Digitale Bilderbücher Kinderleicht mit dem Tablet spielen

Die meisten Kinder sollen nach dem Willen ihrer Eltern nicht mit dem Tablet oder Smartphone spielen, tun es aber trotzdem gerne. Der Carlsen Verlag kombiniert nun mit der LeYo-Technik Bilderbuch und Digitaltechnologie. Funktioniert das?

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Carlsen

Im Januar vergangenen Jahres saßen die Verantwortlichen des Carlsen Verlags zusammen und trafen eine Entscheidung: Sie beschlossen, Bücher und Digitaltechnologie auf eine neue Art zusammenzubringen. Bisher gab es auf dem Markt zwei Wege: Entweder wurden Bücher digitalisiert, als vorgelesenes E-Book oder als App, bei der man die Protagonisten mit dem Kopf wackeln oder seufzen lassen kann. Oder es gab spezielle Lesegeräte wie "Tiptoi" von Ravensburger: einen Stift mit Infrarot-Technik, mit dem man im eigens dafür entwickelten Buch auf etwas tippt, und dann wird erzählt, es gibt Geräusche, Spiele oder Aufgaben.

Der Carlsen Verlag aber wollte einen anderen Weg einschlagen, nämlich bereits vorhandene elektronische Geräte und Bücher kombinieren. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist seit Kurzem auf dem Markt: "LeYo" heißt das Konzept, das Buch und Smartphone oder Tablet-Computer verbindet. Und das funktioniert so: Man kauft ein LeYo-Buch, lädt die zugehörige App auf Smartphone oder Tablet (iPad oder Android) und hält das Gerät über das Buch. Die Software identifiziert das Bild, und auf dem Bildschirm erscheint die Seite; die sogenannten Hotspots leuchten. Zielt man mit dem grünen Punkt auf dem Screen auf einen Hotspot, geht es los mit Sprache, Geräuschen, alternativen Bildern.

Auf dem Markt sind schon mehrere großformatige Bücher mit dicken Pappseiten, darunter "Mein großer Märchenschatz", "Mein Altlas", "Conni im Kindergarten" und "Pferde und Ponys"; im März kommt ein weiterer Schwung heraus, darunter "Alle Vögel sind schon da" über heimische Vögel. Alle diese Bücher lassen sich auch ohne die sogenannte "Augmented Reality" auf dem Smartphone anschauen, wobei die Märchen hübsch illustriert, in der Druckversion jedoch drastisch gekürzt sind. Aber kommen auch Vorschulkinder mit der LeYo-Technologie zurecht?

Die beiden Fünfjährigen haben die Technik sehr schnell verstanden

Wir haben den Praxistest gemacht. Zwei Fünfjährigen standen die vier oben genannten, schon erschienenen Bücher und ein Smartphone zur Verfügung. Die beiden hatten, wie ein Drittel aller Vorschulkinder, bereits Erfahrung mit Computern. Sie wählten das Märchen- und das digitalisierte Buch aus der "Conni"-Reihe und bekamen das Smartphone mit gestartetem Programm in die Hand. Sie erhielten lediglich einen Hinweis: dass sie zu Anfang die Kamera über das ganze Bild halten müssen, damit es erkannt wird.

Ergebnis: Die Technik wurde sehr schnell verstanden, aber die Hotspots immer zu treffen und die Texte in der richtigen Reihenfolge zu hören, erwies sich als schwierig. Öfter wurde derselbe Text mehrmals aufgerufen, was die Kinder aber gelassen zur Kenntnis nahmen. Beide fanden LeYo spannender als Tiptoi, was auch daran liegen kann, dass sie einen Tiptoi-Stift immer zur Verfügung haben, das Smartphone aber bei den Eltern ausleihen müssen. Auf die Frage, "Mama, darf ich dein Handy haben?", folgt also zukünftig nicht mehr die Antwort "Ja" oder "Nein", sondern die Gegenfrage: "Wofür?"

300 bis 500 Hotspots hat jedes Buch, "Mein Atlas" sogar 700 - was acht Stunden Hörzeit entspricht. Das geht gelegentlich zulasten der Qualität. In "Mein großer Märchenschatz" gibt es eine Erzählerin, die leider sehr hörbar kein Profi ist. Die Kamera benötigt viel Strom, man sollte also ein Ladegerät in der Nähe haben. Und in der Dunkelheit funktioniert das System nicht, da die Buchseite beleuchtet werden muss. Da die Seiten glänzen, kann es außerdem Reflexionen von Lampen geben, was die Bilderkennung stört. Das fällt vermutlich in die Kategorie Kinderkrankheiten neuer Entwicklungen.

Das digitale Buch kann jederzeit aktualisiert werden

"Wenn man in die Zukunft blickt, dann muss man auf Dinge setzen, die nicht schon im ersten Jahr große Gewinne machen", sagt Markus Dömer, Leiter Business Development beim Carlsen Verlag. Denn die Entwicklung eines LeYo-Buchs ist ein Projekt, an dem Autoren, Illustratoren, Sound-Designer, Komponisten und Spieleentwickler beteiligt sind - ein großes Team also, das von Anfang an kooperieren muss. Die Software kann jederzeit aktualisiert werden, das Buch also mit neuen akustischen Inhalten und auf dem Bildschirm erscheinenden Motiven ausgestattet werden. Diese Möglichkeit ist für ein "Conni"-Buch vermutlich weniger interessant als für einen Atlas, weil sich Grenzen ja auch mal verschieben können.

Lohnt sich also der Kauf eines LeYo-Buchs? Die konservative Antwort: In Wahrheit haben die Kinder kein Buch angeschaut, sondern auf einen Bildschirm gestarrt. Die Nerd-Antwort: Je eher Kinder verstehen, dass man ein Smartphone auch zum Lernen einsetzen kann, desto besser.

Für konservative Eltern, die ihren Kindern beim Lesen auch etwas zum Spielen geben wollen, aber bitte nichts Technisches, hat der Verlag Mixtvision "Ulff, die Backenhörnchen und eine irre Verfolgungsjagd" herausgebracht. Dem Buch liegt eine schwarz-gestreifte Folie bei. Schiebt man diese langsam über die Bilder, drehen sich die Räder der Eisenbahn oder winken die Krabben mit den Scheren. So einfach geht es eben auch.


Buchangaben:
Ingmar Wendland und Nina Dulleck: Mein großer Märchenschatz. Carlsen Verlag, Hamburg; 16 Seiten; 19,99 Euro.
Volker Präkelt und Yayo Kawamura: Mein Atlas. Carlsen Verlag, Hamburg; 16 Seiten; 19,99 Euro.
Liane Schneider und Annette Steinhauer: Conni im Kindergarten. Carlsen Verlag, Hamburg; 16 Seiten; 14,99 Euro.
Volker Präkelt und Anne Ebert: Pferde und Ponys. Carlsen Verlag, Hamburg; 16 Seiten; 14,99 Euro.

Katja Alves und Trixi Schneefuß: Ulff, die Backenhörnchen und eine irre Verfolgungsjagd. Mixtvision Verlag, München; 32 Seiten; 16,90 Euro.
Inka Friese und Melanie Brockamp: Die Welt der Pferde und Ponys. Ravensburger Buchverlag, Ravensburg; 16 Seiten; 19,99 Euro.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
MrBrutus 14.01.2015
1. 2040
Die meisten Kinder sollen nicht mit dem Virtual Reality-Helm spielen, nach dem Willen der Eltern sollen Sie lieber mal wieder das Tablet in die Hand nehmen.
etzt_rede_ich. 14.01.2015
2. Das ist echter Schrott!
Wir haben es ausprobiert: es ist Schrott! Da soll man während der gesamten Dauer des Buch-"Lesens" sein Tablet über das Buch halten. Nach fünf Minuten hat man Nackensteife und Schulterschmerzen. Ab-so-lu-ter Unsinn, das System!
brdistmist 14.01.2015
3. Augenkrebs
Ich selber habe ein Tablett und nutze diesen auch. Jedoch halte ich das für Anstrengend, so das ich spätestens nach 30 min. es wieder zur Seite lege. Auch durch die Konzentration und der Starre blick auf solch ein Tablett geht auf die Augen. So brauche ich erstmal ne Zeit um wieder "klar" zu sehen. Ich habe deshalb ein Problem damit, wenn bereits Kleinkinder für länger sich solchen Medialen Stress aussetzen. Aber aus Sicht der Knder ist das natürlich eine tolle Sache!
meursault242 14.01.2015
4. Falsche Richtung...
... zwei Dinge zusammenzuführen die für sich gesehen gut funktionieren machen doch keinen Sinn. TipToi funktioniert für sich ganz gut und behält den Fokus im analogen Buch, ergänzt dieses nur aber ohne Bildschirm, d.h. das Buch bleibt das primäre Medium. Auf der anderen Seite gibt es jede Menge Apps, die spielen und lernen bereits perfekt vereinen. Hier ist der Smartphone- oder Tablett-Bildschirm das primäre MEdium und die kleinen lernen, mit der neuen Technik umzugehen.
Annana 14.01.2015
5. Find ich gut.
Ich war erst wirklich skeptisch, ob Kinder das so begreifen und ob sie damit klarkommen. Geht aber gut! Nichte und Neffe sind begeistert und lassen uns Erwachsene mit etwas Erstaunen zurück, so schnell hatten wir das System noch gar nicht Begriffen. Sehr selbsterklärend also, wir haben den Atlas gekauft und würden den unbedingt weiterempfehlen.
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