Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bildband "Burka": Wo das große Schwarze kneift

Von Claudia Voigt

Was ist das bloß für ein Leben, wenn man sich stets mit einem schwarzen Stück Stoff verhüllt? Die Künstlerin Eva Schwingenheuer macht sich in ihren provozierenden und lustigen Zeichnungen Gedanken über die Parallelwelt der Burkaträgerinnen.

Wie kann man in einer Burka den Alltag meistern? Diese Frage war für die Künstlerin Eva Schwingenheuer der Ausgangspunkt zu ihrem Buch "Burka". Der kleine, aber sehr klar Stellung beziehende Bildband hat einen schwarzen Umschlag, auf dem ein breiter, weißer Streifen den Sehschlitz markieren soll. Und er versammelt lauter zeichnerische Miniaturen, die Burka-Trägerinnen in manchmal alltäglichen, manchmal absurden Situationen zeigen.

"Tolles Outfit", sagt die eine zur identisch aussehenden anderen auf der allerersten Zeichnung.

Schwingenheuer will ihrem eigenen, westlich geprägten Unverständnis vor allem mit Humor auf die Schliche kommen. Denn was ist das bloß für ein Leben, wenn man seine Individualität in der Öffentlichkeit stets mit einem schwarzen Stück Stoff verhüllt?

"Beim Friseur" heißt eine andere Zeichnung, auf der ein etwas ratloser Mann neben einer voll verschleierten Frau steht. Ihr Wunsch: "Nur die Spitzen, bitte."

Im Gespräch betont Schwingenheuer, wie sehr es sie irritiert, dass die Trägerin einer Burka sich freiwillig von den einfachsten Dingen ausschließe. Vom Kaffeetrinken. Vom Sport. Von der Ausübung der allermeisten Berufe. Und dass dieses Kleidungsstück auch eine massive Kommunikationssperre darstellt. Weil man gar nicht wisse, auf welche Art und Weise man eine Frau in einer Burka ansprechen soll; ihre Gesten, ihre Körpersprache blieben ja stets verdeckt.

Schwingenheuers Zeichnungen sind der Versuch einer Annäherung, sie transportieren Neugier, aber auch Ärger. "Wollt ihr die totale Burka?", fragt eine Figur von einem Podest herab - "Ja", schallt es von einer verschleierten Masse zurück.

Die Künstlerin traut sich einiges: "Nuttenburka" heißt die Zeichnung, die den Sehschlitz auf Unterleibshöhe zeigt.

Natürlich habe sie den Karikaturenstreit im Hinterkopf gehabt, sagt Schwingenheuer. Aber sie habe sich in ihrer Arbeit dadurch nicht einschüchtern lassen wollen, denn ihr Buch sei in keinster Weise diskriminierend gemeint, sondern als Wunsch nach mehr Verständnis zu betrachten. Für Schwingenheuer stellt die Burka nicht nur ein feministisches Weltbild in Frage, sondern das Miteinander überhaupt. "Wenn eine Gesellschaft so starr an einem weiblichen Rollenbild festhält, gestattet sie auch keine Meinungs- und keine Geistesfreiheit, und das betrifft dann auch die Männer", sagt sie.

"Schüttelfrost" hat Schwingenheuer jene Zeichnung betitelt, die alle ihre Gefühle und Gedanken zu dem Thema am schönsten illustriert: Sie zeigt eine Burkaträgerin mit ganz zittrigen Konturen.


Eva Schwingenheuer: "Burka". Eichborn, Frankfurt;96 Seiten; 7,95 Euro.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Burka-Bildband: Leben durch den Sehschlitz


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: