Kultroman "Binewskis" Die ganz normale Albino-Zwergin

Vorhang auf für ein kleines bisschen Horrorschau: Katherine Dunn erzählt von einem Zirkuspaar, das sich eigene Freaks züchtet. In den USA begeisterte der Roman einst Kurt Cobain und Terry Gilliam. Nun ist er auf Deutsch erschienen.

Autorin Dunn: Satire auf den Schönheitskult unserer Zeit
Alberto Cristofari/ Laif

Autorin Dunn: Satire auf den Schönheitskult unserer Zeit

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Man schreibt das schnell mal hin: Dieser oder jener Roman ist Kult. Meistens stimmt es nicht. In diesem Fall vielleicht schon, zumindest die USA betreffend.

Denn die Liste der Leser, die Katherine Dunns "Geek Love" lieben gelernt haben, ist lang. Und sie ist prominent besetzt: Der Nirvana-Frontmann Kurt Cobain steht darauf, der Regisseur Terry Gilliam (Monty Python, "Fear and Loathing in Las Vegas"), der Schriftsteller Chuck Palahniuk ("Fight Club"), der Bassist Flea (Red Hot Chili Peppers), die Sängerin Norah Jones, die Schriftstellerin Karen Russell ("Swamplandia!").

Vor allem in den Neunzigern, als Grunge ein großes Ding war, war auch der Roman ein Hit in den USA. Die Geschichte der freakigen Familie Binewski traf einen Nerv. Come as you are. Umso erstaunlicher, dass "Geek Love" erst jetzt auf Deutsch erscheint, 25 Jahre nachdem das Original ins Finale des National Book Award einzog. Der "kühne Roman" habe jahrzehntelang als unübersetzbar gegolten, schreibt der Berlin Verlag auf den Klappentext. Nun ja, das mag eine Erklärung sein, aber es ist sicher nicht die einzige.

Die Mutter beißt Hühnern die Köpfe ab

"Binewskis" heißt der Roman auf Deutsch, so wie die Familie, von der er erzählt. Es ist eine Zirkusfamilie. Der Vater Al hat die Mutter Crystal Lil einst als Geek engagiert: als Verrückte, die lebenden Hühnern die Köpfe abbeißt und das Blut wie Champagner schlürft. Bis zu 1100 Zuschauer applaudieren ihr dafür in der Manege. Doch irgendwann läuft das Geschäft nicht mehr rund; die Kosten explodieren. Der Wanderzirkus leidet unter einem alternden Löwen, der sich an den Käfigstangen wieder und wieder seine teuren Prothesen kaputt beißt, und an der dicksten Frau der Welt, deren Lebenshaltungskosten steigen und steigen.

Die rettende Idee: Al und Crystal Lil züchten sich ihre eigene Freakshow. Sie experimentieren mit Drogen, Insektiziden und radioaktiven Substanzen, um möglichst anormale Kinder zu zeugen. Viele Versuche scheitern - und enden in einem Museum für "innovative Naturkunst": einem Zirkuswagen, in dem missgebildete Föten in Formaldehyd eingelegt und ausgestellt werden. Einige Versuche gelingen aber auch: Arturo, genannt Arty oder Aquaboy, kommt mit Schwimmflossen statt Händen und Füßen zur Welt; seine Auftritte in einem Wassertank werden zur Attraktion. Die siamesischen Zwillinge Electra und Iphigenia spielen umjubelte Klavierduette, vierhändig natürlich. Und der äußerlich unauffällige Fortunato beherrscht Telekinese: Er bewegt Gegenstände nur mit der Kraft seiner Gedanken.

Die buckelige, glatzköpfige Albino-Zwergin Olympia kann da nicht mithalten. "Meine Mutter und mein Vater haben mich so entworfen", sagt sie denen, die sie anstarren - und fügt entschuldigend hinzu: "Bei ihren anderen Projekten kam etwas Originelleres heraus". Dass ihre Entstellungen so "alltäglich" seien, sei eine Enttäuschung für alle - und so dürfe sie nur Hilfsdienste verrichten, aber nie selbst in die Manege. Es ist eine Umkehrung der sonst geltenden Gesetze: In der sozialen Hierarchie steht derjenige oben, der möglichst weit abweicht von der Masse der gesunden anderen.

Der Roman hat zwei Ebenen, beide erzählen von der Albino-Zwergin Olympia. Die erste Ebene handelt von den Binewskis als schrecklich normaler Familie, in der der Erstgeborene Arty eifersüchtig auf alle Kinder reagiert, die nach ihm kommen: Es darf nur einen geben. Anders als in normalen Familien geht sein Drang nach ungeteilter Zuneigung jedoch irgendwann so sehr mit ihm durch, dass er versucht, einen Bruder zu ersticken. Arty entwickelt sich zum brillanten Redner, zum Manipulator, der die gesamte Familie terrorisiert - und eine immer größere Fangemeinde um sich schart: die sogenannte Arturo-Sekte. Diese Menschen lassen sich Gliedmaßen amputieren, um zu sein wie er: erst einzelne Finger und Zehen, dann Hände und Füße, schließlich Arme und Beine. Aus Normalen werden Freaks. Wer auf den Torso reduziert ist, wer also seinen Körper so weit wie möglich abgelegt hat, kommt mit Auszeichnung in ein Heim und wird von Dienern gebadet und gefüttert. Es ist die höchste Stufe der Erleuchtung.

Die Stripperin hat einen Schwanz am Steiß

Die zweite Ebene des Romans spielt in einer Zeit nach dem Zirkus: Olympias Tochter Miranda ist fast normal, eine große und gut gebaute Frau, die in einer freakigen Stripshow auftritt. Ihre einzige Besonderheit, ein kleiner Schwanz an ihrem Steiß, macht die männlichen Zuschauer verrückt.

Miranda gerät an eine ältere Dame, die ihr anbietet, sie von dem Schwanz zu befreien - und mit dem Schwanz von der Begierde der Männer. Dann könne sie sich ihren wahren Begabungen widmen. Ob sie das Angebot annimmt? Und ob das ihrer Mutter gefällt, der Albino-Zwergin Olympia?

Katherine Dunns Roman ist einige Jahre alt, aber die Fragen, die er stellt, sind aktueller denn je: Was ist normal? Was ist schön? Was ist gesund? Und vor allem: Wie sehr sollten wir an unseren Körpern rumschnippeln? "Binewskis" lässt sich lesen als Satire auf den Schönheitskult unserer Zeit: auf plastische Chirurgie und Diätwahn. Aber auch als Satire auf Ich-Sucht und Individualismus als Religion: auf die Anbetung von Freaks in Film und Fernsehen, auf Tattoos und Piercings in den Fußgängerzonen.

Dunn sucht sich manches Mal zu verschlungene Wege; sie hätte auch 50 bis 100 Seiten schneller zum Ziel kommen können. Ihre Sprache und ihr Ton machen das jedoch wett. Sie sind mal saftig und mal versaut, mal blutig und mal tabulos, oft komisch und immer anschaulich. Perfekt für einen Splatter-Roman.


Katherine Dunn: "Binewskis. Verfall einer radioaktiven Familie". Aus dem Englischen von Monika Schmalz. Berlin Verlag; 512 Seiten; 22,99 Euro.

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Seite 1
Stephan Glietsch 14.05.2014
1. Epic Fail
Sie erwähnen in der Rezension, dass Katherine Dunn's Roman über Jahrzehnte als "nicht übersetzbar" galt, halten es aber nicht für nötig die Arbeit der Übersetzerin Monika Schmalz auch nur mit einem Wort zu würdigen. Dabei hat diese Sprache, die Sie als "mal saftig und mal versaut, mal blutig und mal tabulos, oft komisch und immer anschaulich" beschreiben und als wichtigsten Grund benennen, dieses Buch zu lesen, auch ihre Sprache.
benmartin70 14.05.2014
2.
Zitat von Stephan GlietschSie erwähnen in der Rezension, dass Katherine Dunn's Roman über Jahrzehnte als "nicht übersetzbar" galt, halten es aber nicht für nötig die Arbeit der Übersetzerin Monika Schmalz auch nur mit einem Wort zu würdigen. Dabei hat diese Sprache, die Sie als "mal saftig und mal versaut, mal blutig und mal tabulos, oft komisch und immer anschaulich" beschreiben und als wichtigsten Grund benennen, dieses Buch zu lesen, auch ihre Sprache.
Ich möchte hier die Leistung der Übersetzerin in keiner Weise schmälern. Aber ich halte dieses Argument dass eine Übersetzung nicht möglich gewesen wäre für äusserst fragwürdig (wie der Autor des Artikels offensichtlich auch).
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