Besuch bei Solschenizyn "Mit dem Blut von Millionen geschrieben"

Alexander Solschenizyn empfängt keine Journalisten - schon seit Jahren nicht mehr. Für den SPIEGEL machte der Schriftsteller nun eine Ausnahme. Auszüge aus einem Gespräch über die verhängnisvolle Geschichte Russlands, das Versagen von Gorbatschow und Jelzin und die Enttäuschung über den Westen.


Bereits dreimal hat der SPIEGEL in den vergangenen beiden Jahrzehnten mit dem russischen Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn über die Zeitläufte gesprochen. 1987, als der Schriftsteller im amerikanischen Vermont im Exil lebte, diskutierte SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein mit ihm über die Russische Revolution und 1994 über seine triumphale Rückkehr in die Heimat. 2000 analysierte der Autor des "Archipel Gulag" die Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten. Solschenizyn, inzwischen 88, lud jetzt noch einmal die SPIEGEL-Redakteure Christian Neef, 55, und Matthias Schepp, 43, in sein Haus im beschaulichen Dorf Troize-Lykowo an der Moskwa ein. Täglich arbeitet der Autor dort an seinem Schreibtisch, im Keller stehen noch etwa 600 teils ungeöffnete Archivkästen mit Dokumenten über die russische Emigration. Nach dem Gespräch ließ sich Solschenizyn geduldig fotografieren. "Das sind wohl die letzten Bilder, die es von mir geben wird", sagte er. Zitate aus dem SPIEGEL-Gespräch:

Über Gorbatschow, Jelzin und Putin:

"Am Führungsstil von Gorbatschow überraschen die politische Naivität, mangelnde Erfahrung und Verantwortungslosigkeit gegenüber seinem Land. Das war keine Machtausübung, sondern ein sinnloser Verzicht auf Macht. Durch die Begeisterung des Westens fühlte er sich in dieser Verhaltensweise bestätigt. Allerdings muss man einräumen, dass es Gorbatschow war und nicht Jelzin - wie allerorts behauptet wird -, der unseren Bürgern zum ersten Mal die Meinungs- und Bewegungsfreiheit gab.

Die Verantwortungslosigkeit Jelzins gegenüber unserem Volk war um keinen Deut geringer, nur erstreckte sie sich auf andere Bereiche. Er war bestrebt, staatliches Eigentum möglichst rasch in private Hand zu geben, und er hat Russlands Reichtümer zum hemmungslosen Raub freigegeben, wobei es um Milliardenbeträge ging. (...)

Putin übernahm ein Land, das ausgeplündert und völlig aus dem Gleichgewicht gebracht worden war, mit einer großenteils entmutigten und verarmten Bevölkerung. Er schickte sich an, das zu tun, was möglich war - und möglich war eben ein langsamer, schrittweiser Wiederaufbau. Diese Bemühungen wurden nicht gleich bemerkt und erst recht nicht gewürdigt."



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