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Hausbesetzer-Comic: Darauf einen Molotowcocktail!

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Graphic Novel "Gleisdreieck": Nostalgischer Blick auf den Kampf gegen den "Schweinestaat" Zur Großansicht
Berlin Story Verlag/Jörg Ulbert/Jörg Mailliet

Graphic Novel "Gleisdreieck": Nostalgischer Blick auf den Kampf gegen den "Schweinestaat"

Sommer 1981: Berlin ist geteilt, und Hausbesetzer diskutieren unter Mao-Postern den Umsturz. "Gleisdreieck" erzählt von Terroristen, die den Staat zersetzen, und von V-Männern, die das verhindern wollen - in Bildern voll wilder Nostalgie.

Hach, was war das schön, als es noch was zum Dafürkämpfen gab, man noch Steine gegen den Kapitalismus werfen und Häuser besetzen konnte, um die Immobilienhaie zu ärgern! Zwischen Häuserkampf und letztem Zucken der RAF spielt die Graphic Novel "Gleisdreieck", sie führt die Leser zurück in das dreckig-nostalgische Berlin des Jahres 1981. Es geht um Otto, dem V-Mann, und Martin, den Altterroristen.

Wirkt das lange her, dieses Berlin der Bundeswehrflüchtlinge und der Anarcho-WGs, das Jörg Ulbert mit seinem Illustrator Jörg Mailliet da entwirft. Mitte-Hipster heißen noch Popper, und Punk ist Lebenseinstellung statt Attitüde. Ein paar heutige Langzeitüberlebende gibt es hie und da in den detaillierten Straßenkulissen auch zu entdecken, den Klub "SO 36" zum Beispiel, der bis jetzt die Berliner Gegenkultur mitprägt. Kaum überraschend sind auch die Parallelen zu dem Phänomen, das heute Gentrifizierung heißt: dem Kaputtsanieren, der Verknappung des bezahlbaren Wohnraumes, der Verdrängung von Prekären aus dem Stadtbild.

Nur die Mittel der Wahl sind in "Gleisdreieck" eben noch alte Schule: Mollies basteln und Innensenatoren entführen. So sieht das also in Comicform aus, wenn der bewaffnete Widerstand gegen den "Schweinestaat" zur Legende verkommt, irgendwie nostalgisch, irgendwie trostlos. Es gelingt Ulbert, relativ wertfrei durch die Szenerie zu navigieren, auch wenn es einen kleinen Linksdrall in der Sympathievergabe geben mag.

Kneipengespräche 1981: Als Punk noch eine Lebenseinstellung war. Zur Großansicht
Berlin Story Verlag/Jörg Ulbert/Jörg Mailliet

Kneipengespräche 1981: Als Punk noch eine Lebenseinstellung war.

Die Berliner Hausbesetzerszene von einst kann man sich ohne Punk und NDW kaum vorstellen. Praktischerweise liefern die Autoren die Playlist direkt im Einband mit. Es klingt nach Anarchie und Molotow, was da im Hintergrundsound zu dieser rasanten Krimigeschichte zwischen Undercoverspitzel auf der Jagd und flüchtigen Linksterroristen alter Schule schrabbelt. Slime, klar, die Einstürzenden Neubauten, Fehlfarben und Dead Kennedys, sie alle dürfen für die hier gezeichnete Politstory noch einmal aus dem Reich der Toten auferstehen.

Immer wieder tauchen Liedfetzen in den einzelnen Kapiteln auf und runden das Ambiente ab. Nur ganz selten rutscht die Darstellung zu sehr ins Milieuklischee ab, dafür gibt es schöne Ansichten wie zum Beispiel das ritualisierte Räuber- und Gendarm-Spiel nach polizeilichen Demo-Auflösungen, das hier in Wimmelbildmanier den Abstand zum Sujet wahrt.

Berlin, mit all seiner Anarchie und Ungezähmtheit

In recht klassischem Comicstil erzählen die beiden Autoren ihre Geschichte, klare Panels und durchgehende Kolorierung zeichnen das Bild des Sommers 1981, in dem West-Berlin noch große Freiheit war. Ulbert und Mailliet werfen einen fast liebevollen Blick auf die Endlosdiskussionen in linken WGs, unter Mao-Postern, in die sich der V-Mann Otto nach und nach einschleicht, immer auf dem schmalen Grat zwischen Agent Provocateur und staatstreuem Beobachter wandernd.

Otto wird nicht als schmieriger Verräter dargestellt, sondern macht eben irgendwie seinen Dienst nach Vorschrift, bundesdeutsche Achtzigerjahre-Realität. Ottos Nemesis ist Martin, der nach einer RAF-Episode zurück in die geteilte Hauptstadt gekehrt ist, um der dahinsiechenden linken Bewegung wieder etwas Leben einzuhauchen. Oder vielleicht auch nur, um ein paar alte private Rechnungen zu begleichen, denn das Politische ist hier natürlich privat, wie soll es auch anders sein.

Die Erzählung läuft in zwei parallelen Strängen im gleichen Mikrokosmos der linken Szene nebeneinander her. Nicht eben subtil wird hierbei Vater Staat als Aggressor den Linksterroristen gegenübergestellt. Und während die eine Gruppe unter Ottos Anleitungen, der seltsam schuldbefreit wirkt in seinem Dasein als Szenespitzel, sich langsam und vorsichtig radikalisiert, organisiert die andere Gruppe um Martin längst Banküberfälle, um das nächste große politische Signal zu setzen.

Richtige Gewinner gibt es bei diesem Spiel am Ende nicht, so viel Moral darf dann doch sein. "Gleisdreieck" bleibt aber ein liebevoll gestalteter Ausflug in dieses westdeutsche Inselberlin, der ein bisschen Sehnsucht weckt nach wilderen Zeiten.

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insgesamt 10 Beiträge
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    Seite 1    
1. Solidarnosc in Polen
Anti Michel 20.08.2014
Die Hausbesetzerei begann im großen Stil 1980. Im Sommer streikten die Werftarbeiter in Polen, in Kreuzberg kein Thema. 1981 besetzte Solidarnosc den öffentlichen Raum in Polen, in Kreuzberg kein Thema. Eine osteuropäische Bürgerbewegung gegen die Parteidiktatur, dass passt nicht ins Berliner Straßenkampf-Schema; keiner meiner Besetzer-Freunde besuchte die Ostberliner Szene am Prenzlauer Berg. Und so ist es bis heute geblieben: Das linke Unverständnis für die ukrainische Revolution ist manifest. Es sollte einen nicht verwundern, es hat eine Geschichte.
2. Okay, warum nicht?!
Leo von Ritterstern 20.08.2014
Wird eigentlich auch Zeit, dass mal jemand so eine Story zum Besten gibt... - als alter Comic-Freund einerseits, und einer, der zeitweilig selber mal "in die Berliner 'Sümpfe' abgerutscht war" andererseits, bin ich durchaus gespannt, wie das Werk denn wohl so geworden ist, alles in allem. PS: Richtig gut war ja seinerzeit auch Seyfrieds "Flucht aus Berlin". War mehr so die satirische Schiene, aber sehr treffend! :-)
3. ein Trauerspiel...
kraichgau12 20.08.2014
wer damals dabei war,wer später noch diese subkultur live erlebt hat....der weiss,das 90% davon fake war der linke wahn der weltverbesserer,er ist seit 68 immer mehr ins herz der republik gekrochen und hat sich gütlich mit beamtenpensionen und einfluss arrangiert zum nachteil der demokratie wer damals dachte,er könnte "das system" aendern,hat es nur "rosarot bzw hellgrün" gefärbt von ehemaligen hauptberuflichen "revoluzzern" wieder eingeschenkt bekommen.... es gibt nur eine lehre daraus, geld und macht korrumpiert,trotz roter revoluzzerdauerdiskussionen sind sie ebenso wenig dagegen gefeiht wie ihre braunen brüder
4. Verklärung die 1000te -
"Armenhaus" 20.08.2014
- Nun ja schön die "linke" Berlin Nostalgie der 80er ..- Gäähnn.-- Interessant wurde es erst ab Mitte 90 - da kam Gerhard Seyfrieds "Flucht aus Berlin" ...- der Mann wusste über Berlin Bescheid! -
5.
arrache-coeur 21.08.2014
"Punk ist Lebenseinstellung statt Attitüde." - Punk war auch damals in weiten Bereichen Attitüde. Auch lustig: Plötzlich mussten sehr viele Ratten als Haustiere herhalten. Und am gefragtesten waren die hässlichsten x-fach gekreuzten Hunde. Die 80er waren ein tolles Jahrzehnt, aber nicht wegen der Popper oder Punker:-)
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