Bernard-Henri Lévy Dandy-Philosoph fällt auf Satire rein

Er ist in Frankreich so berühmt, dass sein Kürzel "BHL" ein Markenzeichen ist. Nun ist der Philosoph und Medienstar Bernard-Henri Lévy blamiert: In einem neuen Philosophie-Buch argumentiert er mit Zitaten eines Kant-Kenners - doch der ist leider erfunden.

Philosoph Bernard-Henri Lévy: "Kritische Fragen zu seiner Arbeitsmethode"
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Philosoph Bernard-Henri Lévy: "Kritische Fragen zu seiner Arbeitsmethode"


Paris - Es sollte seine große Rückkehr aufs Feld der Philosophie werden. Gleich zwei neue Bücher von Bernard-Henri Lévy beschäftigen derzeit die französischen Magazine und Zeitungen. Das eine ist eine voluminöse Sammlung seiner zahlreichen Essays und Interviews - zu zahlreich für manche, die ihn "Dandy-Philosophen" nennen und sich fragen, "warum Lévy überhaupt noch als Philosoph durchgeht" ("Frankfurter Rundschau"). Darauf sollte die andere Neuerscheinung antworten: "De la guerre en philosophie" ("Vom Krieg in der Philosophie"), ein schmales Bändchen von 128 Seiten, sollte den Intellektuellen wieder auf seinem ursprünglichen Fachgebiet brillieren lassen - das Buch entstand auf der Basis eines Vortrags mit dem Titel "Wie ich philosophiere".

Die Fallhöhe ist also beträchtlich, wie stets bei dem streitbaren Denker, dessen Kürzel "BHL" in Frankreich längst ein Markenzeichen geworden ist. Und BHL fällt. Die Journalistin Aude Lancelin vom Magazin "Nouvel Observateur" zitiert genüsslich in einem Artikel, wie Lévy nach scharfen Kritiken an Hegel und Marx sich Kant als nächsten philosophischen Gegner zurechtlegt, ihn einen "wütenden Irren des Denkens, einen Rasenden der Begriffe" nennt. Dabei habe ein Kant-Forscher namens Jean-Baptiste Botul nachgewiesen, dass Kant ein "falscher Abstrakter sei, ein reiner Geist der reinen Erscheinung."

Das Werk, auf das sich Bernard-Henri Lévy bezieht, ist 2001 unter dem Namen "Das sexuelle Leben des Immanuel Kant" auch auf Deutsch erschienen (Verlag Reclam Leipzig). Darin geht es um eine Gemeinde von Neo-Kantianern, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Königsberg nach Paraguay ausgewandert sind und dem legendär disziplinierten und enthaltsamen Lebensstil ihres philosophischen Idols nacheifern. Der Gelehrte Jean-Baptiste Botul analysiert in Vorträgen vor diesen Kant-Exilanten das Werk auf der Suche nach Passagen, die von der Sexualität handeln oder so interpretiert werden könnten, und beschreibt Kant als körperlich Leidenden.

Kurios? Fürwahr - und auch erfunden. Wer auf der französischen Site von Wikipedia nach " Jean-Baptiste Botul" sucht, findet einen Eintrag über "eine fiktive Persönlichkeit", erfunden von Frédéric Pagès - einem Journalist der angesehenen Satire-Wochenzeitung "Le Canard Enchainé".

Ein gebildeter Ulk, ein Philosophie-Hoax. Und BHL ist darauf reingefallen.

Natürlich ist der Spott unter dessen zahlreichen Gegnern groß, die sich an seiner andauernden Medienpräsenz ebenso reiben wie an seiner angeblichen Rechthaberei und Großspurigkeit. Der Fauxpas werfe kritische Fragen zu Lévys Arbeitsmethode auf, schreibt die "Nouvel Obs"-Autorin Lancelin. Schon mehrfach wurden ihm sachliche Fehler und unsaubere Recherche vorgeworfen. Schon seit Jahren arbeitet das Monatsblatt "Le Monde Diplomatique" an einem Dossier zum Thema "Der Betrug Bernard-Henri Lévy".

Der fehlgeleitete Denker gibt sein Missgeschick immerhin zu. In einer vorabveröffentlichten Ausgabe seiner Kolumne für das Magazin "Le Point" schreibt Lévy: "Hut ab vor den Künstlern! Hut ab vor diesem erfundenen Kant, der wahrer ist als die Wirklichkeit. Sein Porträt - ob es nun Botul, Pagès oder Lieschen Müller - scheint mir in Gleichklang zu sein mit meiner Idee eines Kant, der von Dämonen verfolgt wurde, die weniger theoretisch waren als es aussah."

Ach, hätte BHL doch gegoogelt!

feb

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
BonChauvi 09.02.2010
1. DAndy-Philosoph
Hurz!
Linus Haagedam, 09.02.2010
2. halb lustig
..ich kannte BHL nur dem Namen nach. Habe mich gerade etwas informiert und ein wenig gelesen und muss sagen: Gehört mindestens zu den Dingen, die man getrost ausblenden kann (wenn nicht noch schlimmer). Allein: Dass eine gut gemachte Satire durchaus eine Grundidee verfolgen kann, die sich auch ernsthaft zu verfolgen lohnt, sollte man der Satire (nicht dem Pseudosophen) zugestehen. Insofern finde ich an einem Zitat aus einem satirischen Buch, auch im Rahmen eines wissenschaftlichen Werks, nichts Verwerfliches. O.k., die Vorstellung, wie der Lackaffe an seinem Landhaus-Kamin sitzt und bei der Lektüre des Textes und seinem Sinnieren darüber nicht merkt, dass er verarscht wird, mag Licht auf seine uneingeschränkte Borniertheit werfen. Fachlich sagt das allein aber eben noch gar nichts aus...
incipiens 09.02.2010
3. Difficile est satiram non scribere!
"Schon mehrfach wurden ihm sachliche Fehler und unsaubere Recherche vorgeworfen." Dazu liesse sich viel schreiben. Leider gilt das meines Erachtens für den gesamten Bereich dessen was sich heutzutage Philosophie nennt. Sei es an den Universitäten. Oder im Feuilleton.
Mockingbird 09.02.2010
4. Ansehen
"(...) einem Journalist der angesehenen Satire-Wochenzeitung "Le Canard Enchainé"." Und warum ist Le Canard Enchainé hochangesehen? Unter anderem vermutlich, weil man sich dort ein Lektorat leistet. Oder Journalisten, die nicht schon an grundlegenden Grammatikaufgaben scheitern.
Newspeak, 10.02.2010
5. ...
Peter Sloterdijk ist doch nicht besser. Ein vielsprechender, nichtssagender "Philosoph". Da halte ich mich lieber an Wittgenstein...was überhaupt gesagt werden kann, kann klar gesagt werden (d.h. präzise und knapp).
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