Bielefeld-Posse "Alles sehen" Wollt ihr die Totale Soziologie?

Ein PR-Mann mit Nazi-Tourette und eine Studentin, die den Sexappeal der Gesellschaftswissenschaft entdeckt hat: Christoph Höhtkers Roman "Alles sehen" hat einen abstrusen Plot, ist oft geschmacklos - aber liest sich sehr unterhaltsam.

Autor Höthker: Abstrus, aber sehr unterhaltsam
Hartmut Salzmann

Autor Höthker: Abstrus, aber sehr unterhaltsam

Von Thomas Andre


Der 4. November 2009 ist in dem forciert unkorrekten, machistischen und großmäuligen Roman "Alles sehen" der Schicksalstag für gescheiterte Menschen in einer gescheiterten Stadt. Diese kann keine andere als Bielefeld, muss, allen poetischen Ungefährheiten zum Trotz, Bielefeld sein, obwohl sie in diesem Buch hartnäckig lediglich "B." genannt wird.

Der Autor Christoph Höhtker wurde 1967 in Bielefeld geboren und lebt mittlerweile in Genf. Seinen Drogen gegenüber äußerst aufgeschlossenen, erstaunlich selbstgerechten Romanhelden Frank Stremmer lässt er, wie eine ganze Reihe genauso depravierter Figuren, zum Appell in Ostwestfalen antreten.

Und dort schaut er sie sich an: Den gerade entlassenen PRler einer Schweizer Bank inmitten der Finanzkrise. Den dealenden Taxi-Kleinunternehmer. Das schwule, zerstrittene Restaurantbetreiberpärchen. Den neurotischen Zwangsradler und Möbeldesigner. Den gescheiterten Schriftsteller und ewigen Romantikverlierer. Den zum Islam konvertierten und trotzdem dosenbiertrinkenden Fettwanst. Anschauen, um alles zu sehen, was im Falle dieser aus verschiedenen Erzählperspektiven zusammengefügten Geschichte, die eigentlich ein Plot-Desaster ist, nur heißen kann: das Verlieren sehen.

Die etwas abstruse Handlung spielt an nur einem Tag: Der Genfer Stremmer kehrt in seine Geburtsstadt zurück, trifft dort seine Ex und einen alten Kumpel wieder, den er mit einem "Hardbody" (Bret Easton Ellis!), einer jungen Studentin, verkuppeln will, während gleichzeitig ein nihilistisch-islamischer Bartträger den Edel-Franzosen anzünden will, in dem die Wiedervereinigung der alten Ostwestfalen-Crew gerade stattfindet.

Den verbal auffälligen Psycho Stremmer kennt der Leser übrigens schon aus Höhtkers testosteronstrotzender Banker-Ballade "Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens an meiner Seite" - Stremmer hat seine Eigenheiten nicht abgelegt, pflegt weiter sein Nazi-Tourette ("Ich überhole einen Golf. Zwei Golfs. Zwei reinrassige KdF-Wagen") sowie gespielt rassistische Ressentiments und wirft einen grundsätzlich männlichen Blick auf die Welt. Man kann sich Stremmers Erfinder nicht anders als als einen großen Ironiker vorstellen.

Das erregende Potenzial der Sozialwissenschaft entdeckt

Und als einen Parodisten von Rang, dem es in "Alles sehen" darum geht, sich sowohl über Bielefeld als auch über Soziologie und Literatur lustig zu machen - was in einem Fall wie diesem ja in der Tat miteinander zusammenhängt. Die Niklas-Luhmann-Stadt Bielefeld ist die legendäre Soziologen-Stadt. In seiner über weite Strecken pseudo-wissenschaftlich gehaltenen Roman-Schrift (viele Fußnoten, ausdauernde Imitation des Sozio-Soziolekts) gibt Höhtker die hehre Gesellschaftswissenschaft unverschämterweise, aber zum Pläsier des Lesers, der Lächerlichkeit preis.

Die von der Soziologiestudentin Ania ("Statur: schlank, athletisch. Sehr aufrechte Haltung, sehr lange Beine, Körbchengröße 80C") euphorisch betriebene "Totale Soziologie" ("Alles ist interessant. Soziologie muss daher von allem handeln wollen. Sie muss total sein, denn sie ist total" - ach, diese herrlichen Tautologien) spiegelt Höhtkers literarisches Programm, seine Romanfiguren wie Forschungsgegenstände vorzuführen.

Mit Ania installiert er eine kluge Sexbombe in die Handlung, eine Art Supergroupie, der das Undenkbare gelingt: Sie entdeckt das erregende Potenzial der Sozialwissenschaft und überführt es in eine von ihr "Sexualisierende Soziologie" genannte Disziplin. Liebe als Statistikpassion? Soziologie als Witz!

Wer zu viel sieht, dem bekommt das nicht gut. Der von Ania angebetete Professor Jobst-Michael Höhtker (!), der Erfinder der Totalen Soziologie, wird über all der Beschreibungs- und Klassifizierungssucht wahnsinnig und fristet Gedichte schreibend sein Dasein im Zürcher Sanatorium.

Im letzten Teil der deftigen Groteske lässt Höhtker Ania und Stremmer ebendort hinfahren. Die Wallfahrt zum Sozio-Gott ist plot-technisch nicht einfallsreich, aber irgendein Ausweg musste nach dem auf maximalmögliche Weise borniert und diabolisch vorgeführten Phänomen der deutschen Provinztristesse, nach den heißblütig beschworenen Untergangsszenarien der Mittelgroßstadt, der "insgesamt statistisch unauffälligen Absurdkommune" schließlich her.

Höhtkers Brachialhumor muss man mögen. Er erzählt so temporeich wie Rainald Goetz und immer grenzwertig, was den guten Geschmack angeht. Was die Handlung angeht, ist er nonchalant: Wo doch zunächst alles auf den hanebüchenen Restaurantanschlag zuläuft, bläst er diesen High Noon kurzerhand ab - der beauftragte Brandstifter hat keine Lust mehr auf Zündeln. Dafür zündelt Höhtker, der Unkorrekte, umso lieber. Und seine Prosa hat eine oft unterschätzte Qualität: Sie ist unterhaltsam.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Ikarus Schmidt 24.11.2015
1.
"bläst er diesen High Noon kurzerhand ab - der beauftragte Brandstifter hat keine Lust mehr auf Zündeln" - Danke für den Spoiler.
Heinini 24.11.2015
2. gescheitert?
Gescheiterte Stadt? In welcher Hinsicht denn bitte? Was soll das?
Dark Agenda 24.11.2015
3.
Also tatsächlich kenne ich niemanden aus Bielefeld...
b-hh1980 24.11.2015
4. Als Bielefelder...
...kann ich dazu nur schreiben: Ja, diese Stadt ist gescheitert! Deshalb passe ich so gut hier hin. Und das Buch scheint auch recht interessant zu sein...
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