Neue Nummer eins der SPIEGEL-Bestsellerliste Unterwerfung für Mädchen

Teenie-Operette im Märchenschloss: Kiera Cass' "Selection. Der Erwählte" verdrängt Michel Houellebecq von der Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?

Von und


An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal "Selection. Der Erwählte" von Kiera Cass.

Hammelehle: Wir haben eine neue Nummer eins. Ein Märchenbuch, in dem ein Schloss von Rebellen belagert wird und Casting-Show-Kandidatinnen von Terroranschlägen bedroht werden, löst Michel Houellebecq an der Spitze der Bestsellerliste ab. Klingt erst mal nach Weltflucht, aber eigentlich lässt sich "Selection" doch fast schon als eine Parabel auf die Lage der USA lesen.

Keller: Du meinst abgesehen davon, dass es in den USA kein Kastensystem gibt, keine Monarchie und der Mann, um den derzeit gecastete Frauen in der Fernsehsendung "Der Bachelor" konkurrieren, ein Farmer aus dem Mittleren Westen ist - und nicht, wie im Buch, ein Prinz.

Hammelehle: Nein, ich dachte eher, das belagerte Königsschloss, in dem "Selection" spielt, mit all seinem Luxus als Sinnbild des Westens, der sich immer mehr abschottet, während draußen in der Welt Kriege und Terroristen drohen. Und dann heißt die Heldin auch noch America.

Keller: Was auch daran liegen könnte, dass Kiera Cass ihre Figuren scheinbar gerne mit Blick auf den Globus tauft. Es gibt schließlich als Nebenbuhler zum Prinzen auch noch den gut aussehenden Wachmann, der wie der amerikanische Wintersportort Aspen heißt. Aus einem Faible für Albernheit hätte es mich ja sehr gefreut, wenn aus ihm in der deutschen Übersetzung ein Moritz geworden wäre. Aber findest du nicht, dass die Parabel daran hakt, dass es die Rebellen sind, die Freiheit wollen? Während das Innere des Schlosses für eine absolut unmoderne, ungleiche und ungerechte Gesellschaft steht?

Hammelehle: Ist das nicht geradezu klassisch? Aber bevor ich diesem Buch weiterhin zumindest unfreiwilligen Tiefsinn unterstelle, sollten wir vielleicht über seine Oberfläche reden. Die finde ich herrlich. Diese Beschreibungen von Schönheit, von Abendkleidern und Schuhen, diese idealisierte Kitschwelt wirkt wie eine Mischung aus Grimms Märchen und "Vanity Fair".

Keller: Konnte ich mich leider nicht dran erfreuen, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, mich darüber zu ärgern, wie bestätigungssüchtig sich die Mädchen gegenüber dem Prinzen verhalten. Dafür, dass der Autorin die Idee zu diesem Buch angeblich gekommen sein soll, als sie darüber nachdachte, ob Cinderella nicht einfach nur ein freier Abend und ein schönes Paar Schuhe gereicht hätten, geht es ganz schön oft darum, was der arme Prinz will.

Hammelehle: Wir haben in dieser Kolumne vor "Selection" über zwei andere Mädchenbücher gesprochen: "Chroniken der Unterwelt" von Cassandra Clare und "Obsidian" von Jennifer Armentrout - und bislang hatte ich den Eindruck, dass du damit zumindest ein bisschen mehr anfangen konntest als ich. Sollte es diesmal etwa umgekehrt sein? Nicht, dass "Selection" große Literatur wäre, aber ein süßes Nichts ist es doch. Was würdest du antworten auf unsere Frage: Und das soll ich lesen?

Keller: Als guilty pleasure eine absolute Lese-Empfehlung. Das Setting mag ich ja auch. Ich wünsche mir nur mal wieder eine Mädchenhauptfigur mit etwas mehr Schlagfertigkeit oder Eigensinn oder Humor. Und nicht nur weicher Haut und einer schlanken Taille. Das gilt aber auch für Armentrout und Clare.

Hammelehle: Da gibt es für mich nur zwei Interpretationsmöglichkeiten. Entweder: Jeder Disney-Film bietet heute stärkere Frauenfiguren. Dann wäre "Selection" "Unterwerfung" für Mädchen. Oder: Dieser Unterhaltungsroman ist heimlich doch Hochkultur - und die Märchengesellschaft die Teenie-Antwort auf Kafkas "Schloss".

Maren Keller ist Redakteurin beim KulturSpiegel. Sie schaut gern die amerikanische Castingshow "Project Runway", bei der es ebenfalls um hübsche Kleider geht.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Sein liebstes Märchenbuch ist Claudia Otts Neuübersetzung von "Tausendundeine Nacht" .

Vergangene Woche in Und das soll ich lesen?:"Konzert ohne Dichter" von Klaus Modick.

Alle Bestsellerkolumnen finden Sie hier. Die nächste Kolumne folgt Mitte März.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
anna_mustermann 28.02.2015
1.
Eine starke Märchenfigur gäbe es durchaus zu entdecken - leider nicht auf Bestsellerlisten und auch im Handel nicht mehr zu bekommen: "Die gewöhnliche Prinzessin" ;-) meiner Ansicht nach ein zu Unrecht in der Versenkung verschwundenes Buch... Übrigens habe ich für die Empfehlung von "Obsidian" zu danken: habe die gesamte Reihe (inklusive der zwei Randgeschichten) im Original verschlungen.
wliepe 28.02.2015
2. Komisch
habe ich jetzt die Bunte gelesen oder den Spiegel ? Bald sehe ich auch gern amerikanische Casting-Shows. Gute Nacht allerseits
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