DDR-Roman "Brüder und Schwestern": Der Alltag der Anderen

Von Thomas Andre

DDR-Straßenszene 1979: "Kauft Ohne Nachzudenken Ständig Unseren Mist" Zur Großansicht
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DDR-Straßenszene 1979: "Kauft Ohne Nachzudenken Ständig Unseren Mist"

Die Mangelwirtschaft des Sozialismus in einem üppigen Gesellschaftsroman: In "Brüder und Schwestern" erzählt Birk Meinhardt von der DDR aus Sicht der kleinen Leute. Manchmal nah an der Soap, manchmal zu geschwätzig, aber doch ziemlich unterhaltsam - eine Light-Version von "Der Turm".

Wer beim Thema DDR vor allem an standesbewusste Bildungsbürger denkt, hat sich zuletzt wohl ein bisschen zu sehr vom hochgelobten Meistererzähler Uwe Tellkamp auf die Höhen eines Dresdener Villenviertels locken lassen. Dessen "Turm" aber, in dem die bourgeoisen DDR-Bewohner lebten, hat der Autor Birk Meinhardt ziemlich auffällig ignoriert. Seinen Roman "Brüder und Schwestern" bevölkern Flussschiffer, Drucker, Blumenzüchter und berlinernde Fußball-Fans. Eine DDR der kleinen Leute also: Das Comeback der Arbeiterromantik.

Birk Meinhardt, 1959 in Ostberlin geboren, arbeitet als Journalist, 1999 wurde er mit dem Kisch-Preis ausgezeichnet. "Brüder und Schwestern" ist sein dritter Roman und die erste Lieferung einer gewaltigen Familiensaga, an der Meinhardt, so ist zu hören, seit Jahren schreibt. "Brüder und Schwestern" bricht genau bei Seite 700 abrupt ab, nicht ohne dem Leser einen Hinweis auf den verschobenen Abschluss zu geben: Fortsetzung folgt.

Erzählt wird in "Brüder und Schwestern" von den Jahren 1973 bis 1989. Es geht um die DDR und da exemplarisch um eine Familie im Thüringischen. Um Willy, den egomanischen Direktor einer Druckerei, der sich mit den Verhältnissen arrangiert hat, um Ruth, seine fast unsichtbare Frau mit traumatischer Vergangenheit, um Erik, den opportunistischen Erstgeborenen, um Matti, den nervtötend idealistischen jüngeren Sohn, und um Britta, die freigeistige Schwester mit wechselnden Wohnsitzen und Lebenspartnern. Klingt fast schon nach Soap.

Untreues Familienoberhaupt

"Brüder und Schwestern", das ist Mentalitäts- und Alltagsgeschichte im Breitbandformat, die den großen Wendungen nicht zu viel Beachtung schenkt. Einmal klingt die Biermann-Ausbürgerung im Jahr 1976 an, das war's fast schon. Es geht Meinhardt, der ein durchaus bemerkenswerter Erzähler ist und die verschiedenen Handlungsstränge auf chronologisch raffinierte Weise miteinander verflicht, um das Große im Kleinen. Wie wäre das besser zu bewältigen als mit den Lebenslaufbeschreibungen, mit dem allzu Menschlichen?

Im Falle Willys zum Beispiel, des dann doch mehr oder weniger zufriedenen Patriarchen. Was er zu Hause nicht bekommt, holt er sich eben woanders. Er fährt regelmäßig zum Vögeln nach Berlin, wo er mit seiner Geliebten eine heruntergekommene Wohnung im Prenzlauer Berg in Beschlag nimmt. Aus der Liaison entsteht ein Kind, und nicht nur hier denkt man unweigerlich an Tellkamp, der im "Turm" ebenfalls ein untreues Familienoberhaupt zum Handlungsträger macht. Noch essenzieller im DDR-Roman sind Motive wie die Nationale Volksarmee und die Republikflucht. Auch sie spielen in Meinhardts Roman eine Rolle.

Meinhardt erzählt bisweilen mit liebevoller Ironie von seinen Helden, und ein weiteres Mittel der Distanzwahrung ist der mitunter märchenhafte Ton, den er anschlägt. Manchmal wird es allzu kitschig und man sehnt sich nach etwas mehr Subtilität, aber subtil waren ja auch nicht die Mechanismen der Macht, mit denen die Menschen in der DDR konfrontiert waren. Auch um jene geht es in dem Buch; um die Perfidie der Herrschenden und die permanente Unfreiheit der Bürger. Die "Brüder und Schwestern" befinden sich im ständigen emotionalen Ausnahmezustand. Etwa, wenn sich die Geschwister der im Mittelpunkt der Handlung stehenden Familie untereinander bekriegen: Der Haussegen bei den Werchows hängt eigentlich ständig schief. Meinhardt ist ein Fan der mit Verve vorgetragenen Aussage nebst Ausrufezeichen.

Werber für die Marke "DDR"

Allerdings könnte man den Figuren einen unangenehmen Drang zur Geschwätzigkeit attestieren - denn Meinhardt hat den Mut, die ironische Erzählhaltung zu brechen, indem er den Protagonisten eine allzu große Auskunftsfreude angedeihen lässt. Stellenweise wird - im Falle Willy Werchows - doziert, bis es dem Leser zu viel wird, und sich - im Falle seines intellektuellen Lieblingssohnes Matti - stets umfassend und selbstquälerisch ausgesprochen. Meinhardts monologischer und dialogischer Erzählstil, die barocke Fülle von "Brüder und Schwestern" erinnert an Dostojewski. Auf den beruft sich Meinhardt auch ganz explizit: Der so ernsthafte Moral-Hardliner Matti Werchow, der sein Auskommen als Flussschiffer hat, schreibt heimlich an einem Buch. Darin nimmt er das bei Dostojewski aufgefundene Motiv der Gefangenschaft auf, was, na klar, ganz vorzüglich für eine Parabel über das Leben in der DDR taugt.

Meinhardt gewinnt dem Lebensalltag der DDR manche Pointe ab. Einmal lässt er ein Ehepaar, das Erik Werchow, Mattis Bruder, im Ferienheim als Abendgesellschaft zugeteilt worden ist, über die Warenwelt des sozialistischen Landes spotten: "Ich gehe soooo gern in den Konsum: Kauft Ohne Nachzudenken Ständig Unseren Mist". Ein Kalauer? Gewiss, und doch ein Zeugnis für den Witz des DDR-Alltags.

Die Mangelwirtschaft des Sozialismus in einem üppigen Gesellschaftsroman: In "Brüder und Schwestern" suchen sich alle auf je eigene Weise in die triste Realität zu finden, und Meinhardt öffnet ihnen dabei exotische Wege abseits der Norm (die Tochter Britta heuert im Zirkus an) oder privilegierte Möglichkeiten der Selbstentfaltung (ihr Bruder Erik wird Werber für die Marke "DDR" im befreundeten Ausland). Es stellt sich bei der Lektüre übrigens ein paradoxer Effekt ein: So übertrieben originell man die Charaktere bisweilen findet, so effektiv funktioniert am Ende doch der Vertrag, den der Erzähler mit seinem Leser schließt: Ich erzähle dir eine Geschichte, und du schenkst mir dafür deine Aufmerksamkeit.

"Brüder und Schwestern" ist ein unterhaltsamer Roman, dessen Stimmung oft heiter ist, manchmal auch tragisch aufgeladen; eine Light-Version vom "Turm" gewissermaßen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Naja....
miauwww 05.02.2013
"Ich gehe soooo gern in den Konsum: Kauft Ohne Nachzudenken Ständig Unseren Mist" Das gilt heute ja mindestens genauso.
2.
rumi.rumi 05.02.2013
Herr Andre ist nich aus dem Osten, oder? Mit "Kauft Ohne Nachzudenken Ständig Unseren Mist" gibt der Buchautor lediglich einen DDR-Standard wieder, es ist keine originelle Eigenerfindung. Ansonsten klingt die Rezension aber ziemlich amüsant. Sollte mal ein DDR-Roman ganz ohne Stasi auskommen? Zu wünschen wäre es...
3. Jedoch hieß es
spon_1818305 06.02.2013
Kauft Ohne Nachzudenken SCHNELL Unserer Mist Ein kleiner, aber feiner Unterschied, denn an der Beständigkrit der DDR bestand bei der Mehrheit der DDR-Bürger zumindest bis zum Spätsommer des Jahres 1989 kein Zweifel. SCHNELL musstest du sein, wenn du ohne Beziehungen mal was haben wolltest.
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