Benjamin von Stuckrad-Barre Viel durchgemacht, Hautprobleme überwunden

Popliterat, Überflieger, Provokateur: Benjamin von Stuckrad-Barre war ganz jung ganz oben. Dann kamen die Drogen und die Magersucht. Seine Autobiografie "Panikherz" erzählt rührend, warum es nicht selbstverständlich ist, dass der Autor noch da ist.

Julia Zimmermann

Von Helene Hegemann


Mit zwölf hört Benjamin von Stuckrad-Barre zum ersten Mal die Musik von Udo Lindenberg, sein Vater ist Pastor, er selbst das jüngste von vier Kindern, die Familie lebt in einer Kleinstadt zwischen Hamburg und Bremen, Lindenbergs Platte "Livehaftig" scheint für Benjamin nicht nur der perfekte Übergang von Hörspiel zu Popmusik, sondern in erster Linie ein Versprechen dafür zu sein, dass es noch was anderes auf der Welt gibt als Kinderchorproben und Brotaufstrich aus Hefe-Extrakt.

Mit 19 macht er nach einer ereignisreichen Beschäftigung beim Göttinger Stadtmagazin "Nightlife" (Wildplakatierung, Schreiben von Musikkritiken, Betreuung von teilweise drogenabhängigen Gästen des Göttinger Literaturherbstes) sein Abitur - er weiß, dass man für eine Deutschprüfung über Effi Briest nicht zwingend den ganzen Roman, sondern bloß eine kurze Zusammenfassung aus Königs Erläuterungen gelesen haben muss. In den Jobs, die ihm vorschweben, wird ihn niemand anhand seiner Ausführungen zum Wendepunkt des poetischen Realismus beurteilen, er will über Musik schreiben, mit Backstage-Pässen auf Konzerten rumhüpfen und kostenlose Rezensionsexemplare von CDs zugeschickt bekommen, er will Drogen nehmen oder zumindest welche zu organisieren imstande sein für Musiker, die er gut findet oder mondän oder was auch immer, er will in Hotels abhängen und den gleichen weißen Anzug tragen, den Marius Müller-Westernhagen in der Verfilmung von Jörg Fausers "Der Schneemann" anhat, er will auf gar keinen Fall das, was sich der Großteil der Menschheit unter einem geregelten Lebenslauf ("dieser Lügenliste, in der man tabellarisch seine bisherige Nützlichkeit für die Gesellschaft nachweist") vorstellt, alles ziemlich nachvollziehbar, es liegt also nahe, sich nicht zu sehr auf den Lernstoff zu konzentrieren, sondern darauf, so lange mit den Mitgliedern der Band The Bates in deren Proberaum zu saufen, bis sie ihm versprechen, ein Konzert auf dem Pausenhof seiner Schule zu geben.

Systematische Selbstzerstörung

Mit 20 zieht Stuckrad-Barre nach Hamburg, alleine. Mit 27 sitzt er in der WDR-Sendung "Zimmer frei", in der sich Prominente als Mitbewohner einer fiktiven Wohngemeinschaft bewerben und so auf ihre charakterliche Standhaftigkeit überprüft werden sollen; er hat zu diesem Zeitpunkt vier Bücher veröffentlicht und jede Menge Geld, er hat Bulimie und feiert zu viel und scheint deshalb folgerichtigerweise die Kontrolle über seine Existenz verloren zu haben oder zumindest den Überblick darüber, wo er hingehört und gemeldet ist, klassischer Fall von systematischer Selbstzerstörung, die das Umfeld, solange der Betreffende noch in Talkshows eingeladen wird, immer irgendwie als "kurze dunkle Episode" zu verharmlosen bereit ist, er hat schon wieder vier Kilo abgenommen, im Thailandurlaub, bald wird ihm ein Arzt diagnostizieren, dass er mit seiner "Selbstabschaffung" schon "ziemlich weit vorangekommen" sei, er hat das Lied "Andrea Doria" von Udo Lindenberg eingeübt, um es am Ende der Sendung vorzusingen, und irgendwann antwortet Götz Alsman seiner Co-Moderatorin Christine Westermann auf die sinngemäße Frage, was aus einem Menschen, der so jung so viel vollbracht habe, noch werden solle: "Entweder Weltstar oder drogenabhängig."

270 Seiten später hat man sein neues Buch dann leider durch und weiß, dass beides geht. "Panikherz" ist Stuckrad-Barres von Überbegabtheit, Sucht und Musik geprägte Autobiografie und dermaßen gut geschrieben, dass man trotz all der aufeinanderfolgenden Vollkatastrophen bei jedem Satz spürt, wie sich sein Elend am Ende doch noch bezahlt gemacht hat. Es ist perfide, einen Autor dafür zu beglückwünschen, Erfahrungen überstanden zu haben, an denen ein Großteil seiner Leser zugrunde gegangen wäre; er hat sich nicht für eine Überzeugung geopfert, sondern seinen eigenen Hedonismus überlebt, man kann ihm also leider nicht zum Inhalt seines Buches gratulieren, der sein eigenes Leben ist, denn das hätte er ja wirklich beinahe komplett vor die Wand gefahren. Man kann sich bloß freuen über sein "beispielloses Talent" und seine "differenzierte Menschenkenntnis", sich für ihn freuen kann man auch, und natürlich für sich selbst, hätte er seinen Komplettabsturz nämlich nicht überwunden, könnten wir "Panikherz" heute nicht lesen - oder vielleicht doch, aber als totlangweilige, verdrogte, schlecht geschriebene Rock'n'Roll-will-never-die-Variante.

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Was einem das Lesen dieses Buches verschafft: eine Ahnung davon, was permanente Grenzüberschreitung bedeutet. Und ein indirektes Lob dafür, gerade zu Hause in einer Polyesterdecke auf dem Sofa zu sitzen statt im Berghain zu sein, schließlich ist der Preis für ein literables Leben ein bisschen zu hoch, um dafür das Haus zu verlassen. Was ist der Preis? In Stuckrad-Barres Fall war das offenbar die eigene Gesundheit, das Vermögen, die Mitgliedschaft bei seiner Krankenkasse und eine Menge sozialer Kontakte. Wofür hat er all das geopfert? Für Kokain? Dafür, einen Scheiß auf alles geben zu können oder einfach nur dafür, dünn zu sein? Was Sucht bedeutet, speziell für jemanden, der ausreichend Kohle hat und zu dessen Lebensstil die Grenzüberschreitung nicht nur dazu gehört, sondern zu einem gewissen Grad unabdingbar ist, kann man in abgeminderter Form wöchentlich in der GALA nachlesen. Jeder wird schon mal von dem Dilemma gehört haben, dass man, um sich aus einem Teufelskreis von Depression und Selbstmedikamention zu befreien, "erst mal ganz unten ankommen muss". Eine Garantie dafür, dass "ganz unten" nicht "tot" bedeutet, gibt es allerdings nicht. Die Chancen, sich aus einer Abhängigkeit, einer pathologischen Besessenheit zu befreien, ohne dabei draufzugehen, sind genauso groß, wie an ihr zu sterben, und auf der Klinge dieses Risikos bewegt sich das komplette Buch.

Es gibt da einen hyperaktiven, semibeliebten, in seiner ganzen geistig verwirrten Klarheit irgendwie zielstrebigen Teenager, der sich wirklich für das Leben interessiert - es gibt den angefeindeten Pop-Autor, der aus einem viermonatigen Klinikaufenthalt zwischen magersüchtigen Mädchen keine andere Schlussfolgerung zieht, als sein Gewicht nach der Entlassung nicht mehr mit Kotzen sondern mit Kokainkonsum halten zu wollen, es gibt den 40-Jährigen, der seit acht Jahren clean ist, im sagenumwobenen Hotel Chateau Marmont in Los Angeles rumhängt, seine destruktive Lifestory aus der Sicht eines Überlebenden schildert und außerdem, vielleicht aus purem Interesse, vielleicht auch als Metapher für den Wandel der eigenen Existenz, ein paar ernüchterte Berichte von Konzerten gealterter Popgrößen "einfließen" lässt (Noel Gallagher von Oasis spielt zum Beispiel ein völlig egales Konzert im Orpheum Theatre, Los Angeles, vor tausend gelangweilten Menschen zwischen 30 und 50, die am nächsten Morgen früh raus müssen - "und früher war mehr Lametta").

Es gibt zwei rote Fäden, die sich verlässlich durch das Buch ziehen - die Ausschreitungen und die Traurigkeit auf der einen, und ausgerechnet Udo Lindenberg als positive Kraft auf der anderen Seite. Mit Udo Lindenberg fängt das Buch an, es hört auch mit ihm auf, dieser Mensch scheint in Stuckrad-Barres Leben eine große Rolle zu spielen, als Freund, sogar als Vorbild, und als eine Art Leitfigur sowohl für die Hemmungslosigkeit als auch für die Hoffnung.

Präpotente Siebtklässlerin

2003 war ich elf und wurde von der Patentante meiner Freundin Leonie in die Verfilmung von Stuckrad-Barres Debütroman Soloalbum mitgenommen. Multiplexkino Recklinghausen, Sandy Mölling von den No Angels hat einen Kurzauftritt als Groupie, es gibt eine Sexszene, deretwegen ich vor Scham vergangen bin, an mehr erinnere ich mich nicht, nur an eine Art verängstigten Respekt für den Autor der zugrunde liegenden Geschichte, mir war das alles zu viel und gerade deshalb interessierte es mich irgendwie, ich vermute, dass das der Zustand war, in dem sich auch die meisten Durchschnittserwachsenen befanden, wenn auch aus anderen Gründen.

Einige Zeit später beginnt er seine überwundene Suchtgeschichte öffentlich zu machen - im neutralen Interviewton, mit dem man vor Publikum eine hinter sich gebrachte Krisenzeit thematisiert, ohne ins Detail zu gehen. Aus der Ferne mitzukriegen, wie Prominente haarscharf am Drogentod vorbeigeschrabbt sind, sich aber wieder berappelt haben und nur noch Ingwertee trinken, ist nicht sehr aufregend. Zumindest war die Überwindung also solche für mich nicht aufregend, das, was er überwunden hatte, natürlich schon. Ich war eine präpotente Siebtklässlerin im Ruhrpott und wusste, dass Stuckrad-Barres Vater Jobst zur selben Zeit wie meine Tante in Paderborn gelebt hatte, er war ihr Tanzstundenpartner gewesen und sie ein bisschen verknallt in ihn - auch das machte mein irrationales Interesse für ihn aus, schließlich fühlte es sich ganz gut an, einen erfolgreichen Autor zu kennen, wenn auch nur über zwei (recht fragwürdige) Ecken. Absurderweise kam mir seine Biografie wie etwas Erstrebenswertes vor: Viel durchgemacht, Hautprobleme überwunden, kurz vorm multiplen Organversagen noch mal die Kurve gekriegt und jetzt um "einige Erfahrungen reicher", das schien ein Ideal zu sein, an dem es sich zu orientieren galt. Einen ähnlich bekloppten Ehrgeiz entwickelt man in diesem Alter auch beim Anblick älterer Teenager, ich erinnere mich genau, wie ich unbedingt Pickel haben wollte und Sonnenbrand, nur weil die 15-Jährigen, die auf dem Spielplatz rumlungerten und angeblich schon Sex gehabt hatten, immer viel zu lange ins Solarium gingen.

Diesen Mechanismus bedient das Buch kein bisschen, und das ist selten und erfreulich. Stuckrad-Barres Wikipedia-Eintrag nimmt man mit einer großen Selbstverständlichkeit hin: Überflieger, Punkrocker, Provokateur, Drogen, mit 40 wieder voll ok drauf, das klingt folgerichtig, "Panikherz" zerfetzt diese Selbstverständlichkeit und zwar rabiater als andere mir bekannte Bücher über Sucht. Wo normalerweise effekthascherische Ausführungen darüber erfolgen, wie schlimm alles ist und wie ernst man sich trotzdem nimmt, wird hier alles, was so schlimm ist, mit einer selbstironischen, total klaren und unzynischen Traurigkeit abgearbeitet, die rührend und abschreckend und erhellend und in ihrer, ja, Liebenswürdigkeit wirklich, wirklich wichtig ist.

Helene Hegemann ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Sie wurde mit ihrem Debütroman "Axolotl Roadkill" bekannt. Zuletzt erschien im Hanser-Verlag "Jage zwei Tiger".



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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
julia-s12345 12.03.2016
1. kenne kein werk, aber...
kenne kein werk von ihm, habe ihn ab und zu mal im tv gesehen. aber es tut mir leid, wenn jemand so abstürzt! habe seine karriere nicht verfolgt und erst in den letzten tagen über die medien einiges erfahren! wenn man den halt im leben verliert ist es bitter! vielleicht lese ich das buch. würde mich interessieren, warum er nicht dagegensteuerte und sich von bestimmten menschen fern hielt. wenn jemand will, dass ein mensch abstürzt, schenkt er ihm ruhm, sagte bruce willis einmal. viel liest man davon nun bei diesem gefeierten popliteraten!
dr.schnabel 12.03.2016
2. Benjamin
von S-B war in der Tat lange aus dem Fokus geraten. Das wird sich nun zum Glück ändern durch sein "Ich über mich" - Buch, auf das alle gewartet haben und das zur Lebensleistungsliste eines jeden Promis (A - F) gehören sollte. Ich werde es gleich lesen, wenn ich den neuen Katzenberger durch habe und bis dahin nichts Wichtiges von Menderez gekommen ist.
Dramaturgenfrau 12.03.2016
3. Der Kerl ist weiterhin maßlos überbewertet
Schicksale wie das seine gibt es zu Tausenden in unserem Land. Ein haltloses Pastorensöhnchen, das seine bildungselitären Fähigkeiten (Schreiben) nutzt, um uns mit seinem kleinen Schicksal zu langweilen. Er findet, wenn er dazu öffentlich gefragt wird (zuletzt bei Lanz) nur magere, langweilende Worte. Die Republik hat bessere Künstler als dieses leider gescheiterte und haltlose Pastorensöhnchen.
bouncyhunter 12.03.2016
4. Hier soll wohl jemand gepusht werden.
Erst Hegemann,weiter unten Küppersbusch.Zum Buch:Die xte Version einer Suchtkarriere,gähn.Hammer ja noch nicht gehabt,oder ?
adal_ 12.03.2016
5.
Zitat von bouncyhunterErst Hegemann,weiter unten Küppersbusch.Zum Buch:Die xte Version einer Suchtkarriere,gähn.Hammer ja noch nicht gehabt,oder ?
Überflüssige Bemerkung. Jede Buchkritik "pusht". Nicht erwähnt zu werden ist des Literaten Höchststrafe. Btw: Nennen Sie mir eine Zeitung, die "Panikherz" nicht rezensiert? :-)
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