Bestseller-Autor Uwe Timm "In Deutschland gibt es eine neue Arroganz"

Verkommt Deutschland zum Spießerland? Uwe Timm hat eine Novelle über die Zeit vor 68 geschrieben - die ihn frappierend an die Gegenwart erinnert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Bestseller-Autor über alte Wunden der Revolution, prahlerische Neo-Konservative und die neue Protestkultur.

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dapd

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SPIEGEL ONLINE: Herr Timm, vergleicht man die Gegenwart mit dem Studentenleben vor der 68er-Revolution, das Sie in Ihrer neuen Novelle "Freitisch" schildern, hat man das Gefühl: alles wieder so spießig wie damals.

Uwe Timm: Da gibt es starke Ähnlichkeiten. Denken Sie an das so genannte neue Bürgertum - Frauen werden plötzlich wieder mit Handkuss begrüßt. Und welche ernsthafte Bedeutung der Kleidungskodex hat. Sogar unter Literaten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das nicht selbst vorweggenommen? Christian Kracht hat schon vor Jahren davon geschwärmt, welchen Wert Sie auf gute Schuhe legen.

Timm: Das ist bei mir sicherlich ein Reflex auf meine Ausbildung: Ich habe Kürschner gelernt. Da bleibt die Wertschätzung von handwerklichem Können. Ich habe mir immer ordentliche Schuhe gekauft, die lange halten. Auch, als man darauf nicht geachtet hat. Heute allerdings achtet man wieder sehr darauf. Das ist fast ein Grund, sich schlechte Schuhe anzuziehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Renaissance des Bürgerlichen beschränkt sich nicht auf Äußerlichkeiten, oder?

Timm: In Deutschland gibt es eine neue Arroganz, eine Arroganz qua Bildung: Hebraicum, Graecum, das große Latinum. Das wird wie eine Bugwelle vor sich hergeschoben. Das wäre 1967/68 ein Unding gewesen. Man wusste, es ist ein großes Privileg, dass man eine gute Schulbildung hat und man hat alles getan, um mit seinem Wissen niemanden in die Defensive zu drängen.

SPIEGEL ONLINE: So, wie es Sarrazin mit Goethes "Wanderers Nachtlied" gemacht hat?

Timm: …und dann konnte er das selbst nicht richtig auswendig! Ich habe ihn im Fernsehen gesehen. Das ist genau diese elitäre Haltung, die ich meine. Bildung ist gut, aber ich wünsche mir den Bürger als Citoyen, als jemanden, der aufmuckt, der in der französischen Tradition der Brüderlichkeit und Gleichheit steht.

SPIEGEL ONLINE: Der Bürger, der aufmuckt, wehrt sich allerdings, wie in Hamburg, gerade gegen die Reform der Gymnasien.

Timm: Viele, die heute vom humanistischen Gymnasium schwärmen, wollen es als Festung erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Auch als Festung gegen Migranten?

Timm: Ich kann angesichts des Erfolgs von Sarrazin nur sagen, dass sich hier die massiven Fehler der Politik rächen: Es war eine Selbsttäuschung, anzunehmen, dass die Einwanderer, man nannte sie ja Gastarbeiter, irgendwie wieder verschwinden würden. Interessant ist übrigens, wann zum ersten Mal in der deutschen Literatur Türken auftauchen. In meinem Roman "Heißer Sommer" zum Beispiel gibt es einen, 1974.

SPIEGEL ONLINE: Damit begann Ihre Laufbahn als Schriftsteller. Doch der ganz große Erfolg ließ fast zwanzig Jahre auf sich warten - bis zur "Entdeckung der Currywurst". Waren Sie immer zuversichtlich, dass er noch kommt?

Timm: Wir haben als Familie sehr sparsam gelebt. Aber das fand ich normal. Wenn ich mich umschaute, ging das fast allen so. Aber es gab nie einen Zweifel, dass ich schreiben wollte und auch schreiben musste. Das hört sich immer so dramatisch an, aber es ist so. Ich hatte ein kleines Einkommen: 800 Mark als Mitherausgeber der Autorenedition. Die wurde dann gekündigt…

SPIEGEL ONLINE: Bertelsmann, unter dessen Dach die Edition erschien weigerte sich 1978, Peter O. Chotjewitz Roman "Die Herren des Morgengrauens" zu verlegen. Damit war die Edition am Ende.

Timm: Das war ein Fall von politischer Zensur.



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dr.épernay-boiler 30.03.2011
1. Im Westen nix Neues
Es existieren vielerlei Formen und Sorten von Arroganz. Seit jeher, und auch heute zu jeder Zeit. Und was den Neo-Konservatismus in der modernen Parteienalndschaft anbelangt, lese man die vortrefflich trefflichen Analysen und Zusammenfassungen von Prof. Franz Walther.
Olaf 30.03.2011
2. Stimmt.
Zitat von sysopVerkommt*Deutschland*zum*Spießerland?*Uwe Timm hat eine Novelle über die Zeit vor 68 geschrieben - die ihn frappierend an die Gegenwart erinnert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Bestseller-Autor*über alte Wunden der Revolution, prahlerische*Neo-Konservative*und die neue Protestkultur. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,753512,00.html
Es gibt in dem Deutschland nach 1968 eine neue Arroganz, das ist richtig.
ernesto c 30.03.2011
3. Endlich
Zitat von sysopVerkommt*Deutschland*zum*Spießerland?*Uwe Timm hat eine Novelle über die Zeit vor 68 geschrieben - die ihn frappierend an die Gegenwart erinnert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Bestseller-Autor*über alte Wunden der Revolution, prahlerische*Neo-Konservative*und die neue Protestkultur. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,753512,00.html
Endlich sagt es mal einer. Es ist in D schick geworden zu zeigen, dass man / frau Geld hat, und vor allem mehr Geld als Andere. Im Gegensatz zum Geschrei von FOCUS hat in den letzten 2 Jahrzehnten eine Umverteilung von unten nach oben stattgefunden. Der arbeitenden Bevoelkerung werden sogar existenzsichernde Loehne vorenthalten. Nachdem sich die Sozialdemokratie vom Neoliberalismus hat infizieren lassen, Blair, Schroeder, wird es Zeit dass der Pendel wieder in die andere Richtung schlaegt. In Bad.-Wuertt. sind Zeichen gesetzt worden.
AKI CHIBA 30.03.2011
4. Der Bestseller-Autor hat gefressen!
Was ist denn das für ein verquaster Schrott, der hier verbreitet wird? Dem ewigen und feige gebliebenen Terrorplagiat möchte ich sagen: Von 1954 an habe ich in der Stuttgarter Mensa gespeist, wo es sich auch ein Arafat hat schmecken lassen. Besonders gut: Sauerbraten. Auch Abstecher nach Tübingen haben in der Mensa keinesfalls fraßhaft geendet. Ich habe nebenher als Taxometer geschuftet und marxistische Ideen durchaus mit Wohlwollen studiert - in den Pausen. Das leninistische Gesabber hingegen war eher was für Freitischler.
andy69 30.03.2011
5. ja, aber...
Es gibt in Deutschland eine Arroganz, aber aus unterschiedlichen politischen Lagern mit entsprechend unterschiedlichen Ausprägung - abhängig von den Wertvorstellungen des Einzelnen. Arroganz und Spiessigkeit gibt es mittlerweile auch massiv im politisch linken Lager, man denke nur daran, wieviele Pauschal-Einschränkungen und Verbote unter dem Oberbegriff "Umweltschutz" gefordert werden und mit viel altklugem Blabla und Plattitüden untermauert werden.
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