Bilderbücher Der seltsame Willi

Wie erklärt man Kindern, was geistige Behinderung ist? Zum Beispiel mit Hilfe des Kinderbuchs "Planet Willi", das das Anderssein eines schwerstbehinderten Kindes geschickt thematisiert. Das Buch überzeugt außerdem mit altersgerechter Illustration - wie auch "Einer mehr".

Birte Müller/ Klett Kinderbuch

Willi ist anders als die anderen Babys. Er kann nicht trinken, nicht in die Windel machen, nicht mal atmen. Warum nicht? Weil er von einem anderen Planeten kommt. Seine Mutter wusste nicht, dass sie mit einem Außerirdischen schwanger war.

Nein, Willi ist kein Extraterrestrischer, und das Bilderbuch "Planet Willi" von Birte Müller ist auch kein Science-Fiction. Willi ist schwerstbehindert, der Planet Willi eine Metapher, um Kindern verständlich zu machen, warum dieses Baby so anders ist. Zum Beispiel braucht man auf Willis Planeten keine Sprache, um sich verständlich zu machen. "Für Willi ist die gesprochene Sprache sehr schwer zu lernen. Oft ist Willi deswegen unglücklich, und muss sehr laut schreien, damit seine Eltern begreifen, was er möchte."

Die Illustrationen im Stil fröhlicher, naiver Kindermalereien zeigen das Alltagsleben mit Willi: Er trägt einen blauen Ganzkörperanzug, hat ein paar abstehende Haare. Im Zoo klettert auf einen Elefanten, zieht einen Panther am Schwanz, im Affengehege teilt er sich mit einem grinsenden Affen eine Banane. Er knutscht wildfremde Menschen ab, er ist unberechenbar im Straßenverkehr, rennt seinen Eltern davon und klettert auf jeden Fahrersitz, sobald sich eine Autotür öffnet. Seine Zunge hängt heraus, was andere Kinder missverstehen und ihm die Zunge herausstrecken, dabei ist "seine Zunge einfach etwas schlapp, denn man benutzt sie auf Planet Willi höchstens dazu, Gegenstände anzulecken oder feuchte Küsse zu geben".

Viel zu viele Bilderbücher wollen mit exaltierten Mal-, Druck- oder Collagetechniken beeindrucken

Mit "Planet Willi" hat Birte Müller einen Weg gefunden, für nicht-behinderte Kinder die Welt eines behinderten Kindes zu erläutern, ohne pädagogisch, verniedlichend oder sentimental zu werden. Früher oder später erkennen alle Kinder, dass es auch Menschen mit Down-Syndrom oder anderen geistigen Behinderungen gibt, und sie stellen ihren Eltern Fragen. Dieses Bilderbuch beantwortet sie auf ernsthafte und zugleich unterhaltsame Weise. Dass Willi das eigene Kind der Autorin Birte Müller ist, kann man der Danksagung am Ende des Buches entnehmen. Und auch, dass ein Künstlerstipendium es ihr ermöglicht hat, die ersten beiden Jahre nach der Geburt von Willi durchzustehen.

Die künstlerisch-kindlichen und kindgerechten Zeichnungen unterscheiden "Planet Willi" von den viel zu vielen Bilderbüchern, in denen Illustratoren sich selbst verwirklichen, darüber aber die Story vernachlässigen. Und weil gerade die einfachen Bücher, die nicht mit exaltierten Mal-, Druck- oder Collagetechniken beeindrucken wollen, sondern etwas zu erzählen haben oder aber einfach nur lustig sind, es so schwer zu haben scheinen, soll an dieser Stelle noch eines vorgestellt werden. "Einer mehr" von Yvonne Hergane und Christiane Pieper erzählt in gereimten Zweizeilern und bunten, ein wenig comicartigen, knallbunten Zeichnungen, wie immer ein Junge pro Seite zum Spiel dazustößt. Ein Junge sitzt im Planschbecken, ein weiterer hüpft hinein. "Zwei, die zanken sich hier sehr. Kommt ein Dritter. Einer mehr." Das Planschbecken verliert die Luft: "Drei, die jammern tränenschwer. Nummer vier kommt. Einer mehr."

So lustig und einfach können Zweijährige das Zählen lernen. Das kleine Pappbilderbuch war für den Jugendliteraturpreise nominiert, hat ihn aber nicht bekommen. Schade.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
MrBrutus 22.10.2012
1. ---
Zitat von sysopBirte Müller/ Klett KinderbuchWie erklärt man Kindern, was geistige Behinderung ist? Zum Beispiel mit Hilfe des Kinderbuchs "Planet Willi", das das Anderssein eines schwerstbehinderten Kindes geschickt thematisiert. Das Buch überzeugt außerdem mit altersgerechter Illustration: wie auch "Einer mehr". http://www.spiegel.de/kultur/literatur/birte-mueller-planet-willi-yvonne-hergane-einer-mehr-a-862337.html
Wenn ich mit der U-Bahn fahre, so sehe ich so häufig Jugendliche, die nicht mal vor "normalen" Menschen respekt haben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass mit Hilfe dieses Buches diese Jugendlichen anders geworden wären, aber dafür ist es wohl auch nicht gedacht. Allerdings sehe ich in der Verwahrlosung der eh schon hoffnungslos abgeschriebenen Jugendlichen ein größeres Problem, als in der die "normalen erzogenen" Menschen noch moralischer zu machen.
geritp 22.10.2012
2. Grossartig
Zitat von sysopBirte Müller/ Klett KinderbuchWie erklärt man Kindern, was geistige Behinderung ist? Zum Beispiel mit Hilfe des Kinderbuchs "Planet Willi", das das Anderssein eines schwerstbehinderten Kindes geschickt thematisiert. Das Buch überzeugt außerdem mit altersgerechter Illustration: wie auch "Einer mehr". http://www.spiegel.de/kultur/literatur/birte-mueller-planet-willi-yvonne-hergane-einer-mehr-a-862337.html
Die Arbeiten von Birte Müller sind ganz grossartig und dieses Buch die Krönung. Wer Ihre Kolumne aus der Zeitung "a-tempo" kennt, die bei einer grossen Drogeriemarktkette ausliegt, weiss, dass sie selber Mutter eines behinderten Kindes ist (oder nicht so behindert, ganz wie man es sehen mag) - sie weiss also wovon sie spricht. Und sie tut dies in niemals belehrendem sondern sanften und liebevollen Ton. So macht die Inklusion einen grossen Schritt im Bewusstsein des Lesers. (Übrigens sind ihre Apps für iPads auch ganz toll und wissen auch Erwachsene zu fesseln....)
thomasalexy 22.10.2012
3. Toll und Mist
Toll ist es, dass ein wirklich gut gemachtes Buch hier Erwähnung findet. Mist ist es, wenn die Autorin des Artikels erstmal den verbalen Vorschlaghammer rausholt, wenn es um die Beschreibung des Kindes geht. Schwerstbehindert fällt Ihnen vielleicht als erstes zu einem Kind mit Down Syndrom ein, Frau Wellershof, weil Sie keine Ahnung haben. Genau das, was dieses Buch tut, nämlich einen unverblümten liebevollen Blick auf ein so ganz anderes Kind zu werfen und anderen dadurch einen nicht von Klischees und Mitleidsbrei verstellten Zugang und Einblick zu gewähren, konterkariert der Satz vom schwerstbehinderten Kind. Das ist es eben gerade nicht, was in Summe ein Kind mit Down Syndrom ausmacht. Und Mist ist es auch, dann noch mittendrin das Thema zu wechseln und von nett gemachten Kinderbüchern an sich zu erzählen. Das zeigt, dass sich Frau Wellershof wohl mittendrin bewußt wurde, sich bei diesem an sich guten Thema über dieses noch bessere Buch verhoben zu haben. Hallo Frau Müller, wir haben dieses Buch tatsächlich (kein Witz) gestern gelesen und finden es einfach toll. So wie Ihre Willis Welt Kolumne übrigens auch. Thomas Alexy
Sleeper_in_Metropolis 22.10.2012
4.
Zitat von thomasalexyToll ist es, dass ein wirklich gut gemachtes Buch hier Erwähnung findet. Mist ist es, wenn die Autorin des Artikels erstmal den verbalen Vorschlaghammer rausholt, wenn es um die Beschreibung des Kindes geht. Schwerstbehindert fällt Ihnen vielleicht als erstes zu einem Kind mit Down Syndrom ein, Frau Wellershof, weil Sie keine Ahnung haben. Genau das, was dieses Buch tut, nämlich einen unverblümten liebevollen Blick auf ein so ganz anderes Kind zu werfen und anderen dadurch einen nicht von Klischees und Mitleidsbrei verstellten Zugang und Einblick zu gewähren, konterkariert der Satz vom schwerstbehinderten Kind. Das ist es eben gerade nicht, was in Summe ein Kind mit Down Syndrom ausmacht. Und Mist ist es auch, dann noch mittendrin das Thema zu wechseln und von nett gemachten Kinderbüchern an sich zu erzählen. Das zeigt, dass sich Frau Wellershof wohl mittendrin bewußt wurde, sich bei diesem an sich guten Thema über dieses noch bessere Buch verhoben zu haben. Hallo Frau Müller, wir haben dieses Buch tatsächlich (kein Witz) gestern gelesen und finden es einfach toll. So wie Ihre Willis Welt Kolumne übrigens auch. Thomas Alexy
Wie sollte man denn sonst die Eröffnungssätze zu der Beschreibung eines solchen Buches gestalten, und dabei trotzdem schnell auf den Punkt kommen ?
stoffziege 22.10.2012
5. Braucht die Welt nicht
Kindern kann man auch ganz "normal" erklären, dass ein anderes Kind krank bzw. behindert ist. Dazu muss man ihnen keinen Unsinn auftischen nach dem Motto "Willi ist von einem anderen Planeten". Welch ein Unsinn!
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