Twitter-Roman von Jennifer Egan Die Frau mit der 140-Zeichen-Magnum

Die Handlung kreist um eine Art Mata Hari mit Smartphone: Die Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan hat mit "Black Box" einen Agentinnenroman im Twitter-Format geschrieben. Ein kleines Meisterwerk über Kommunikation und Kriegsführung, das SPIEGEL ONLINE komplett veröffentlicht - in Tweets.

Von

Corbis

"Heroismus heute heißt, der amerikanischen Gier nach Gesehenwerden und Anerkennung eine Absage erteilen."

Ein ziemlich vollmundiger Satz ist das, der sich da irgendwo in der Mitte des neuen Romans von Jennifer Egan findet. Vollmundig vor allem vor dem Hintergrund, dass dieser neue Roman vor Buchveröffentlichung in Form von Kurzmitteilungen vom US-Magazin "New Yorker" via Twitter versendet wurde. Also mit Hilfe jenes Mediums, das auch Politiker, Schauspieler und Promidarsteller nutzen, um mit angeschärften 140 Zeichen aus dem Gros der Mitbewerber um die öffentliche Aufmerksamkeit herauszustechen.

Ist die Autorin also schizophren, wenn sie solche stattlichen medienreflexiven Statements im Durchlauferhitzer-Medium Twitter äußert? Haben wir es bei ihr gar mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun? Einer Mrs. Jekyll und einer Dr. Egan?

Eher nicht. Man darf davon ausgehen, dass Jennifer Egan, 50, genau weiß, was sie tut, wenn sie mit ihrer neuesten Arbeit, "Black Box", den ersten komplett in Tweets veröffentlichten Roman vorlegt. Weltsensation wird da hyperventiliert, Egan schweigt und genießt.

Eine Mata Hari mit Smartphone

Kaum eine andere Romanautorin hat derart virtuos und vor allem psychologisch genau die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie offengelegt: Egans letztes großes Werk, "Der größere Teil der Welt", 2011 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, ist der beste und der traurigste Roman, der je über das Musikbusiness geschrieben wurde.

Es geht darin um Rock'n'Roll. Und darum, wie er verkauft wird. Der Roman führt von den Punk-Clubs San Franciscos der späten siebziger Jahre über die aufgeblasene, geldgestopfte Tonträgerindustrie der Neunziger zur Auf-Leben-und-Tod-Kampfkommunikation der Gegenwart. Am Ende, so die grimmige Pointe, arbeiten die arbeitslos gewordenen Rock'n'Roll-Promoter als PR-Berater für Diktatoren in der Dritten Welt.

Kommunikation als Mittel der modernen Kriegsführung: Das ist das Motiv, das nun auch in "Black Box" einen großen Stellenwert hat. Eine junge Frau, verheiratet, kinderlos, früher ebenfalls im Musikgeschäft tätig, und, wie sie selber schreibt, vom Leben und von ihrer Heimat Amerika verwöhnt, lässt sich als verdeckte Ermittlerin auf einen mutmaßlichen Staatsfeind ansetzen. Sie muss sich selbst aufgeben, sie muss ein neues konstruiertes Ich von sich in die Welt kommunizieren, um in der Rolle der Spionin aufzugehen.

Eben eine heroische Aufgabe, wie die medienaffine Mittdreißigerin sich selbst suggeriert - siehe das 140-Zeichen-Zitat am Anfang. Die Heldin, eine Mata Hari mit Smartphone.

Spionage in fremden Betten

Jennifer Egan nutzt die Tweet-Länge als strenge Form, in der sie minutiös über die Abspaltungsprozesse ihrer Ich-Erzählerin berichtet. Sprache wird zur Waffe, also Obacht vor der Frau mit der 140-Zeichen-Magnum. Grandios, wie Egans Erzählerin in knappen Einträgen beschreibt, wie sie vor dem Beischlaf mit ihrem Zielobjekt die Dissoziationstechnik anwendet, um ihren Körper von ihrem Verstand abzutrennen:

"Schließ die Augen und zähle langsam von zehn rückwärts."

"Stell dir bei jeder Zahl vor, dass du dich von deinem Körper löst und jeweils einen Schritt weiter von ihm entfernst."

"Bei acht solltest du dich knapp außerhalb deiner Haut befinden."

"Bei fünf solltest du einen halben Meter über deinem Körper schweben und wegen des Geschehens höchstens noch eine diffuse Unruhe empfinden."

"Bei drei solltest du dich völlig von deinem physischen Ich abgekoppelt haben."

"Bei zwei sollte dein Körper in der Lage sein, ohne deine Mitwirkung zu agieren und zu reagieren."

"Bei eins sollte dein Geist so frei umherschweifen, dass dich nicht mehr interessiert, was sich unter dir abspielt."

"Weiße Wolken ziehen majestätisch dahin."

Die Tweets sind also angelegt als Mischung aus Selbstgespräch und geheimdienstlichen Feldinstruktionen; zusammengenommen ergeben sie eine Art Kompendium für den Spionageeinsatz in fremden Betten. Die Heldin versucht sich für ihr Zielobjekt zu optimieren, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

Ein Optimierungsillusionismus, wie er auch in Charlotte Roches "Schoßgebete" beschrieben wird. Schweigen wir mal über die stilistischen und qualitativen Unterschiede zwischen den beiden Autorinnen - in ihrer jeweiligen Heimat kommt ihnen die gleiche Aufgabe zu: Aufgrund ihres enormen Erfolges müssen sie ständig die Frauen-, Pop- und Medienerklärerinnen geben, ob sie wollen oder nicht. Dabei macht zumindest Egan gar keinen Hehl daraus, dass sie ganz viele Dinge gegenwärtiger Kommunikationsprozesse nicht versteht. Twitter zum Beispiel.

Hilfe, ich habe 8000 Follower!

Ja, die Frau, die den ersten großen Twitter-Roman geschrieben hat, weiß persönlich nicht so recht, was sie neben der Möglichkeit darauf Romane zu veröffentlichen, eigentlich damit anfangen soll. Weniger als ein Dutzend Tweets hat Egan über ihren Account in die Welt geschickt, darunter auch einen, in dem sie sich dafür entschuldigt, unabsichtlich Spams gesendet zu haben.

Gut 8000 Leute folgen Egan inzwischen, sie selbst hat nicht den geringsten Schimmer, weshalb das so ist - oder gibt das zumindest vor. Die verschiedenen Passagen ihres neuen Romans, den sie wie alle ihre anderen Romane auch in einem Notizblock formuliert hat, wurden jedenfalls von den Redakteuren des "New Yorker" via Twitter versendet. Erst danach wurde der Roman in den USA in Buchform veröffentlicht.

Am 7. August erscheint "Black Box" auf Deutsch - und die Social-Media-Redakteure von SPIEGEL ONLINE haben die Ehre, Egans Roman über den Account @SPIEGEL_Rezens im deutschen Raum zu twittern. Ab Montag wird er an zehn Abenden mit jeweils rund 60 Tweets verschickt.

Um es noch einmal ganz deutlich zu formulieren: "Black Box" ist nicht das Werk, das den Lifestyle moderner sozialer Netzwerk in eine Erzählhandlung übersetzt, es übernimmt auch nicht die dort übliche Grenzgängergrammatik, um sie ästhetisch zur Literatur der Zukunft zu überhöhen. Stattdessen wird hier, und das alleine ist künstlerisch eine Sensation, das Prinzip des Seriellen ausgereizt, das schon immer das Erzählen zu jeder Zeit bestimmt hat. Egan beruft sich dabei auf Romanciers wie Balzac oder Dickens, deren Werke im 19. Jahrhundert als Fortsetzungen in Zeitungen veröffentlicht wurden.

Sie selbst treibt diesen cliffhanger-betonten Happen-Erzählstil nun auf die Spitze und sondert im 140-Zeichen-Takt einen Gedankenblitz nach dem anderen ab. Jeden einzelnen kann man sich als Sinnspruch auf den Arm tätowieren lassen oder auf einen Post-it kritzeln und an die Bürowand babben.

Oder - ja, auch das - per Tweet über Twitter versenden.


SPIEGEL ONLINE sendet Jennifer Egans Roman "Black Box" ab Montag zehn Abende lang von jeweils 20.00 bis 21.00 Uhr über den Twitter-Account für Rezensionen: @SPIEGEL_Rezens

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
jan-bernd meyer 02.08.2013
1. Das sagt ja einiges...
O-Ton SPon: "... - und die Social-Media-Redakteure von SPIEGEL ONLINE haben die Ehre, Egans Roman über den Account @Spiegel.rezens im deutschen Raum zu twittern." Seit wann machen sich Journalisten gemein mit einer Sache, über die sie schreiben? "Die Ehre haben...?" Und ehrlich: Wenn alle Erkenntnisse von Frau Egan auf dem Niveau der hier veröffentlichten Tweets sind, dann sollte sich der Spiegel wirklich fragen, ob dieser "Roman" so hochgejazzt werden sollte. Bloß weil er die stilistische Form eines momentan angesagten Mediums übernimmt, ist er noch lange nicht stilbildend und bedeutend. Und die schrecklichen Ergüsse der Charlotte Roche hier als flankierende Argumentation der Bedeutungserhöhung des Eganschen Werks zu zitieren, ist ziemlich unglücklich. Was zudem Dickens und Balzac mit Egan zu tun haben (auch wenn sie das behauptet), ist schleierhaft. Es reicht nicht, mit schicken Formulierungen einem Roman Bedeutung anheften zu wollen. Es ist zu kurz gesprungen, Twitter, Smartphone, soziale Netze in einem Mixer zu hauen und zu glauben, da komme dann ein Avantgarde-Text heraus. Etwas mehr Distanz zum Sujet täte der Berichterstattung gut.
mcx 02.08.2013
2. optional
Der Twitter-Roman ist sicher eine nette Spielerei, muss ich aber nicht unbedingt lesen. Das im Artikel erwähnte A Visit From the Goon Squad aber ist ein wirklich unfassbar großes Buch.
PausenPrinzessin 02.08.2013
3. Und wir finden es nicht irgendwie absurd, wenn...
... Tweets in Buchform erscheinen, damit man sie dann twittern kann...?
hochst 02.08.2013
4. billig.
welches Niveau herrscht hier denn bitte? Absätze suggerieren gerne Befeutung, wo keine ist. Der Beispieltext ist ein schlecht formatierter Fließtext, und das Twitter bzw. auch Sms Format eher eine neue Form Haiku. Klar, dass ein Social Media Autor im eigenen Interesse die Bedeutung dieses Machwerks überhöht, er will ja auch das Geld in diese Maschinerie kommt. Aber was bleibt bitte hängen von so einem Durchflussmedium? Alles im Schnelldurchlauf ist zu viel und zu schnell für unseren Verstand. Da lese ich lieber bedächtig einen Dostojewski und lerne dabei etwas über mich und das Leben, statt Realschnipsel anderer die zu knapp und zu isoliert sind, um daraus zu schöpfen. Was uns heute fehlt ist die Geduld für komplexere Gebilde. Eine Wegwerfgesellschaft mit Wegwerfgedanken unter dem Druck einer allseitigen Marketingverseuchung. Oder: statt in der Twitterdusche zu versuchen die Tropfen zu verstehen, leg ich mich lieber in die Badewanne und schöpfe aus dem Ganzen. Das dauerr länger und ist aufwändiger, doch Tropfen sind zu schnell für mich, davon habe ich am Ende nichts, und wenn die Dusche aus ist steh ich im Trockenen und alles was bleibt ist heisse Luft ....
bettyboop2013 02.08.2013
5. Kulturkritiktick
"Heroismus heute heißt, der amerikanischen Gier nach Gesehenwerden und Anerkennung eine Absage erteilen." Wie verlogen, wenn man Schriftstellerin ist. Und wie abgeschmackt. Kann man nur hoffen, dass es interessanter wird, wenn die Autorin einfach eine Geschichte erzählt und sich nicht zu gesellschaftlichen Themen äußert.
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