteller Deutschlands. Er hat viele gute Romane geschrieben, im Fernsehen moderiert, er ist eine Zeit lang im weißen Anzug durch die Gegend gelaufen, sein Vater war Pastor, seine Lesungen sind wie Rockkonzerte. Im Frühjahr erschien sein autobiografisches Buch "Panikherz", das von Udo Lindenberg handelt, einem Hotel in Los Angeles und davon, wie Barre sich mit Hilfe von Alkohol und verschiedenen Drogen fast tötet.

"Panikherz" ist ein Buch wie ein unvergesslicher Rausch. Weil es von Menschen wie Thomas Gottschalk oder Udo Lindenberg erzählt. Weil es in einem Luxushotel in Los Angeles spielt und man selbst gerne da wäre, an diesem Pool, in diesem Hotelgarten, in dieser Stadt. Und vor allem, weil Barre so selbstentleibend von sich erzählt.

Die Geschichte eines Niedergangs

Jeden Tag erzählen wir Geschichten von uns. Wir ziehen uns morgens an, weil wir auf bestimmte Art wahrgenommen werden wollen. Wir posten Fotos auf Facebook und Sprüche von Mark Twain, weil wir zeigen wollen, wer wir sind ("Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.") Wir erzählen Witze, wenn wir über uns reden. Vor allem Fremden erzählen wir meistens Heldengeschichten.

Stuckrad-Barre hat das Gegenteil gemacht. Er hat die Geschichte seines Niedergangs erzählt. Wie er zum ersten Mal Kokain zieht und wie schön das ist. Wie er mehr Kokain zieht. Wie er irgendwann in Zürich so viel Kokain zieht, dass er dafür einen abgeschnittenen Plastikstrohhalm nutzt, den er vorher kurz mit einem Feuerzeug anschmilzt, weil der weiche Strohhalm so schön in der kaputt geschnupften Nase streichelt. Wie er beim Arzt sitzt und sich über die Möglichkeit einer neuen Nasenscheidewand erkundigt. Wie er in die Entzugsklinik geht, rückfällig wird und so viele Substanzen durcheinander nimmt, dass er dem Tod "Hallo" sagt.

Stuckrad-Barre im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt seines Ruhms
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Stuckrad-Barre im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt seines Ruhms

Man kann "Panikherz" ertragen, weil jemand da ist, der überlebt hat und diese Geschichte erzählen kann. Barre ist nüchtern seit dem März des Jahres 2006. Damals trank er sein letztes Bier, bevor er in eine Entzugsklinik fuhr.

"Nüchtern" also. Das neue Buch ist so etwas wie die B-Seite von "Panikherz". Der Gegenschuss zur Geschichte des Rausches. Erstaunlicherweise wird das Buch dadurch nicht weniger lustig oder klug, aber es bleibt dünn. "Panikherz" umfasst fast 600 Seiten. "Nüchtern" hat weniger als 100.

Barre berichtet darin, wie es ist, wenn alle um ihn herum einen sitzen haben und anfangen, Müll zu erzählen - und wie er dazwischen steht, an seinem Wasserglas nippt und zuhört und das irgendwann so anstrengend findet, dass er um 21.30 Uhr nach Hause geht. Was hat die Nacht einem, der nüchtern bleibt, noch zu bieten?

Wasser ist Barres Getränk der Wahl, gern auch Tee. In einem Interview sagte er einmal: "Wenn ich mal richtig ausflippen will: Ginger Ale."

An unserem Abend im Grill Royal trinkt Barre "Preussen Quelle feinperlig", die auf der Rückseite mit dem Satz beworben wird: "Unser bestes Wasser für alle, die nachhaltig leben und genussreich trinken wollen."

Er isst zwei Beilagen, einmal gegrillten Brokkoli und ein paar grüne Böhnchen. Wer "Panikherz" gelesen hat, weiß, dass Barre nicht nur drogengestört, sondern auch essgestört ist. Er hat Bulimie. Abgesehen davon, dass er sehr, sehr dünn ist, merkt man davon an diesem Abend nichts.

Nüchtern also. Im Buch berichtet Barre davon, wie schön es ist, morgens mit klarem Kopf aufzuwachen und joggen zu gehen, und er berichtet davon heute, zehn Jahre nach dem letzten Rausch, noch so, als sei das etwas unvergesslich Besonderes.

Obwohl der Rausch manchmal - zu selten, wie Barre findet - noch immer durch sein Leben fegt. Gestern sei so ein Tag gewesen, sagt er. Da habe er mit Freunden in Wien zusammengesessen und geplaudert und gelacht, und es sei egal gewesen, wie lange der Abend dauern und wo er enden würde. Manchmal, in solchen Nächten, übernimmt die "Rauscherinnerung", wie Barre das nennt. Da fühlt er sich dann, als sei er voll mit allen möglichen Substanzen, obwohl der Körper sich einfach nur an das Gefühl erinnert, wie es früher einmal war.

Nachmittags trinken ist das Beste

In seinem neuen Buch schreibt Barre, dass er kein Informationsstand des Bundesgesundheitsministeriums sei. Er schreibt aus der Perspektive des Süchtigen, der zwar weiß, wie gefährlich eine Linie weißes Pulver sein kann, der aber auch weiß, wie göttlich sie einen für den Moment nach vorn bringt. Im "Grill Royal" erzählt er davon, wie angenehm es war, sich in Zürich mit einer Flasche Weißwein ans Bellevue zu setzen und sich einen reinzufegen. "Nachmittags trinken ist das Beste. Das weiß ich ganz genau", sagt er.

Barre trinkt gar nichts mehr mit Alkohol. Nüchtern geht nur komplett nüchtern, sonst sei das Risiko der Übertreibung zu groß, sagt er. Sein Freund Udo Lindenberg, der auch eine Zeit lang zu viel getrunken habe, schaffe es, manchmal nur ein wenig zu trinken, aber das sei für Vollprofis. "Das ist next level", sagt Barre.

Auf der Fahrt zum Gespräch habe ich mir eineinhalb Stunden lang Archivmaterial über Stuckrad-Barre durchgelesen, Geschichten aus Zeitungen und Magazinen der vergangenen Jahre. Wer das tut, bekommt Angst um diesen Mann. Darin steht immer wieder zwischen oder auch in den Zeilen, er müsse aufpassen. Der Eindruck entsteht, der Autor habe mit "Panikherz" sein eigenes Leben so ausgebeutet, dass danach nichts mehr übrig bleiben würde, nur noch eine Lesereise und die Leere danach. Keine gute Prognose für einen ohnehin schon süchtigen, depressiven, essgestörten Menschen.

Und jetzt auch noch "Nüchtern". Der Rausch war beschrieben, jetzt war noch die Nüchternheit dran.

Und nun, Herr Stuckrad-Barre? Was haben Sie nach "Panikherz" und "Nüchtern" gemacht? "Danach war der Patronengurt komplett leer."

Wenigstens das Rauchen ist Stuckrad-Barre geblieben
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Wenigstens das Rauchen ist Stuckrad-Barre geblieben

Weil einen "Panikherz", ob man das will oder nicht, zum Hobbytherapeuten macht, der 500 Seiten lang in die Seele dieses Autors schaut, fühlt man sich in diesem Moment auch ein wenig bestätigt. Aber dann berichtet Stuckrad-Barre davon, wie er gerade wieder fünf Monate in Los Angeles war und an seinem nächsten Projekt arbeitete. Fünf Monate durchgeschrieben. Nicht über sich, sondern über jemand anderen.

Nüchtern also. Geht übrigens sehr gut mal so einen Abend lang. Stuckrad-Barre trinkt nach dem Sprudelwasser noch zwei Ingwer-Pfefferminztees, die im Grill Royal in kristallinen Cocktailgläsern serviert werden. Am Nachbartisch kostet ein Mann einen Rotwein, der aus einer langhalsigen Karaffe eingeschwenkt wird, und in dem Moment kann man, weil man vollnüchtern ist, nicht anders, als zu denken, wie lächerlich trinkende Menschen sich oft machen. Der Mann schnuppert am Glas und schwenkt Wein, spült seinen Mund damit aus und sagt dann: "Oh, das ist schön, uuuuh."

"Nüchtern" also. Sollte man lesen. Klug, witzig, voller Barre-Worte und Stuckrad-Gedanken.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, diese Geschichte damit enden zu lassen, dass Stuckrad-Barre irgendwann um kurz vor 22 Uhr sagen würde, er müsse jetzt nach Hause. Wäre eine gute Pointe gewesen: Der alte Partyking macht früh Feierabend. Aber irgendwie habe ich den Plan auf halbem Weg vergessen. Was bringt die Nacht einem, der nüchtern bleibt? Die Nüchternheit fühlt sich erstaunlich abenteuerlich an, wenn alle anderen "Prosit" sagen. Im "Grill Royal" war nach zwei Stunden alles gesagt, weil wir, so ohne Alkohol im Blut, kaum Unsinn gequatscht hatten. Wie effektiv es doch ist, "Preussen Quelle" zu trinken. So war ich es, der um 22.18 Uhr sagte: "Komm, wir gehen nach Hause." Morgen ist ein neuer Tag. Benjamin von Stuckrad-Barre wird da sein, eine Runde joggen, weiterschreiben. Er LEBT.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Pride & Joy 23.10.2016
1. Eine ganz schwieriges Thema!
An das sich der Autor hier heranwagt. Insbesondere wenn man auf alle beschriebenen Suchtstoffe affin reagiert und die gesellschaftliche Akzeptanz so ist, dass Alkohol und Nikotin als akzeptiert gelten und daher überall konsumiert werden. Ich teile seine Erfahrung, dass Betrunkene fürchterlich wirken, wenn man selber nüchtern ist. Was ich nicht teilen kann, ist das Rauschgefühl, welches er beschreibt. Ich vermute daher, dass es für ihn eine andere Qualität besitzt mit Menschen die berauscht sind, in Kontakt zu treten. Lösung? Er könnte seine Einstellug dazu verändern.
brux 23.10.2016
2. Gähn
Nach der Übertreibung nun die Untertreibung. Normal geht wohl nicht so einfach wie Narzissmus.
nolabel 23.10.2016
3. Wunsch
Ich hätte gerne mal einen Artikel über Herrn Stuckrad-Barre, der nicht von einem Fanboy oder - girl geschrieben ist. Es gibt ja durchaus ernstzunehmende Kritiker, die den dauerverwirrten Stucki für komplett überbewertet halten.
expedition_robinson 23.10.2016
4. Falls der Würger weiß, wer BvSB ist:
jedenfalls nicht "Autor vieler guter Romane" wie er in dem Artikel behauptet. Meines Wissens nach gibt es nur einen veröffentlichen "richtigen" Roman von ihm und das ist "Soloalbum" - ggf. noch Livealbum, wobei dies eher eine belletristische Dokumentation seiner Lesereise ist. Der Rest sind Textsammlungen wie "Remix" oder "Deutsches Theater", Kurzgeschichts- und Gedichtbände wie "Blackbox" und zuletzt die erwähnte Autobiographie. Nicht?
paul_werner 23.10.2016
5. gesund UND munter
Stucki sollte mal Sex ausprobieren. Ist nicht so sein Ding - wie man unter anderem aus seinem Buch erfährt. Aber vielleicht kommt das ja noch.
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