Bibliotheken Säurefraß lässt Bücher zerbröseln

Der Papierfraß geht um: Weil sie nicht rechtzeitig konserviert werden können, drohen in deutschen Bibliotheken rund 60 Millionen wertvolle Bücher zu zerbröseln - allein kostspielige Verfahren könnte sie retten.


Hamburg - Bücher sind nicht für die Ewigkeit gemacht: In Deutschlands Bibliotheken zerbröseln laut Experten langsam 60 Millionen Bände - mehr als 70 Prozent der gesamten Bestände. Mit der Zeit werden die Seiten in den Büchern brüchig und vergilbt. Säureanteile im Papier haben die Bücher in den vergangenen Jahrzehnten angegriffen. Werden sie nicht bald konserviert, zerfallen sie und können nicht mehr gerettet werden.

Antiquarische Buchbestände: Papierfraß kann nur durch komplizierte chemische Verfahren gestoppt werden
DDP

Antiquarische Buchbestände: Papierfraß kann nur durch komplizierte chemische Verfahren gestoppt werden

Lediglich zwei Verfahren können den fortschreitenden Papierzerfall eindämmen. "Die Massenentsäuerung und das Einzelblattverfahren können helfen", erklärt die Direktorin der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Gabriele Beger. Doch diese Methoden seien sehr teuer und müssten zudem kontinuierlich bei allen Büchern, die zwischen 1840 bis 1980 entstanden, angewandt werden. Die Zeit dafür laufe langsam ab.

"Uns droht, dass wir unser kulturelles Erbe und das Wissen dieser Zeit verlieren", hebt der Geschäftsführer des Zentrums für Bucherhaltung (ZFB), Manfred Anders, hervor. Seine Leipziger Firma arbeitet unter anderem mit dem Paper-Save-Verfahren, das auf der Massenentsäuerung basiert.

Dabei wird den Bücher in einer speziellen Anlage nach und nach die Feuchtigkeit entzogen. Anschließend wird das Papier mit einer nichtwässrigen Entsäuerungslösung getränkt, die den pH-Wert neutralisiert. Die große Entsäuerungsanlage, in der ZFB das Verfahren praktiziert, befindet sich im Keller der Deutschen Bücherei in Leipzig.

Allein in Hamburg bedürfen rund 82 Prozent aller Bücher aus der Zeit zwischen 1840 und 1980 einer solchen Massenentsäuerung. Mindestens 804.000 Exemplare müssten sofort behandelt werden, sagt Direktorin Beger, die auch Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV) ist. Dafür rechnet sie mit Kosten von rund zwölf Millionen Euro. Trotz der hohen Kosten ist Beger optimistisch, dass die Hamburgische Bürgerschaft bald die entsprechenden Gelder bewilligt.

"Diese vom Zerfall bedrohten Bücher haben keine große Lobby", sagt Anders. Und das, obwohl einige der beschädigten Bücher hohen literaturhistorischen Wert besitzen. In Hamburg drohen beispielsweise Originalwerke von Gotthold Ephraim Lessing, Johannes Brahms, Georg Friedrich Händel, Friedrich Gottlieb Klopstock und Heinrich Heine zu zerbröseln.

Auch Akten und andere Archivbestände sowie Zeitungen bleiben vom Säurefraß nicht verschont. "Der Originalerhalt von Zeitungen wird überhaupt nicht unterstützt", sagt der Leiter der Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek Berlin, Joachim Zeller. Derzeit hoffe er auf einen Geldregen oder eine erschwinglichere Technologie zur Restaurierung. Allein in der Staatsbibliothek in Berlin benötigten rund 40.000 Zeitungsbände dringend eine Restaurierung. Sie drohten bei Gebrauch zu zerfallen und könnten dann nicht mehr wissenschaftlich ausgewertet werden.

Neben der Forderung nach stärkerer finanzieller Hilfe hat Zeller ein weiteres Anliegen: "Wir benötigen unbedingt ein nationales Sammlungskonzept für deutschsprachige Zeitungen." Bislang seien die Bestände deutschlandweit verstreut, niemand habe einen Überblick. Wertvolle alte Zeitungen drohten verloren zu gehen.

Restaurierungsexperte Anders dringt auf eine baldige Lösung: "Nur eine konzertierte Bundesaktion könnte helfen, wenigstens von einem Werk jeweils ein Exemplar zu retten." In der Hansestadt sensibilisiert seit einiger Zeit die Kampagne "Hamburg ohne Worte" die Öffentlichkeit für die Gefährdung des Schriftguts durch Säurefraß. Über Spenden können Interessierte Bücher der einzigartigen Hamburgensien-Sammlung wiederherstellen lassen und damit zum "Buchretter" werden. Beger hält diese Aktion in ganz Deutschland für nachahmenswert.

Nadine Schimroszik, ddp



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