Schweiz-Roman "Bestseller" Scampi für das Hundchen

Selbst die Haustiere sind Feinschmecker in der Schweiz, die Isabelle Flükiger in ihrem Roman "Bestseller" beschreibt. Es ist ein Land, in dem junge Akademiker vor nichts Angst haben müssen - und in dem ihnen eben das Angst macht.

Schriftstellerin Isabelle Flückiger: Hinreißend poetisch und romantisch
Rotpunktverlag /Charly Rappo /arkive.ch

Schriftstellerin Isabelle Flückiger: Hinreißend poetisch und romantisch

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Das Drama ist, dass es kein Drama gibt: "Wir haben Geisteswissenschaften studiert wie alle Welt", sagt die Frau, "jetzt arbeiten wir wie alle Welt. Wir lieben uns, wie junge Paare in dem Alter das tun; später werden wir Kinder haben. Der Weg ist abgesteckt". Sie muss keine Angst haben, vor nichts im Leben, und das macht ihr ungeheure Angst. So sehr, dass sie kaum atmen kann.

Die Frau ist um die 30, sie arbeitet als Sekretärin in einem staatlichen Zentrum für zeitgenössische Kunst, ihr Partner Mathieu unterrichtet Französisch und Latein an einer Schule. Sonntags essen sie gut, räumen das Geschirr in ihren supereffizienten, ökologischen Miele-Geschirrspüler, schauen eine US-amerikanische Serie auf DVD. Immer der gleiche Ablauf, jeden Sonntag.

Es ist ein Mittelschichtsleben, so mittelmäßig, wie es viele Um-die-Dreißigjährige nun mal führen, wenn sie Geisteswissenschaften studiert haben und im krisenfesten Deutschland leben oder gar in der noch krisenfesteren Schweiz, in der dieser Roman spielt. "Bestseller" heißt er, und die junge Frau ist seine Ich-Erzählerin. Sie hadert mit der Langeweile und sie hofft: darauf, dass der Roman, den sie nebenbei schreibt, ein Bestseller wird; darauf, dass der Bestseller ihr Ruhm beschert; darauf, dass der Ruhm ihr Leben zu einem Abenteuer macht. "Auch die Hoffnung macht groß".

Ein Engel auf Pantoffelpfötchen

Doch dann passiert ihr doch etwas in dem Land, "in dem nichts passiert", in dem einem nichts passiert: Ihr läuft ein Hundchen zu, mit niedlichen Pantoffelpfötchen. Das Hundchen liebt Scampi und Wolfsbarschfilet und Erdbeeren, wie ein Feinschmecker, und es heißt Gabriel, wie ein Engel. Ob das Hundchen Gabriel übersinnliche Kräfte hat, ist unklar, aber mit seinem Auftauchen gerät das Leben der Ich-Erzählerin in Schwung. So sehr, dass sie das kleine Glück, das sie hat, bald als großes Glück versteht. Dieses Glück heißt Liebe.

"Bestseller" ist bereits der vierte Roman der Schweizerin Isabelle Flükiger, 34, aber es ist der erste, der aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt worden ist. Die Politik- und Literaturwissenschaftlerin porträtiert jenen Teil ihrer Generation, der sich nichts erkämpfen musste, und mit ihm porträtiert sie ihr Land: die reiche Schweiz, in der das Leben schokoladensüß ist. Es sei denn, man ist Asylant und gerät an Schweizer Rassisten, so wie ihr kurdischer Freund Said. Oder man ist Lehrer und gerät an die Kinder des Schweizer Geldadels, so wie Ihr Partner Mathieu. Oder man ist Museumsmitarbeiterin und gerät an Schweizer Provinzpolitiker, so wie ihre Ich-Erzählerin. Dann hat man das Leben in der Schweiz ziemlich schnell satt.

Flükigers Roman liest sich wie aufs Papier getupft, hinreißend poetisch und romantisch, voll heiterer Ironie und warmherzigem Witz. Doch Vorsicht: Wer den Roman zu Ende gelesen hat, will mit einiger Sicherheit sofort so ein Hundchen haben wie Gabriel. Wir empfehlen: diesen Kaufimpuls unterdrücken und stattdessen den Roman noch mal kaufen, als Geschenk. Auf dass "Bestseller" ein Bestseller werde.

Isabelle Flükiger: "Bestseller". Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow. Rotpunkt-Verlag, 166 Seiten, 19,90 Euro (bei Amazon erhältlich)



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criticalck 20.05.2013
1. Das ist doch Irreführung
Einfach Besteller al Titel verwenden - da werden nicht gerade wenige das Buch kaufen, weil sie es für einen Besteller halten. Dabei lässt sich schon am Geschilderten, wie langweilig hier Klischees bedient werden. Alles Schicki-Micki hier, so wird die Schweiz im Ausland wahrgenommen - aber daran ist nichts. Die Cote d'Azure ist dann noch ein Stück weiter weg. Auch sowas von typisch: Bei französischer bzw. welsch-schweizer darf der Arme Asylant nicht fehlen, der krieg natürlich weniger als Hundefutter. Wie wäre es mal zu schildern, was passiert, wenn ein Schweizer an der falschen Ecke einer Gruppe Kurden in die Arme läuft? Davon können sie in der Zeitung lesen, für kaum existente Rassisten hingegen braucht man dann doch besser Prosa. So schnöde vorhersehbar das Ganze. Wenn mich jemand gefragt hätte: "Welschschweizerin Anfang 30 schreibt ein Buch, was schreibt sie?" Ich hätte genau diesen Inhalt vorhergesagt.
z1013 20.05.2013
2. Wohl kaum
@criticalck: Wenn das Irreführung sein sollte einfach mal spaßeshalber versuchen, das Werk bei Amazon.de zu finden. Und bevor aus dem Geschilderten spontan Klischeebedienung verurteilt wird empfehle ich a) Buch lesen oder wenn das zu anstrengend ist b) wenigstens mal auf Schweizer Seiten Rezensionen lesen.
paulebenfelder 20.05.2013
3. Son Quatsch
"Es ist ein Land, in dem junge Akademiker vor nichts Angst haben müssen " - ich denke, Akademiker in Deutschland sind viel besser Staats-(Bafög) behütet als in der Schweiz, wo sie eben der FREIEREN Marktwirtschaft ausgesetzt sind. Die Autorin stammt wohl selber aus einer Geldaldel- oder Lehrerfamilie
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