Bestseller-Autor Jiang Rong "Ich bin gegen Schocktherapie"

Das Buch ist ein Megaseller - doch der Verfasser von "Zorn der Wölfe" gilt in China als "Konterrevolutionär". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview plädiert der Autor Jiang Rong dennoch ungebrochen für Reformen, wünscht sich aber mehr Wolfsblut in den Adern seiner Landsleute.


SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch "Zorn der Wölfe", das sich mit dem Leben der Wölfe und der Nomaden in der Inneren Mongolei beschäftigt, erscheint jetzt erstmals auf Deutsch und war zuvor in China ein Millionen-Erfolg. Was hat sich an Ihrem Leben seit dem ersten Erscheinen 2004 geändert?

Jiang Rong: Nichts. Ich fahre dasselbe kleine Auto, lebe im selbem Haus, ich meide, wenn es geht, die Öffentlichkeit.

Autor Jiang Rong: "Wir brauchen Austausch"
AFP / TEH ENG KOON

Autor Jiang Rong: "Wir brauchen Austausch"

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Jiang Rong: Ich bleibe lieber im Hintergrund, so ist halt meine Persönlichkeit. Sie wissen vielleicht, dass ich nach dem 4. Juni 1989…

SPIEGEL ONLINE: … als das Militär die Studentendemonstrationen blutig niederschlug …

Jiang Rong: … als Konterrevolutionär für eineinhalb Jahre ins Gefängnis musste.

SPIEGEL ONLINE: Was hatten Sie getan?

Jiang Rong: Ich hatte mit meinen Studenten demonstriert. Obwohl der Begriff "Konterrevolutionär" offiziell abgeschafft wurde, hängt er mir heute noch an. Das ist das Schlimmste. Auch deshalb halte ich mich lieber zurück.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem durften Sie Ihr Buch veröffentlichen.

Jiang Rong: Ja. Es war eine günstige Zeit. Die politische Führung in China wechselte von Jiang Zemin zu Hu Jintao. Niemand achtete so sehr darauf, was auf dem Buchmarkt geschah. Außerdem habe ich es unter Pseudonym geschrieben, sonst hätte es sicherlich nicht geklappt.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen weiß alle Welt, wer hinter Jiang Rong steckt: der Pekinger Politikprofessor Lu Jiamin. Eine wichtige Botschaft in Ihrem Buch lautet: Die Nomaden lieben wie die Wölfe die Freiheit und Unabhängigkeit. Die Han-Chinesen hingegen ziehen Stabilität vor, seitdem ihre Vorfahren sesshafte Bauern wurden, und sie geben sich mit der Rolle der Untertanen zufrieden. Sie verhalten sich also wie Schafe.

Jiang Rong: Hinzu kommt bei den Han-Chinesen der Konfuzianismus, der zum Gehorsam gegenüber der Obrigkeit erzieht. Mein Roman beschäftigt sich aber auch mit der Frage des ökologischen Gleichgewichts – und er zeigt, wie die falsche Politik der Vergangenheit das Grasland zerstört hat.

Im neuen SPIEGEL 3/2009:

Das Ende eines Milliardärs
Der Fall Merckle

Foto Jürgen Kirschner/ Action Press
SPIEGEL ONLINE: Sie lassen Ihre Hauptfigur für mehr wölfisches Blut in den Adern der Chinesen plädieren …

Jiang Rong: Richtig. Damit meine ich den Einfluss anderer Gedanken, anderer Kultur, anderen Geistes. Wir brauchen Austausch.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Kulturen gilt der Wolf als hinterlistig und grausam, für Sie ist er das Symbol für Unabhängigkeit und Freiheit. Ist das nicht schwer zu vermitteln?

Jiang Rong: Viele Gesellschaften schätzen und verehren den Wolf, nicht nur die Mongolen, sondern auch die Kasachen, die Türken, die Uiguren. Sie verbinden mit ihm positive Begriffe wie Freiheit, Entwicklung, Wettbewerb, Härte und Gemeinschaftssinn. Eine Wölfin hat die Begründer Roms, Romulus und Remus, gesäugt.

SPIEGEL ONLINE: Mit ihrer These haben Sie sich nicht nur Freunde gemacht.

Jiang Rong: Die mongolischen Hirten jedenfalls waren begeistert und dankbar. Engstirnige Nationalisten in China hingegen haben mich als "Verräter" gebrandmarkt. Die Parteilinke wiederum sah in dem Buch ein Plädoyer für westliche Freiheit und Demokratie, während andere Kritiker mir "faschistische" Tendenzen vorwarfen, weil das Buch angeblich Gewalt und militärische Macht befürworte.

SPIEGEL ONLINE: Was entgegnen Sie?

Jiang Rong: Ich plädiere für Freiheit und Demokratie, dafür habe ich im Gefängnis gesessen. Politische Veränderung in China ist wichtig. Sonst verlieren wir die Errungenschaften der wirtschaftlichen Reformen. Nicht nur die Leute an der Spitze sollten die Früchte des ökonomischen Aufschwungs genießen dürfen. Ich bin allerdings gegen eine Schocktherapie, die Zeit muss reif sein für Reformen.

SPIEGEL ONLINE: Wann wäre es soweit?

Jiang Rong: Wenn der Bildungsgrad der Menschen höher ist – und wenn mehr Chinesen in den Städten als auf dem Land leben. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf sollte Hongkonger Niveau erreicht haben. Und es müsste voll entwickelte Bürgerinitiativen geben, die unabhängig von der Regierung funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Das könnte aber eine Weile dauern.

Jiang Rong: Die KP befindet sich auf dem richtigen Weg. Dass mein Buch nicht verboten wurde, ist schon ein Fortschritt. Die Partei akzeptiert das Konzept der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit. Früher durfte man diese Worte gar nicht in den Mund nehmen. Den Hongkongern hat sie für das Jahr 2017 versprochen, ihren Regierungschef direkt wählen zu dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Werden die deutschen Leser Sie persönlich kennenlernen können, etwa auf der Frankfurter Buchmesse in diesem Herbst, auf der chinesische Literatur im Mittelpunkt stehen wird?

Jiang Rong: Wohl nicht. Ich fliege aus gesundheitlichen Gründen nicht. Außerdem: Ich bin es gewohnt, auf kritische Fragen von Journalisten offen zu antworten. Was ist, wenn die Behörden mich deshalb nicht mehr in meine Heimat zurücklassen? Ich gehöre doch nach China.

Das Interview führte Andreas Lorenz


Jiang Rong: "Der Zorn der Wölfe", Goldmann, 24,95 Euro



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