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Timothy Snyders "Black Earth": Täglich droht ein Holocaust

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Bilder des Grauens: Der Holocaust, ein wucherndes Geschwür? Fotos
Getty Images

Der Genozid als wucherndes Geschwür: In "Black Earth" widerspricht der Historiker Timothy Snyder der Vorstellung vom Holocaust als mechanisch-geplanter Mordmaschine - und zieht Parallelen zu Putin oder dem Klimawandel.

Wie schafft man es, heute noch ein aufsehenerregendes Buch über den Holocaust zu schreiben? Zum Beispiel so wie Timothy Snyder, Geschichtsprofessor aus Yale, mit seinem neuen Buch "Black Earth", in dem er die Konventionen seiner Zunft ignoriert. Statt sich in Quellendiskussionen und Querverweisen zu ergehen, führt er den Leser durch präzise recherchierte Episoden, die für die Grundzutaten des Holocaust stehen: Antisemitismus, Krieg, Ideologie, Angst.

Snyder erzählt diese grausigen Geschichten anschaulich und mischt sich immer wieder in die Gegenwart ein. Er wagt es sogar, Ereignisse der Vierzigerjahre mit einer 2015 noch ungeschehenen Zukunft zu vergleichen.

Seine Analyse ist vollgepackt mit verstörenden Annahmen - und beginnt im Kopf Adolf Hitlers. Dort beobachtet der Historiker, wie der Diktator gedanklich die Welten von Wissenschaft und Politik vermengt. Mit furchtbaren Folgen: Soziale Nöte und der vermeintliche Mangel an "Lebensraum" ließen sich fortan auf ein "Weltjudentum" zurückführen, das die Statik des gesamten Planeten ins Wanken bringe.

Demnach soll Hitler für politische Probleme (Kriegsniederlage und Weltwirtschaftskrise) pseudobiologische Erklärungen (die NS-Rassenlehre) gesucht und darauf wiederum mit politischen Lösungen (Völkermord und Vernichtungskrieg) reagiert haben. "Geplant war", so Snyder, "den Planeten durch Massenmord und das Versprechen eines besseren Lebens für deutsche Familien wiederherzustellen." Es kostet Überwindung, Snyder in die Tiefen des Hitlerschen Hirns zu folgen. Aber es lohnt sich.

Zur Person
  • picture alliance / dpa
    Timothy Snyder, Jahrgang 1969, ist ein US-amerikanischer Zeithistoriker und Professor an der Yale University. Er beschäftigt sich vor allem mit dem Holocaust und der Geschichte Osteuropas, zuletzt hat er sich regelmäßig mit Beiträgen zur Ukrainekrise zu Wort gemeldet. 2010 erregte sein Buch "Bloodlands" Aufsehen, in dem er Stalinismus und Nationalsozialismus miteinander vergleicht.
In "Black Earth" rekonstruiert Snyder die Geschichte der Judenverfolgung vor und während der NS-Zeit, erzählt von mutigen Rettern in Botschaften und Bauernhöfen, handelt wie nebenbei die Geschichte des Weltkriegs ab. Dabei entfaltet Snyder seine Theorie, wie Genozide entstehen. Nicht mechanisch-planvoll nämlich, eher wie ein wucherndes Geschwür: Institutionell schwache Länder wie Polen waren vom Holocaust besonders betroffen, trotz Besatzung vergleichsweise gut funktionierende Staaten hingegen weniger.

Wegen solcher Thesen ist Snyder unter Kollegen längst als Provokateur verschrien; spätestens seit seinem Buch "Bloodlands", in dem er vor fünf Jahren die Verbrechen Hitlers und Stalins verglich und dem Sowjetführer sogar die effizienteren Mordmethoden attestierte. "Black Earth" ist nicht weniger streitbar.

Das liegt vor allem am letzten Kapitel, das den Titel "Unsere Welt" trägt. Dort versammelt Snyder das Sammelsurium seiner Befunde und vermengt sie zu einer überraschenden These: Die globalen Verwerfungen der Zwischenkriegszeit, die in Weltkrieg und Massenmord mündeten, ähneln demnach der wohl größten Herausforderung unserer Zeit - dem Klimawandel.

Timothy Sniders Kernthesen zum Holocaust
1. Adolf Hitler hatte eine Art rassistische Ökologie entwickelt, wonach Juden das Gleichgewicht des Planeten gefährdeten und etwa für Wirtschaftskrisen verantwortlich waren.

2. Der Holocaust war Hitlers Reaktion darauf: Um das Gleichgewicht des Planeten wieder herzustellen, wollte er das Judentum beseitigen und die Krisen in Deutschland mithilfe neuen "Lebensraums" beenden.

3. Ähnlich argumentieren heute Politiker wie Wladimir Putin. Der Klimawandel könnte eine Krise sein, die weltweit ähnliche Bewältigungsstrategien hervorbringt wie der Holocaust unter Hitler eine war.

Denn statt die Probleme des frühen 20. Jahrhunderts durch Förderung der Massenproduktion in der Landwirtschaft oder eine vorausschauende Wirtschaftspolitik zu bekämpfen, bekämpfte Hitler die Juden. Die Überzeugung des Diktators: Globale Krisen fordern globale Opfer.

Hitlers Judenhass, Putins Schwulenhass

Warum, fragt sich nun Snyder, sollte es mit dem scheiternden Kampf gegen den Klimawandel nicht ähnlich gehen, zumal das Lebensgefühl in vielen Teilen der Welt bereits dem "Katastrophismus der Hitler-Zeit" ähnele? "In einem Massenmordszenario, das an den Holocaust erinnert, könnte die Regierung eines Industrielands die panische Angst vor schwindenden Ressourcen ausnutzen", prophezeit er, "indem sie eine bestimmte Menschengruppe zur Ursache eines ökologischen Problems erklärt."

So könne etwa die chinesische Regierung "in den 2030er Jahren zu dem gleichen Schluss kommen, zu dem die Führung in Berlin in den 1930er Jahren kam" - und fieberhaft nach "Lebensraum" als Versorgungsgrundlage der immer wohlhabenderen chinesischen Gesellschaft suchen. Der gefragte Ukraine-Experte Snyder erwähnt auch den "neuen russischen Kolonialismus" in der Ukraine, vergleicht Wladimir Putin mit Adolf Hitler und Schwulenhass in Russland mit Antisemitismus im Deutschen Reich.

Während die internationale Presse Snyder schon für "Bloodlands" feierte, kam aus der eher konservativen europäischen Geschichtswissenschaft viel Kritik: Seine Kategorien seien zu grob, die Thesen dienten primär dem Ziel einer "geschichtspolitischen Wirkung" - auch am "reißerischen Titel" und dem blutroten Buchcover von "Bloodlands" stieß sich mancher Kollege.

Das sagt mehr aus über das Berufsethos mancher Geschichtswissenschaftler als über die intellektuelle Leistung Snyders. Da er aber nun mal keine unentdeckten Aktenberge ziseliert hat, dürfte es auch für das jetzt auf Deutsch erscheinende "Black Earth" harsche Kritik geben. Dabei haben einige Zeithistoriker ihm schon beigepflichtet: Ian Kershaw etwa, einer der renommiertesten NS-Experten, lobt Snyders "nachdenklich stimmende und verstörende Schlussfolgerungen für die heutige Welt", ähnlich äußerten sich die Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt und der Globalstratege Zbigniew Brzezinski.

Krimkrise, Irakkrieg und Massenmorde in Ruanda

Tatsächlich besteht genau darin Snyders Leistung: dass er dem in unzähligen Facetten erforschten Thema eben nicht ein weiteres Mosaikstück hinzugefügt hat - was ihm höflichen Applaus und Hunderten Bücherregalen eine weitere Holocaust-Abhandlung beschert hätte. Snyder kombiniert stattdessen geschichtswissenschaftliche Recherche mit sozialwissenschaftlicher Theoriebildung und dem Mut zu Aussagen, die Debatten, Perspektivwechsel und Veränderungen anregen können.

Snyder tut das, indem er sich nicht auf Ereignisrekonstruktionen zurückzieht, sondern aus Erkenntnissen konkrete Handlungsempfehlungen herleitet: "Vielleicht stellen wir uns vor, inmitten irgendeiner künftigen Katastrophe würden wir auf Seiten der Retter sein", schreibt er. Dafür müsse die Menschheit jedoch die Entstehung jener Ideen nachvollziehen, die "den Weg freimachten für ein beispielloses Verbrechen". Hier spricht nicht der Professor, hier spricht der Aktivist.

Und so verwebt Snyder den Boom in China mit der Krimkrise, den Irakkrieg mit dem Terror des "Islamischen Staats" oder den Imperialismus des 19. Jahrhunderts mit den Massenmorden in Ruanda. "Black Earth" bietet damit nicht nur einen völlig neuen Blick auf den Holocaust, sondern betont vor allem dessen ewige Aktualität: "Wir haben wenig Grund zu der Annahme, dass wir den Europäern der 1930er und 1940er Jahre moralisch überlegen sind", schreibt Snyder - denn im Ernstfall "würden sich nur wenige von uns anständig verhalten".

Spätestens an dieser Stelle poppen innerlich Bilder auf - von Antiflüchtlingszäunen in Ungarn, brennenden Asylbewerberheimen in Sachsen, Kinderleichen am Mittelmeerstrand. Und Snyder mahnt: "Den Holocaust zu verstehen ist unsere Chance, vielleicht unsere letzte, um Menschheit und Menschlichkeit zu bewahren."


Timothy Snyder tritt auf einer Lesereise mit "Black Earth" auch im deutschen Sprachraum auf: Am 16. und 17. Oktober in Frankfurt, am 18. Oktober in München, am 19. Oktober in Hamburg, am 20. Oktober in Berlin und am 21. Oktober in Wien.

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