Bestseller-Autor Uwe Timm "In Deutschland gibt es eine neue Arroganz"

Proteste gegen Stuttgart 21: "Wo regen sich heute basisdemokratische Elemente?"
dapd

Proteste gegen Stuttgart 21: "Wo regen sich heute basisdemokratische Elemente?"

2. Teil: Widerspruch statt Wurschtigkeit


SPIEGEL ONLINE: In Chotjewitz' Buch ging es um einen Anwalt, der sich als RAF-Sympathisant von den Behörden verfolgt fühlt, aber auch mit einem Terroristen befreundet ist.

Timm: Es gab da natürlich eine heftige Diskussion, auch mit Chotjewitz. Ich habe den bewaffneten Kampf immer abgelehnt. Die ganze Baader-Meinhof-Geschichte beginnt ja mit einer fürchterlichen Sache: Dass die gleich bei der Befreiung von Baader diesen armen Angestellten, der da in der Bibliothek arbeitete, mit einem Bauchschuss trafen. Ich habe den Baader ganz am Anfang erlebt in München, ich fand den höchst unangenehm. Der sah sehr gut aus, das machte wohl auch für Mädchen seine Faszination aus, er hatte eine gute Haltung, hatte wirklich diese existenzialistische Lässigkeit, mit der er alles negierte. Sehr präpotent, sehr schroff, wie er jemanden abbügelte. Ihm fehlte jegliche fragende Haltung zu sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Politisch radikal waren Sie selbst auch: Sie waren DKP-Mitglied, bis in die Achtziger.

Timm: Ja, bis 1981. Es gab viele Gründe, dass ich da reingegangen bin: auch den Eurokommunismus, der damals zur Diskussion stand. 1972 lernte ich die ersten Kommunisten kennen, die im Widerstand waren, im Zuchthaus, im KZ. Die haben mich sehr beeindruckt. Aber die Partei hat nie ein kritisches Verhältnis zur DDR entwickelt. Ein Grund länger in der DKP zu bleiben, als es meiner politischen Überzeugung entsprach: Es gab Berufsverbote. Man fühlte sich solidarisch mit den Betroffenen. In meiner Parteigruppe waren vier Leute, die nicht Lehrer werden konnten. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, dass es Hunderttausende von Befragungen gab. Die Leute wurden hinzitiert und auf ihre verfassungskonforme Haltung befragt. Einer der großen politischen Fehler der SPD.

SPIEGEL ONLINE: Anfang des Jahres sorgte die Tatsache, dass Gesine Lötzsch in einem Zeitungsartikel das Wort Kommunismus verwendet hat, für große Empörung. Konnten Sie das nachvollziehen?

Timm: Die Aufregung fand ich ein bisschen hektisch. Das Wort ist natürlich kontaminiert, durch den sogenannten realen Sozialismus, auch durch die Erfahrung mit der Stasi. Dass es die gab, wusste man, wie weit das aber in den privaten Bereich hinein ging, bis hin zu Duftproben, da hat man später nur gestaunt. Aber man muss darüber diskutieren, welche Inhalte sich mit der Idee des Kommunismus grundsätzlich verbinden lassen. Wie schafft man diesen Ausgleich zwischen Freiheit und Gleichheit.

SPIEGEL ONLINE: Die Kommunismusdebatte nach Lötzschs Text dauerte ein paar Tage. In den Siebzigern hat man jahrelang über derartige Themen gestritten. Was ist Ihnen lieber?

Timm: Diese Empörung war damals einfach da. Wenn man heute Steinbrück hört, der sagt, dass man gegen das Finanzkapital gar nichts machen kann, also politisch immer nur reagieren kann, heißt das ja, dass die Politik hinter der Ökonomie immer nur hinterherhinkt. In der Diskussionskultur hat sich einiges geändert. Ich wohne in München. Früher wurde bei uns in der Nachbarschaft auf den Balkonen gekifft und diskutiert, was das Zeug hält. Heute sitzen die Leute auch auf den Balkonen, da wird allenfalls geraucht und es wird über Reisen geredet, noch mal über Reisen geredet und über Geldanlagen. Und Karriereprobleme. Da könnte man eine Mentalitätsstudie machen. Der Furor, der 1968 dahinter war, hat wirklich viel bewegt. Das war der große demokratische Modernisierungsschub in der Bundesrepublik. Aber der Furor ist weg.

SPIEGEL ONLINE: Stéphane Hessel forderte in einer Streitschrift, man solle sich wieder empören - und hatte damit sehr viel Erfolg. Ist eine neue Protestbewegung womöglich schon abzusehen?

Timm: Es herrscht eine eigentümliche Stimmung. Das war in den mittleren Sechzigern, der Zeit, in der "Freitisch" spielt, ganz ähnlich. Man merkte, etwas stimmt nicht. Eine dumpfe, resignative Haltung hatte sich breitgemacht, aber an den Rändern, in der Kunst, in der Literatur, in der Musik tat sich was. Wie 1961, da spielten ein paar Leute an einem Sommerabend Jazz - und plötzlich gab es diese Schwabinger Krawalle. Auch Andreas Veiels Film "Wer wenn nicht wir" beschreibt das. Den finde ich hoch interessant.

SPIEGEL ONLINE: Der Film und Ihr Buch "Freitisch" spielen in einer ähnlichen Welt: Hier wie dort schlummert hinter der Fassade der Bürgerlichkeit die Revolte.

Timm: Man merkte damals, so geht es nicht weiter. Da waren diese autoritäre Strukturen in der Gesellschaft und die alte Nazis in Amt und Würden. Das ist heute ganz anders. Komplizierter. Die sind sehr flexibel, die Politiker. Allenfalls in Stuttgart haben sie sich noch wie Anfang der Sechziger verhalten und gleich die Knüppel rausgeholt. Wo regen sich heute basisdemokratische Elemente? Im Protest. Gegen die Atomenergie oder wenn die Hamburger sich zum Beispiel ein Museum oder ihr Theater erhalten wollen, das finde ich gut. Da tut sich doch was. Es verschiebt sich was. Das Bewusstsein unter jungen Leuten hat sich auch geändert, da ist nicht mehr diese Wurschtigkeit, sondern Widerspruch - und so war es damals auch, am Freitisch.

SPIEGEL ONLINE: Den jungen Leuten von heute müssten sie allerdings erstmal erklären, was das ist, ein Freitisch.

Timm: Das gab es wirklich. Ich habe selbst an einem gesessen. Eine große Versicherung hatte 28 Freiplätze in der Kantine und wenn man ein Stipendium hatte, dann konnte man beim Studentenwerk einen Freitisch beantragen und dort essen: Das war wesentlich besser als der Fraß in der Mensa.

Das Interview führten Christian Buß und Sebastian Hammelehle



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dr.épernay-boiler 30.03.2011
1. Im Westen nix Neues
Es existieren vielerlei Formen und Sorten von Arroganz. Seit jeher, und auch heute zu jeder Zeit. Und was den Neo-Konservatismus in der modernen Parteienalndschaft anbelangt, lese man die vortrefflich trefflichen Analysen und Zusammenfassungen von Prof. Franz Walther.
Olaf 30.03.2011
2. Stimmt.
Zitat von sysopVerkommt*Deutschland*zum*Spießerland?*Uwe Timm hat eine Novelle über die Zeit vor 68 geschrieben - die ihn frappierend an die Gegenwart erinnert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Bestseller-Autor*über alte Wunden der Revolution, prahlerische*Neo-Konservative*und die neue Protestkultur. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,753512,00.html
Es gibt in dem Deutschland nach 1968 eine neue Arroganz, das ist richtig.
ernesto c 30.03.2011
3. Endlich
Zitat von sysopVerkommt*Deutschland*zum*Spießerland?*Uwe Timm hat eine Novelle über die Zeit vor 68 geschrieben - die ihn frappierend an die Gegenwart erinnert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Bestseller-Autor*über alte Wunden der Revolution, prahlerische*Neo-Konservative*und die neue Protestkultur. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,753512,00.html
Endlich sagt es mal einer. Es ist in D schick geworden zu zeigen, dass man / frau Geld hat, und vor allem mehr Geld als Andere. Im Gegensatz zum Geschrei von FOCUS hat in den letzten 2 Jahrzehnten eine Umverteilung von unten nach oben stattgefunden. Der arbeitenden Bevoelkerung werden sogar existenzsichernde Loehne vorenthalten. Nachdem sich die Sozialdemokratie vom Neoliberalismus hat infizieren lassen, Blair, Schroeder, wird es Zeit dass der Pendel wieder in die andere Richtung schlaegt. In Bad.-Wuertt. sind Zeichen gesetzt worden.
AKI CHIBA 30.03.2011
4. Der Bestseller-Autor hat gefressen!
Was ist denn das für ein verquaster Schrott, der hier verbreitet wird? Dem ewigen und feige gebliebenen Terrorplagiat möchte ich sagen: Von 1954 an habe ich in der Stuttgarter Mensa gespeist, wo es sich auch ein Arafat hat schmecken lassen. Besonders gut: Sauerbraten. Auch Abstecher nach Tübingen haben in der Mensa keinesfalls fraßhaft geendet. Ich habe nebenher als Taxometer geschuftet und marxistische Ideen durchaus mit Wohlwollen studiert - in den Pausen. Das leninistische Gesabber hingegen war eher was für Freitischler.
andy69 30.03.2011
5. ja, aber...
Es gibt in Deutschland eine Arroganz, aber aus unterschiedlichen politischen Lagern mit entsprechend unterschiedlichen Ausprägung - abhängig von den Wertvorstellungen des Einzelnen. Arroganz und Spiessigkeit gibt es mittlerweile auch massiv im politisch linken Lager, man denke nur daran, wieviele Pauschal-Einschränkungen und Verbote unter dem Oberbegriff "Umweltschutz" gefordert werden und mit viel altklugem Blabla und Plattitüden untermauert werden.
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