Provinzthriller-Star Bernhard Aichner Den Bestatter zum Helden machen

Keine Atempause - nicht zwischen den Sätzen und nicht im Geschäft: Bernhard Aichner wird mit Totengräber-Krimis zum Star. Im neuesten verbrät der Österreicher Hardboiled-Sätze am Würstlstand.

Bernhard Aichner, Totengräber-Krimiautor
Fotowerk Aichner

Bernhard Aichner, Totengräber-Krimiautor


Er gibt mehr Lesungen im Jahr als Bob Dylan Konzerte, macht in hoher Frequenz Faxen auf Facebook und nennt seine Fans zärtlich "Schnuggis" - der Thrillerautor Bernhard Aichner tut, was man heutzutage eben so tun muss, um Erfolg zu haben.

Und tatsächlich verkauft er mehr Bücher als ein gutes Dutzend engagierter Krimikleinverlage zusammen. Trotzdem ist der Österreicher alles andere als eine seelenlose Bestseller-Maschine. Eher leidet er an einer Überdosis Emotion. So wie auch sein neuer Roman "Interview mit einem Mörder", vierter Band einer Reihe von putzigen Provinzkrimis.

Mit drei Büchern um den Totengräber Max Broll und seinen besten Kumpel, den früheren Fußballstar Johann Baroni, hat Aichner, der ehemals ambitionierte, aber eher unbeachtete Dramatiker und Prosaschreiber, vor wenigen Jahren damit begonnen, das Projekt Erfolg strategisch anzugehen.

Dann variierte er sein Thema, erkor statt eines Totengräbers eine Bestatterin als Heldin - und war nicht mehr aufzuhalten. "Totenfrau" knallte in einem Tempo in die Bestsellerlisten, das Aichners Atemlos-Prosa durchaus entspricht. Fortsetzung folgte, blitzschnell, was sonst. Ruckzuck wurden auch die internationalen Rechte für ein halbes Dutzend Länder verkauft, eine TV-Serie ist in Planung. Keine Atempause, Geschichten werden gemacht.

Angenehm verkiffte Story um Max Broll

Zum Beispiel die von dem Tag, an dem Johann Baroni seinen neuen Würstlstand eröffnet. Ein Großereignis im Dorf und Auftakt von "Interview mit einem Mörder". Dumm nur, dass sich ausgerechnet Ehrengast Max vom afrikanischen Dorfpfarrer zu einer Probe von dessen selbstangebautem Gras überreden lässt.

Denn so sind die folgenden Ereignisse reichlich vernebelt - oder eigentlich gleich die ganze Story, die lange angenehm verkifft im Vagen bleibt. Jemand schießt auf Johann, niemand glaubt seinem Freund, dass der Täter ausgerechnet dieser harmlose ältliche Mann aus Wuppertal sein soll, wie Max behauptet. Also folgt er dem vermeintlichen Schützen bis auf ein Kreuzfahrtschiff, wo er nicht nur Gewissheit findet, sondern auch eine neue große Liebe.

Geschickt variiert Aichner ein vertrautes Krimimuster: Das vom einzigen Zeugen, der selbst handeln muss, weil die Behörden nichts tun wollen, und der von einem gewieften Mörder manipuliert wird, bis er selbst in Verdacht gerät.

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Aichners größte Stärke ist der Sound, mit dem er seine Geschichte erzählt: Die kurzen, manchmal abgehackten Sätze, die auf maximale Wirkung aus sind, wie es ein Don Winslow vor- und zahlreiche Autoren wie zuletzt Michael Pflüger in seinem diesjährigen Überraschungshit "Endgültig" nachgemacht haben. Das klingt dann im besten Fall so, wie beim Anschlag auf Johann: "Zu schnell ging alles, keine Verbindung zwischen den Dingen, Max steht nur da, begreift es nicht. Nur zuschauen. Wie Baroni auf dem Asphalt liegt und ihn anstarrt. Wie sich sein Hemd verfärbt. Wie alles rot wird. Und wie die Augen seines Freundes einfach zugehen."

So dicht zu erzählen, so pointiert, gelingt Aichner nicht durchgehend. Vielleicht steht ihm die bedingungslose Liebe zu seinen Helden im Weg. Max etwa kommt als so grundguter Mann daher, dass er jegliche Glaubwürdigkeit zu verlieren droht. Auch seine neue Freundin, die Journalistin Anna, ist letztlich eine aufrechte und treue Seele, die nur durch ihre Arbeit für die größte deutsche Boulevardzeitung ein wenig vom rechten Weg abgekommen ist, aber durch die Liebe natürlich gerettet wird.

Immer neue emotionale Überforderungen

Bernhard Aichner hat einen Hang zum Gefühligen, der ihm immer wieder im Weg steht: "Dann küsste sie ihn. Hand in Hand über das Boot. Wie sie den Gang entlanglaufen und mit dem Lift nach unten fahren. Kein Blick in die Menge, keine Neugier mehr. Nur Genua am Morgen und wie sie lachend Richtung Bahnhof schlendern."

Die Figuren besitzen zwar viele Eigenschaften, entwickeln aber kein Eigenleben; man merkt ihnen an, dass Aichner möglichst originell sein möchte. Das gilt vor allem für Max' Gegenspieler, der sich als Serienkiller entpuppt und den Aichner als so raffinierten, flamboyanten Bösewicht gestaltet, dass er ein blasser Bruder von Hannibal Lecter sein könnte - ohne dessen Vorliebe für Menschenfleisch immerhin.

Alles muss überlebensgroß sein bei Aichner, alle paar Minuten sorgt ein neuer Höhepunkt für emotionale Überforderung, ein Prinzip wie in einer TV-Talent-Show. Mit Aichner mag sich inzwischen ein Superstar der deutschsprachigen Krimiszene gefunden haben. Aber mit den Größen des Genres kann er sich noch nicht messen.

Ihm fehlt die emotionale Wahrhaftigkeit eines Friedrich Ani ebenso wie das Gespür für Milieus, das Frank Göhre auszeichnet, oder der tiefschwarze Humor seines Landsmannes Wolf Haas. Aichner will nichts anderes als unterhalten, sagt er und lässt in Interviews allen Ernstes Stanzen fallen wie "Meine Bücher sollen die Leser die ganze Nacht wach halten".

Auch mit Achterbahnfahrten werden Aichners Romane gern verglichen. Weil: ähnlich aufregend. Aber Achterbahnen werden irgendwann langweilig. Weil: fahren immer im Kreis.

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