Bestseller-Autor Edwardson "Ich werde nie wieder einen Krimi schreiben"

Ausgemordet: Der erfolgreiche schwedische Schriftsteller Åke Edwardson will künftig keine Kriminalromane mehr schreiben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über seine Trennung vom Krimi-Genre und den schweren Abschied von seinem Kommissar Erik Winter.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade den zehnten und letzten Band ihrer Krimi-Reihe um Kommissar Erik Winter beendet, "Der letzte Winter". Wie geht es Ihnen?

Edwardson: Ich bin traurig. Ich habe nach jedem Buch eine Depression. Das ist jetzt also meine neunzehnte Postdepression. Aber diesmal ist es schlimmer: Ich habe Trennungsangst. Erik Winter ist so real für mich, dass er Teil meiner Familie geworden ist, ein Teil von mir. Es ist so, als würde ich mein zehnjähriges Kind im Waisenhaus abgeben und sagen: 'Schau jetzt selbst, wie Du klarkommst.'

Göteborg im Zwielicht: Heimat von Kommissar Winter
DDP

Göteborg im Zwielicht: Heimat von Kommissar Winter

SPIEGEL ONLINE: Warum hören Sie dann auf?

Edwardson: Das Leben ist kurz. Ich möchte andere Herausforderungen annehmen. Ich glaube, dass ich alles erkundet habe, was im Krimi-Genre möglich ist. Es ist eine sehr schwierige Aufgabe, wirklich gute Kriminalromane zu schreiben. Diese Aufgabe habe ich jetzt gemeistert. Ich höre nicht nur mit der Erik-Winter-Reihe auf, ich werde nie wieder einen Kriminalroman schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht lukrativer für Sie, weiterhin Kriminalromane zu schreiben?

Edwardson: Geld bedeutet mir nicht viel. Als ich mit den Krimis anfing, hätte ich nie gedacht, dass ich einmal ein Bestsellerautor sein werde. Aber mit meinen anderen Büchern habe ich auch Erfolg. Der nostalgische Roman "Der Jukebox-Mann" hatte zum Beispiel fast genauso viel Erfolg wie meine Winter-Krimis. Da mache ich mir also keine Sorgen. Für die Leser ist es auch gut zu wissen, dass es keinen weiteren "Winter" mehr geben wird, dann müssen sie nicht mehr warten. Jetzt haben sie Zeit, meine anderen Bücher zu lesen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie überhaupt angefangen, Romane zu schreiben? Sie waren ja bereits erfolgreich als Universitätsdozent, Lektor und Journalist.

Edwardson: Ich habe irgendwann gemerkt, dass meine journalistischen Artikel immer länger wurden. Ich ließ Leute Sachen sagen, die sie nie gesagt hatten. Sie haben sich aber nie beschwert, weil ich die Leute erfunden hatte. Ich bin der Meinung, dass Dinge wahrer werden, wenn sie ausgedacht sind, als wenn man einfach neutral berichtet.

SPIEGEL ONLINE: Ach ja? Wieso denn das?

Edwardson: Wenn Sie einen journalistischen Artikel lesen, dann ist das der Blickwinkel des Journalisten. Aber wenn zehn Leute fiktive Texte lesen, dann gibt es zehn Interpretationen. So bekommt man ein vollständigeres Bild der Wirklichkeit. Ich war natürlich immer offen: Ich habe meiner Zeitung gesagt, dass ich versuche, eine neue Art des Journalismus auszuprobieren. Nach fünfzehn Jahren habe ich gemerkt, dass ich etwas anderes tun muss.

SPIEGEL ONLINE: Was war der Auslöser?

Edwardson: Der Roman "Die schwarze Dahlie" von James Ellroy. Es ist seltsam, aber es gab wirklich diesen Moment, an dem ich dachte: So, jetzt ist es Zeit für Dich, mit dem Schreiben anzufangen. Ellroy ist so erfrischend: In dem Buch gibt es keine Hoffnung. Alle gehen zugrunde. Vor allem der Held. Das gefiel mir. Dann habe ich mich hingesetzt und meinen ersten Roman geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie gerade mit einem Kriminalroman angefangen?

Edwardson: Ich war von der Dramaturgie des Krimis fasziniert. Sie ist so einfach wie ein Bluessong, nur drei Akkorde: Das Rätsel, die Suche nach Antworten, die Lösung. Wie bei einem Song kannst du damit großartige Dinge schaffen, du kannst aber auch sehr viel falsch machen. Wenn du über Gewalt und Tod schreibst, musst du Menschlichkeit und Mitgefühl mitbringen. Wenn ich im Fernsehen Krimi-Autoren sehe, die lachend ein Messer in der Hand halten, dann ist das nur zynisches Entertainment.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es gerade in Schweden so viele Krimi-Autoren?

Edwardson: Viele Autoren bemerkten, dass ich, Henning Mankell und ein paar andere riesigen Erfolg hatten. Das ist wie bei den Goldsuchern in Alaska. Als das Gerücht umging, dass es Gold gibt, kamen sie alle, aber das Gold war schon weg. Ich hatte das Glück, zu den Pionieren zu gehören, die das Gold zuerst gefunden haben. Am Ende wird das Publikum entscheiden, was gut ist und was vom Wind weggeweht und zu Staub wird. Vielleicht nicht einmal zu Goldstaub.

SPIEGEL ONLINE: Warum lesen Menschen so gerne Kriminalromane, egal ob sie gut oder schlecht sind?

Edwardson: Erstens mögen die Leute Geschichten mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Das ist in der heutigen Literatur nicht oft gegeben, im Krimi immer. Zweitens leben wir in einer Welt, die sich unheimlich schnell verändert. Sogar der Fußball ist nicht mehr, was er mal war, wie man jetzt bei der Europameisterschaft sieht. Im Krimi hast du einen Erik Winter, der Ordnung in diese chaotische Welt bringt. Drittens funktioniert der Kommissar wie ein Airbag zwischen dem Leser und dem Grauen. Er kommt zuerst an den Tatort, dann folgt erst der Leser. Der Kriminalroman ist ein freundlicheres Genre als viele andere. Das ist mir gerade eingefallen, klingt aber gut, oder? Der Kriminalroman ist sehr leserfreundlich.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie ohne Erik Winter tun?

Edwardson: Ich sehne mich danach, nur noch Dialoge zu schreiben. Die Spannung meiner Kriminalromane entstand immer aus Dialogen. Ich werde im Herbst Theaterstücke schreiben. Außerdem arbeite ich an der Verfilmung meines Kinderbuchs "Samurai-Sommer". Es ist auch im Gespräch, die "Erik Winter"- Romane neu zu verfilmen. So viel kann ich verraten: Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch bald in Deutschland die Krimis ins Fernsehen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Was wird Erik Winter ohne Sie tun?

Edwardson: Ich habe zwei Szenarios vor Augen. Im ersten sitzt Erik Winter allein in einem kalten Raum und starrt vor sich hin. Er ist nur lebendig, wenn ich über ihn schreibe. Irgendwann im November wird er dann bei mir anrufen und sagen: 'Zur Hölle mit Dir! Ich hatte ein Leben, eine Familie und jetzt sitze ich hier. Du bist ein grausamer Mann, Åke Edwardson.' Das zweite Szenario sieht so aus: Nach 12 Jahren ist er endlich frei. Ich folge ihm nicht mehr in sein Schlafzimmer, in seine Gedanken. Ich hoffe, dass er glücklich ist. Es ist zu schrecklich, über das erste Szenario nachzudenken. Es bringt mich zum Weinen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie ihn denn retten?

Edwardson: Wahrscheinlich schon. Ich bin kein grausamer Mensch.

Das Interview führte Irène Bluche



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