Neues von Bestsellerautor Bernhard Schlink Ach, Olga, du bist zu gut!

Bernhard Schlink hat in seinem neuen Roman eine willensstarke Frauenfigur geschaffen, auch ein Motiv aus seinem Welterfolg "Der Vorleser" taucht auf. Und doch will er mit "Olga" zu viel.

Auch Olga arbeitet als Näherin (Gemälde von Michele Tedesco)
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Auch Olga arbeitet als Näherin (Gemälde von Michele Tedesco)

Von Franziska Wolffheim


Ein Mädchen, in armen Verhältnissen geboren, das keine Probleme macht, am liebsten steht und schaut, statt mit den anderen Kindern zu spielen. Das die Eltern früh verliert, die an Fleckfieber sterben, und dann von der harschen Großmutter in einem pommerschen Dorf großgezogen wird. Das begabt ist, unablässig lernt, um später selbst Lehrerin zu werden.

Ein Frauenleben, das vom späten 19. Jahrhundert bis in die Siebzigerjahre reicht, eher untypisch, denn die Hauptfigur setzt sich gegen viele Widerstände durch, um das zu tun, was sie als ihre Bestimmung ansieht. "Olga" heißt der neue Roman von Bernhard Schlink, mit Spannung erwartet und ein sicherer Bestseller dieses Frühjahrs.

Der Autor dreht in seinem Buch ein bemerkenswert großes erzählerisches Rad. "Olga" ist nicht nur die Biografie einer willensstarken Frau, sondern auch eine Liebesgeschichte und ein Stück Zeitgeschichte. Wir erfahren von Bismarck, Weimarer Republik und Nazizeit, von zwei Weltkriegen, Nachkriegsdeutschland und den folgenden Jahren. Mehrfach lässt Schlink Olga über die fatale deutsche Neigung sinnieren, "alles zu groß" zu wollen, ein brandgefährlicher Größenwahn, an dessen Ende zwei Weltkriege stehen.

Bernhard Schlink
Alberto Venzago/ Diogenes

Bernhard Schlink

Um es gleich vorwegzunehmen: Schlink hat in seinen Roman, der immer wieder starke Passagen enthält, viel zu viel hineingepackt.

Die deutsche Geschichte wird in Schlaglichtern gestreift; die Protagonisten, allen voran Olgas Freund Herbert, sind ständig unterwegs, auf Reisen, Kriegseinsätzen, Expeditionen oder auf der Flucht. Manche Handlungsstränge werden im Zeitraffer gebündelt, als laufe eine Kamera im Fast-Forward-Modus. Dadurch bleibt vieles grobkörnig, die Tiefenschärfe fehlt. Wer ist gerade wo und warum? Am besten zurückblättern auf Seite - ja, welche denn nun? Die klare Gliederung des Romans in drei Teile hilft da auch nicht weiter.

Herberts Getriebenheit ist es letztlich, die die Liebe zwischen ihm und Olga zerstört. Eine Liebe, die von Anfang an unter keinem guten Stern steht, denn Herbert ist der Sohn eines reichen Gutsherrn. Seine Eltern lehnen Olga ab, Herbert soll das Gut der Familie übernehmen, aber mit einer standesgemäßen Frau an seiner Seite. Die beiden treffen sich heimlich, genießen die Nähe, aber die Zukunftspläne bleiben vage.

Schließlich meldet sich Herbert, ein glühender Patriot, freiwillig zum Militäreinsatz in Deutsch-Südwestafrika. Sein Aufbruch ist auch eine Flucht, ein Davonlaufen vor einer Entscheidung für oder gegen Olga, die er nicht zu treffen vermag. Als er später zu einer Expedition in die Arktis aufbricht, unzureichend geplant, ein Stück weit megalomanisch, wird Olga auf eine noch größere Probe gestellt. Sie bangt und hofft, monatelang, jahrelang, bis sie ihn schließlich verloren geben muss. Schlink greift hier übrigens auf ein reales Vorbild zurück: den Polarforscher Herbert Schröder-Stranz, der von einer Expedition in die Arktis nicht zurückkehrte.

"Ein guter Junge, aber er ist ein bisschen langweilig"

Erstaunlicherweise ist es die Einsamkeit, die die beiden sonst so verschiedenen Hauptfiguren verbindet. Herbert ist ein Einzelgänger, dem der Zugang zu seinen Gefühlen fehlt. Olga wiederum wird durch Herberts Tod in die Einsamkeit geworfen. Als sie 1945 Richtung Westen fliehen muss - sie lebt inzwischen in einem schlesischen Dorf, ist taub geworden und kann nicht mehr unterrichten - , wird sie noch einsamer.

Sie lässt sich in der Neckarregion nieder und verdient sich durch Näharbeiten ein Zubrot. Erst Ferdinand, der kleine Sohn einer Pfarrersfamilie, in der Olga ebenfalls näht, gibt ihr Wärme und wächst ihr immer mehr ans Herz. Die Freundschaft bleibt bis zu Olgas Tod bestehen. Jüngerer Mann, ältere Frau - wir kennen diese Konstellation aus Schlinks Roman "Der Vorleser", nur ist sie in dem Bestseller von 1995 spannungsreich und voller Erotik. Ferdinand bleibt eine blasse Figur - "ein guter Junge..., aber er ist ein bisschen langweilig", wie Olga ihn treffend charakterisiert.

Der dritte Teil des Romans - Briefe, die Olga an den in die Arktis aufgebrochenen Herbert schreibt - ist der schönste. Hier rückt die Kamera endlich näher heran, wir erfahren von Olgas Gefühlen, wie sie zerrissen ist zwischen Hoffnung und Angst, Liebe und Wut auf den Geliebten, der sie für eine hirnverbrannte Expedition verlassen hat. Auch als Olga davon ausgehen muss, dass Herbert längst tot ist, schreibt sie weiter ihre Briefe. Dass dieser Teil des Buches stilistisch bisweilen etwas überbordend ist - anders als der sonst klar und schnörkellos gehaltene Roman - , mag man dem Autor verzeihen.

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Bernhard Schlink:
Olga

Diogenes Verlag, 320 Seiten, 20,99 Euro

Schlink schildert in seinem neuen Roman empathisch das Schicksal einer Frau, die fast alles verliert und trotzdem nicht verbittert, sondern offen und zugewandt bleibt. Er hat eine starke Frauenfigur geschaffen, die Respekt einflößt, weil sie niemals zur Mitläuferin wird, ein untrügliches politisches Gespür hat und den Nationalsozialismus verachtet. Eine Frau, die zielstrebig, eigenständig, klug und liebevoll ist. All das stimmt. Aber es stimmt auch, dass Olga letztlich zu perfekt geraten ist, ein erstaunliches Konstrukt, das die Gefahr der Schablonenhaftigkeit in sich trägt.

Erst am Ende dichtet Schlink seiner Hauptfigur eine Verrücktheit an, die ebenso hübsch wie unglaubwürdig ist, immerhin ein Kontrapunkt zu der sonstigen "Melodie ihres Lebens", wie es im Buch heißt. Aber da ist es fast schon zu spät, man hat zu lange auf irgendeine Abgründigkeit gewartet. Ach, Olga!

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19flu60 07.08.2018
1.
Eine etwas einfältige Rezension, in der dem Buch vor allem vorgeworfen wird, dass es nicht so ist, wie der Rezensent es geschrieben hätte. Zum Beispiel verhält es sich nicht wie ein Film, dessen Kameraführung den Zuschauer immer dann nahe heranholt, wenn der es (vielleicht) will. Nein, das entscheidet das Buch ganz selbständig. Ein Widerspruch in sich auch der Vorwurf, Schlink wolle zu viel, verbunden mit dem Vorwurf, er schildere nicht genau genug. Das Buch fordert einen Leser, der bereit ist, wechselnde Tempi mitzugehen, einen phantasievollen und sicherlich auch in gewisser Weise reifen Leser, der bereit ist, die Figuren - und nicht nur die gedruckten Worte - zu fragen: Warum tut ihr das? Was treibt euch um? - Der Rezensent ist keiner von dieser Sorte.
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