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Bezahl-Verlage: Die schönsten Seiten des Schwachsinns

Von Carsten Holm

Mit vollmundiger Werbung locken Zuschussverlage Möchtegern-Autoren. Die müssen ordentlich zahlen, wenn sie sich gedruckt sehen wollen. Eine Aktivistengruppe machte die Probe aufs Exempel - und entdeckte eine Branche zwischen Geschäftemacherei und Dada.

Die Post, die sechs sogenannten Zuschussverlagen in Deutschland und Österreich im Dezember 2008 zugeht, trägt als Absender den Namen Rico Beutlich. Der stellt sich als Krankenpfleger aus Dresden vor, berichtet von seinem Engagement als Kostümwart im Indianerclub Winnetou im sächsischen Radebeul und davon, dass er seinen "ersten Roman" fertiggestellt habe.

Beutlich, so scheint es, ist einer von Tausenden stiller Poeten in Deutschland. Sie reimen nach Feierabend Gedichte oder versuchen sich am großen Wurf, dem Roman. Weil die Romanciers und Verseschmiede von größeren Verlagen so gut wie nie erhört werden, wenden sich ganze Heerscharen an die sogenannten Zuschussverlage. Die bezahlen nicht oder selten nur den Verfasser, sondern kehren das Honorarprinzip um: Autoren müssen dafür bezahlen, dass ihr Text gedruckt wird - obwohl der auf dem Buchmarkt und in den Feuilletons weitgehend unbeachtet bleiben wird.

Der Mann, der sich Beutlich nennt, hat sein Anschreiben an sechs Verlage, die im Internet und in Print-Medien mit Slogans wie "Verlag sucht Autoren" und "Schreiben Sie?" für sich werben, um eine neunseitige Textprobe ergänzt.

Klamauk von kosmischem Ausmaß

In einem Exposé stellt Beutlich sein angeblich 842 Seiten langes Werk vor. Protagonist der Handlung ist ein Kevin-Lukas, der schon als Zwölfjähriger "4000 Bücher quer durch die Beete gelesen" habe. Der junge Mann verliebt sich in Susi, die Assistentin seines Chefs, und wird zusammen mit ihr gefeuert. Er hackt sich in den Zentralrechner der Nasa ein und schickt Hilferufe an Außerirdische.

Die All-Bewohner, so geht die Geschichte weiter, holen Kevin-Lukas samt Freundin auf den Planeten, wo "der dilettantische Professor für frühgalaktische Geschichte Blassschütter über ein Volk von vollbusigen Frauen" herrscht. Als Titel schlägt Beutlich, je nach Verlag, "All-Es" oder gar "Über-All" vor.

Klar, dass der Nonsens in Größe enden muss. Am Ende kehren Kevin-Lukas und Freundin auf die Erde zurück, um nicht weniger als die Weltherrschaft zu übernehmen.

Beutlich schickt neun Seiten des Manuskripts an die Deutsche Literaturgesellschaft in Berlin, den R.G. Fischer in Frankfurt am Main, den ebenfalls dort residierenden August von Goethe Literaturverlag, den Berliner Frieling-Verlag, den Wagner Verlag im hessischen Gelnhausen und den österreichischen Novum-Verlag.

Allein: Der Hobby-Autor Rico Beutlich, der da seinen Erstling anpreist, existiert nicht. Es gibt zudem kein vollständiges Manuskript von 842 Seiten, wie Beutlich in seinem Anschreiben behauptet, sondern nur neun.

Stuss macht Arbeit

Das Ganze ist ein fieser Gag. Hinter dem Pseudonym Beutlich verbirgt sich ein Trio von Literaten, das die Verlage hereinlegen will. Die drei Schriftsteller Tom Liehr, 46, aus Berlin, Michael "Kaelo" Janßen, 52, aus Dortmund und der Dresdner Michael Höfler, 38, allesamt Mitglieder der Internet-Poetengruppe "42erAutoren", haben sich "neun Seiten Stuss ausgedacht" (Liehr) und verschickt. Sie wollen die Zuschussverlage auf die Probe stellen. Und sie wollen den Nachweis führen, dass diesen Verlagen, die von Autoren Tausende und Abertausende Euro für den Druck von Büchern verlangen, die Qualität von Texten ziemlich gleichgültig ist - trotz ihres oft vollmundig formulierten literarischen Anspruchs.

Stuss macht Arbeit. "Es ist extrem schwer, schlecht zu schreiben", sagt Liehr. Der Versuch der drei Autoren aber gelingt vorzüglich. Die Textprobe, die Michael "Kaelo" Janßen jetzt auf YouTube verliest, ist an Banalität, Fehlerhaftigkeit, Naivität und mangelhafter Ausdrucksfähigkeit kaum zu überbieten.

Am Anfang des "Romans" steht eine Szene, in der nervtötend einfältig beschrieben wird, wie die Hauptfigur Kevin-Lukas einen Tag beginnt: "Kevin-Lukas wachte auf. Und er kuckte aus den Fenster und was er da sah war auch nicht gut, alles voll Regen. Grosse Tropfen, kleine Tropfen und dazu sehr viele mittelgroße Tropfen sind auch da ... Ziemlich nass die Sache." Rechtschreibfehler schon in den ersten Zeilen, dazu eine groteske Ausdrucksschwäche.

Es kommt noch schlimmer. Kevin-Lukas nimmt am Frühstückstisch Platz. Textprobe: "Jetzt sitzt er da ohne Butter. Nur das trockene Brötchen und das kalte Messer. Aber dann isst er sein Aufschnitt ebend ohne Butter auf das Brötchen. Es gibt ja ein Paar Million Menschen ohne Brötchen, da ist ohne Butter noch ganz gut. Es heisst ja auch Brot für die Welt. Nicht Brot mit Butter drauf für die Welt. Das hat er sich gedacht in dem Moment. Und er lachte weil er das echt witzig fand, Brot mit Butter für die Welt. Kuhler Spruch."

Geburt eines analphabetischen Monsters

Platter lässt sich nicht schreiben; der eingeweihte Münchner Literaturagent Michael Meller liest den Text und bewertet ihn als "analphabetisches Monster" eines Autors, "dem kein Lektor helfen kann".

Nun muss nur noch ein Problem gelöst werden: Was, wenn die Verlage sich nicht mit der Seiten Textprobe begnügen, sondern die 842 Seiten des Gesamtwerks lesen wollen?

Liehr, Höfler und Janßen haben eine Idee. Sie füllen die neun vorhandenen auf 842 Seiten auf. Dafür kopieren sie kurzerhand rechtefreie Texte von Literaten wie Charles Baudelaire, August Strindberg und von Bertha Suttner aus der digitalen Bibliothek des Projekts Gutenberg. Sie teilen das Material in Kapitel auf und garnieren diese mit Überschriften, die mit dem Inhalt der Texte nichts zu tun haben, aber scheinbar zu Beutlichs Machwerk passen.

Nun existieren neun Seiten Wortmüll und 842 unzusammenhängendes Zeugs. Und alle Verlage loben Beutlichs Blödsinn in höchsten Tönen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. x
mmueller60 27.08.2009
Komischer Artikel. So viele Worte um ein bekanntes Phänomen. Es gibt solche Verlage seit vielen Jahren! Und die Aktivisten, na das sind mir ja welche! Ganz schön kreativ, dieser Streich, den sie den doofen Verlagen gespielt haben!
2. Schwachsinn
bürger mr 27.08.2009
Zitat von sysopMit vollmundiger Werbung locken Zuschussverlage Möchtegern-Autoren. Die müssen ordentlich zahlen, wenn sie sich gedruckt sehen wollen. Eine Aktivistengruppe machte die Probe aufs Exempel - und entdeckte eine Branche zwischen Nepp und Dada. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,645279,00.html
Solche Firmen sollten an Ihrer Gier ersticken, Literatur ist eines der wertvollsten Güter unserer Kultur und sollte dementsprechend behandelt werden. Natürlich muß nicht jeder Oberlehrer Geisteserguß gleich zum Publikumsliebling avancieren, das sind die Gesetzte des freien Marktes.
3. ...
medienquadrat, 27.08.2009
vor allem, was braucht es einen solchen "Verlag"? Da reicht eine gute Druckerei und ein Fahrrad, um die Bücher in der Buchhandlungen zu verteilen. Und wer kein Fahrrad hat, bietet seine eigene Auflage stückweise per Internet zum Kauf an. Und wer das alles nicht will, der bietet ein Downloadbook an. usw., usw. Ich weiß gar nicht, warum man für jeden Nepper, Schlepper, Bauernfänger so ein Trara veranstalten muss?
4. Schön, schön, ...
joschid 27.08.2009
... wenn auch nicht sonderlich neu. Wer hätte von solchen Verlagen Seriosität erwartet oder gar anspruchsvolle Literatur? Schade ist nur, dass genug Amitionierte zu glauben, scheinen, so den erhofften Durchbruch schaffen zu können. Interessanter zu untersuchen als die "Wir drucken jeden Müll, wenn die Kasse stimmt"-Verlage wären vielleicht die mehr oder weniger etablierten Verlage, die auch nur noch Bücher veröffentlichen, wenn mit dem Manuskript Geld ins Haus kommt. Insbesondere bei Kunstbüchern ist das mittlerweile üblich. Künstler, die einen betuchten und investitionswilligen Händler hinter sich wissen, kommen so leicht zu einer Monographie, während andere, die ohne solche Unterstützung über die Runden zu kommen versuchen (und seien sie noch so brilliant), kaum gedruckt werden. Das Publikum hält den Verleger für einen Garanten von Qualität, wo doch jeder Eingeweihte weiss, dass Lektorats-Entscheidungen längst durch Management und Buchhaltung ersetzt wurde.
5. ohgottohgottohgott!!!
Gungan, 27.08.2009
Verlage sind auf Geld aus!!! Ich bin schockiert!!!
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