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23. Juli 2007, 17:18 Uhr

Besuch bei Solschenizyn

"Mit dem Blut von Millionen geschrieben"

Alexander Solschenizyn empfängt keine Journalisten - schon seit Jahren nicht mehr. Für den SPIEGEL machte der Schriftsteller nun eine Ausnahme. Auszüge aus einem Gespräch über die verhängnisvolle Geschichte Russlands, das Versagen von Gorbatschow und Jelzin und die Enttäuschung über den Westen.

Bereits dreimal hat der SPIEGEL in den vergangenen beiden Jahrzehnten mit dem russischen Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn über die Zeitläufte gesprochen. 1987, als der Schriftsteller im amerikanischen Vermont im Exil lebte, diskutierte SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein mit ihm über die Russische Revolution und 1994 über seine triumphale Rückkehr in die Heimat. 2000 analysierte der Autor des "Archipel Gulag" die Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten. Solschenizyn, inzwischen 88, lud jetzt noch einmal die SPIEGEL-Redakteure Christian Neef, 55, und Matthias Schepp, 43, in sein Haus im beschaulichen Dorf Troize-Lykowo an der Moskwa ein. Täglich arbeitet der Autor dort an seinem Schreibtisch, im Keller stehen noch etwa 600 teils ungeöffnete Archivkästen mit Dokumenten über die russische Emigration. Nach dem Gespräch ließ sich Solschenizyn geduldig fotografieren. "Das sind wohl die letzten Bilder, die es von mir geben wird", sagte er. Zitate aus dem SPIEGEL-Gespräch:

Über Gorbatschow, Jelzin und Putin:

"Am Führungsstil von Gorbatschow überraschen die politische Naivität, mangelnde Erfahrung und Verantwortungslosigkeit gegenüber seinem Land. Das war keine Machtausübung, sondern ein sinnloser Verzicht auf Macht. Durch die Begeisterung des Westens fühlte er sich in dieser Verhaltensweise bestätigt. Allerdings muss man einräumen, dass es Gorbatschow war und nicht Jelzin - wie allerorts behauptet wird -, der unseren Bürgern zum ersten Mal die Meinungs- und Bewegungsfreiheit gab.

Die Verantwortungslosigkeit Jelzins gegenüber unserem Volk war um keinen Deut geringer, nur erstreckte sie sich auf andere Bereiche. Er war bestrebt, staatliches Eigentum möglichst rasch in private Hand zu geben, und er hat Russlands Reichtümer zum hemmungslosen Raub freigegeben, wobei es um Milliardenbeträge ging. (...)

Putin übernahm ein Land, das ausgeplündert und völlig aus dem Gleichgewicht gebracht worden war, mit einer großenteils entmutigten und verarmten Bevölkerung. Er schickte sich an, das zu tun, was möglich war - und möglich war eben ein langsamer, schrittweiser Wiederaufbau. Diese Bemühungen wurden nicht gleich bemerkt und erst recht nicht gewürdigt."

Warum Solschenizyn den Staatspreis von Gorbatschow ablehnte, ihn aber jetzt aus den Händen von Ex-Geheimdienstchef Wladimir Putin entgegennahm

"Ein Preis für den "Archipel Gulag" wurde mir 1990 in der Tat angeboten. Allerdings nicht von Gorbatschow, sondern vom Ministerrat der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, damals ein Bestandteil der Sowjetunion. Ich habe abgelehnt. Ich konnte keine persönliche Ehrenbekundung akzeptieren für ein Buch, das mit dem Blut von Millionen Menschen geschrieben worden war. 1998, am Tiefpunkt des nationalen Elends, erschien mein Buch 'Russland im Absturz'. Damals ordnete Jelzin persönlich an, mich mit dem höchsten Staatsorden auszuzeichnen. Ich habe geantwortet, dass ich keine Auszeichnung von einer Staatsmacht annehmen könne, die Russland an den Rand des Ruins getrieben hat.

Der mir jüngst verliehene Staatspreis aber wird nicht persönlich vom Präsidenten vergeben, sondern von einer angesehenen Expertengruppe, der russische Forscher und Kulturschaffende von tadellosem Ruf angehören, Menschen, die in ihren Bereichen absoluten Respekt genießen. Der Präsident als erste Person im Staat händigt diesen Preis am Nationalfeiertag aus. Als ich die Auszeichnung entgegennahm, äußerte ich die Hoffnung, dass die bitteren Erfahrungen Russlands, deren Studium und Wertung ich mein ganzes Leben gewidmet habe, uns vor neuen unheilvollen Abstürzen schützen mögen. Ja, Wladimir Putin war ein Geheimdienstoffizier, da haben Sie recht, er war jedoch kein KGB-Ermittler und kein Lagervorsteher im Gulag."

Über den Mythos Oktoberrevolution

"Eine Möglichkeit zu nutzen, das vermögen nur herausragende Persönlichkeiten. Lenin und Trotzki waren äußerst gerissene und tatendurstige Politiker. Sie nutzten die Ratlosigkeit der Kerenski-Regierung aus. (...) Die sogenannte Oktober-Revolution - das ist ein Mythos, den sich die Bolschewiki nach ihrem Sieg zurechtgelegt haben und den sich der auf den Fortschritt fixierte Westen völlig zu eigen gemacht hat. Am 25. Oktober 1917 gab es in Petrograd einen gewaltsamen Staatsstreich. Er war eher für einen Tag konzipiert, methodisch aber brillant vorbereitet. Und zwar von Leo Trotzki, denn Lenin musste sich in jenen Tagen noch wegen Hochverratsbeschuldigungen versteckt halten.

Was jetzt für die Russische Revolution von 1917 ausgegeben wird, war die Februar-Revolution. Ihre Ursachen lagen tatsächlich in den Verhältnissen, die im damaligen Russland herrschten (...). Die Februar-Revolution hatte tiefe Wurzeln, was ich auch in meinem epischen Werk "Rotes Rad" zeige. In erster Linie war das ein lang angestauter und gegenseitiger Hass der Bildungsschicht und der Machthaber. Er war es, der Kompromisse völlig undenkbar machte. Die Hauptverantwortung lastet natürlich auf dem Machtapparat. Wer soll eine größere Verantwortung für einen Schiffbruch tragen als der Kapitän? Die Voraussetzungen für die Februar-Revolution ergaben sich aus dem damaligen russischen Regime. Daraus folgt allerdings überhaupt nicht, dass Lenin eine zufällige Figur oder dass die finanzielle Beteiligung des deutschen Kaisers Wilhelm unwesentlich war. Am Oktober-Umsturz ist nichts, was mit der Natur Russlands zu erklären wäre - im Gegenteil: Dieser Staatsstreich hat Russland das Rückgrat gebrochen."

Über den Unsinn politischer Parteien

"Ich bin ein überzeugter und konsequenter Kritiker des Parteien-Parlamentarismus und Anhänger eines Systems, bei dem wahre Volksvertreter unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit gewählt werden. Die nämlich wissen dann um ihre persönliche Verantwortung in den Regionen und Kreisen, und sie können auch abberufen werden, wenn sie schlecht gearbeitet haben. Ich sehe und respektiere Wirtschaftsverbände, Vereinigungen von Kooperativen, territoriale Bündnisse, Bildungs- und Berufsorganisationen, doch ich verstehe nicht die Natur von politischen Parteien. Eine Bindung, die auf politischen Überzeugungen beruht, muss nicht notwendigerweise stabil sein, und häufig ist sie auch nicht ohne Eigennutz."

Über den Westen

"Als ich 1994 zurück nach Russland kam, erlebte ich eine Vergötterung der westlichen Welt und der Staatsordnung ganz unterschiedlicher Länder. Sie beruhte nicht auf wirklicher Kenntnis oder bewusster Auswahl, sondern vielmehr auf einer natürlichen Ablehnung des bolschewistischen Regimes und seiner antiwestlichen Propaganda. Diese Stimmung änderte sich nach dem brutalen Nato-Bombardement Serbiens. (...) Bis dahin galt der Westen bei uns vorwiegend als Ritter der Demokratie. Nun mussten wir enttäuscht feststellen, dass die westliche Politik sich in erster Linie von Pragmatismus leiten lässt, noch dazu häufig von einem eigennützigen und zynischen.

Viele Russen erlebten das als einen Zusammenbruch ihrer Ideale. Der Westen freute sich über das Ende des lästigen Kalten Krieges und beobachtete über die Jahre der Gorbatschow- und Jelzin-Herrschaft hinweg eine Anarchie im Inneren Russlands und die Aufgabe aller Positionen nach außen hin. Er gewöhnte sich schnell an den Gedanken, dass Russland nun fast ein Land der Dritten Welt sei und dass es für immer so bleiben werde. Als Russland wieder zu erstarken begann, reagierte der Westen panisch - vielleicht unter Einfluss nicht ganz überwundener Ängste."

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