Bestseller-Autor Arno Geiger "Das Ende des Lebens ist auch Leben"

Am Anfang stand der Schock: In dem Bestseller "Der alte König in seinem Exil" verarbeitet Arno Geiger die Alzheimererkrankung seines Vaters. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Autor über schlechte Ratgeber, den richtigen Umgang mit Demenz - und einen Satz, den er nie mehr schreiben würde.

dapd

SPIEGEL ONLINE: Herr Geiger, Sie haben mit "Der alte König in seinem Exil" ein Buch über Ihren alzheimerkranken Vater geschrieben, das der gar nicht mehr lesen kann. Wäre er vor seiner Erkrankung mit einem solchen Buch überhaupt einverstanden gewesen?

Arno Geiger: Ich glaube schon. Wenn ich Grund gehabt hätte zu der Annahme, dass er das Buch nicht gutheißt, hätte ich es nicht geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihrem Vater das Buch gezeigt?

Geiger: Gezeigt, ja. Aber in gewisser Weise hat er sich von diesen Dingen verabschiedet. Die strahlenden Gesichter, die sind für ihn wichtig. Er reagiert sehr sensibel darauf, wenn fröhliche Menschen um ihn herum sind und ihm Anerkennung gezollt wird. Er leidet ja sehr stark unter dem Verlust von Fähigkeiten und hat dementsprechend wenig Selbstwertgefühl. Man muss ihm das Gefühl geben, gebraucht zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Familie spielt in dem im Text eine wichtige Rolle. Wie hat sie das Buch aufgenommen?

Geiger: Bevor ich das Buch dem Verlag geschickt habe, habe ich es meiner Mutter und meinen Geschwistern gegeben und gesagt: "Reden wir darüber". Ich überwerfe mich doch nicht mit meinen Geschwistern wegen eines Buches. Wenn die gesagt hätten, "nein, wir wollen das nicht", dann hätte ich es in die Schublade gesteckt. Es gab zum Glück überhaupt keine Diskussionen. Meine Mutter hat gesagt: "Das hast Du gut gemacht." Das war bestimmt nicht einfach für sie, weil es ein ganzes Kapitel gibt über die gescheiterte Ehe meiner Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Darin zitieren Sie Tolstoi, der sinngemäß schrieb, jungen Leuten die Wahl des Ehepartners zu überlassen, sei, als ließe man 5-jährige Kinder mit geladenen Pistolen spielen.

Geiger: Ich frage mich tatsächlich, was sich meine Eltern gedacht haben, als sie entschieden haben, einander zu heiraten. Die haben ja nie zusammen gelebt vor der Hochzeit. Meine Mutter kannte so etwas wie eheliche Beziehungen gar nicht. Ihr eigener Vater war im Krieg gefallen. Mein Vater wiederum stammte aus einer Bauernfamilie mit zehn Kindern. Da ging es hauptsächlich darum, dass der Laden läuft, dass alle versorgt sind. Meine Eltern wussten gar nicht, was sie von einer Liebesbeziehung erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich gefragt, ob die Scheidung Ihrer Eltern den Krankheitsausbruch beschleunigt hat?

Geiger: Zunächst war ich mir sicher, dass die Trennung der Eltern für die Motivationsprobleme meines Vaters verantwortlich ist. Leider habe ich die Krankheit mit Motivationsproblemen verwechselt.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben im Buch über die Phase vor dem Ausbruch der Krankheit, während der Sie fälschlich den Eindruck hatten, Ihr Vater lasse sich hängen.

Geiger: Wir haben den Gedanken, dass der Vater krank ist, lange nicht zugelassen. Heute tut mir das unendlich leid. Die Medizin sagt zwar, dass Depressionen ein wichtiger Faktor sind bei der Entwicklung von Demenzerkrankungen. Aber eigentlich interessiert es mich nicht, warum er die Krankheit hat. Er hat sie. Ich kann nur damit umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Bild von der Alzheimer-Krankheit mit den Jahren verändert?

Geiger: Am Anfang standen Schock und Trauer. Ich hatte diese finsteren Bilder von Demenz vor Augen. Ich habe mir gedacht, es ist alles vorbei: Die Krankheit nimmt mir jetzt den Vater. Wir werden nie wieder glücklich sein. Heute weiß ich: Das Ende des Lebens ist auch Leben. Und wenn man über Jahre hinweg zuschaut, wie jemandem die grundsätzlichen Dinge abhanden kommen, dann bekommt man auch einen Blick dafür, was unser Gehirn Tag für Tag leistet. Dass ich ein Glas nehmen kann und trinken. Mein Vater hat Tage, da sagt er, "Was soll ich damit tun?" Ich sage: "Du musst nur trinken". Dann sagt er: "Ich weiß nicht, wie das geht."

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch betonen Sie den mit der Krankheit verbundenen Horror kaum.

Geiger: Ich wollte keine Angst schüren. Diese finsteren Beschreibungen von Demenz andernorts waren kein guter Ratgeber für uns. Ich habe am Anfang nur die Schrecken gesehen. Ich wollte davon laufen. Über die Jahre haben wir gelernt, dass weiterhin etwas wie Normalität möglich ist. Und auch Glücksmomente.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie "Demenz" von Tilman Jens gelesen?

Geiger: Nein. Ich war schon überm Berg als das Buch erschienen ist. Fünf Jahre früher hätte ich vielleicht dankbar danach gegriffen. Mich hat die damit verknüpfte Sterbehilfedebatte befremdet. Da war ich gekränkt. Jemand, der dement ist, ist nicht sterbend, der ist krank. Wenn ich nicht mehr weiter wusste, habe ich mir selbst auch gewünscht, dass mein Vater stirbt. Aber nur, um Dampf abzulassen, vor lauter Hilflosigkeit. Aber ich habe mir auch gewünscht, dass er wieder gesund ist, von heute auf morgen. Hans Küng hat im Zusammenhang mit der Debatte um Jens' Buch von einem menschenwürdigen Ende gesprochen - ich finde aber, mit Menschenwürde hat das nichts zu tun. Die Menschenwürde meines Vaters ist durch die Krankheit nicht angetastet.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder zitieren Sie im Buch einzelne Sätze Ihres Vaters. Weiß er überhaupt, was er sagt?

Geiger: Vor drei Wochen wollte die Betreuerin im Pflegeheim ihm die Schuhe wechseln. Er redete wirr, behauptete, man wolle ihm die Schuhe stehlen, er kam vom Hundertsten ins Tausendste. Eine andere Betreuerin kam mit einem Bett herangefahren mit einer spastischen Frau. Mein Vater schaute auf und sagte in sauberstem Hochdeutsch: "Der Herrgott möge es diesen Menschen vergelten, dass sie soviel für die Armen tun" - das ist völlig schlüssig in der Situation.

SPIEGEL ONLINE: An einer Stelle des Buchs schreiben Sie: "Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden" - wie meinen Sie das?

Geiger: Dass diese Flut an Informationen und an Wissen nicht mehr überschaubar ist. Unübersichtlichkeit ist, wenn man so will, der Preis der Moderne. Der Überblick ist verloren gegangen, da müssen wir uns nur die Bankenkrise anschauen.

SPIEGEL ONLINE: Die war beherrschbar. Bei Alzheimer ist das nicht möglich.

Geiger: Ich finde, es ist kein Argument, dass man den Karren wieder aus dem Dreck gezogen hat. Der Zustand des Nicht-Überschauens ist bei der Krankheit ein permanenter, in unserer Gesellschaft ist er latent auch da.

SPIEGEL ONLINE: Aber doch auf einem deutlich niedrigeren Niveau, als bei Ihrem Vater.

Geiger: Da gebe ich Ihnen Recht. Ich möchte mich auf diesen Satz auch gar nicht versteifen und ich würde ihn in dieser Form auch gar nicht mehr schreiben, weil er allzu plakativ ist.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit dem Begriff "König" im Titel gemeint?

Geiger: Der Titel bezieht sich auf eine Stelle in Virginia Woolfs "Fahrt zum Leuchtturm", in dem Virginia Woolf über eine Figur schreibt, die ihrem eigenen Vater nachgebildet ist. Mich hat die Stelle sehr berührt. Das ist ein sehr zärtliches Buch über Eltern-Kind-Beziehungen.

SPIEGEL ONLINE: Muss man den eigenen Vater zum König krönen, um über ihn schreiben zu können?

Geiger: Natürlich nicht. Der Titel ist unter anderem eine Gegenreaktion auf meine Sozialisation und die mit Demenzerkrankungen verbundene Scham. Die Betroffenen wurden versteckt. Was wir brauchen, ist ein komplexeres Bild von dieser Erkrankung, das letztlich auch das Selbstbild der Betroffenen verändert. Mein Vater sagt zuweilen auf österreichisch: "Ich weiß, ich bin ein Dodl". Aber er irrt sich. Ich finde nicht, dass er ein Depp ist.

Das Interview führten Sebastian Hammelehle und Hans-Jost Weyandt



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insgesamt 3 Beiträge
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MVesseur 04.03.2011
1. Lebensbejahend
Dieses Interview hat mir sehr gut gefallen. Ich habe mich gefreut, mal eine ganze andere Stimme zum Thema Alzheimer zu hören, auch wenn die Krankheit sich beim Vater der Hrn Geiger auf "mildere" Art und Weise zu manifestieren scheint, als ich es bei anderen gesehen habe. Soll weder Vorwurf, noch Kritik sein. Jeder Mensch ist anders, geht anders mit dem Zerfall um, und erlebt es anders, auch wenn er irgendwann elbst dran ist. Ich möchte nur hoffen, dass ich die Kraft fände, so positiv zu reagieren, wenn es meine Eltern beträfe.
GinaBe 04.03.2011
2. Hat LEBEN subjektiv Qualitätsanspruch außer zu leben?
Aus der Altenpflege kommend mit jahrzehntelanger Praxis empfehle ich allen Angehörigen, die mit der Thematik konfrontiert sind, dieses Buch von Arno geiger zu lesen. Es wird nicht den prozess der Begleitung mildern, doch es wird helfen, sich nicht allein und unverstanden zu fühlen. Arno Geiger hat sehr feinfühlig beobachtet und geschildert und sprengt damit die engen Ketten des Weltbildes, welches uns mit forever schön und jung propagandistisch eingetrichtert wird. Jede variation, nicht nur die degenerative, sondern auch die subjektiv extravagante und exotische Konstitution ist eine subjektiv wahre und wirkliche Erlebniswelt. Respekt vor anderen Menschen ist Lebenselixier für das gemeinwesen der Gesellschaft, fördert die Toleranzbereitschaft und öffnet die Grenze zum anderen, zum fremden, zum ungewohnten Anderen, zum Du.
Miguel, 04.03.2011
3. .
es hat mich jedenfalls berührt. ein schönes interview, mit einem sympathischen herrn geiger.
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