Neuer Krimi von Jo Nesbø Killer in einer kalten Stadt

Zehn Romane umfasst Jo Nesbøs "Harry Hole"-Reihe mittlerweile. In seinem neuen Buch "Blood on Snow: Der Auftrag" wechselt er die Seiten und folgt einem Auftragskiller in Oslo. Brillanter Pulp der alten Schule - mit einem modernen Twist.

REUTERS

Olav Johansen ist Auftragsmörder. Und das aus einem ganz pragmatischen Grund. Er taugt einfach nicht für andere kriminelle Tätigkeiten: "Es gibt vier Arten von Jobs, für die ich nicht zu gebrauchen bin. Einen Fluchtwagen fahren. Raubüberfälle. Drogen. Prostitution." Dafür ist er als Killer ziemlich talentiert. Weil er seine Aufgabe nicht persönlich nimmt und die Ruhe weg hat beim Töten. Und weil ihn sein Gewissen nach getaner Arbeit nicht lange plagt. Schließlich töte er "in der Regel Männer, die es irgendwie verdient haben".

Zehn Krimis über den kaputten, aber aufrechten Polizisten Harry Hole hat Jo Nesbø bislang geschrieben - allesamt Bestseller rund um den Globus. "Blood on Snow: Der Auftrag", dem mit "Das Versteck" im Februar eine Fortsetzung folgen wird, ist eine radikale Abkehr von dieser Erfolgsreihe, deren letzter Teil etwas uninspiriert wirkte.

Nesbø tauscht nicht nur seinen Helden aus - Cop gegen Killer -, sondern wechselt auch die Zeitebene. Der Norweger erzählt eine Geschichte aus der Vergangenheit Oslos, den mittleren Siebzigerjahren, als das Heroin begann, in der Stadt zum Problem zu werden. Sogar das Format hat Nesbø geändert: Nicht einmal ein Drittel so lang wie seine voluminösen Hole-Romane geriet "Blood on Snow". Damit verweigert sich Nesbø den Marktmechanismen - im Krimi- und Thrillergenre verkaufen sich dicke Schinken besser als schmale Bändchen - und verneigt sich vor den Pulp- und Noir-Autoren früherer Zeiten, die selten mehr als 200 Seiten brauchten, um ihre Storys zu einem meist finsteren Ende zu bringen.

Literarischer Ego-Shooter

"Blood on Snow", daran lässt Nesbø keinen Zweifel, wurde im Geiste der Pioniere des harten modernen Kriminalromans geschrieben. Die Riege seiner prominenten Vorbilder führt Jim Thompson an, der 1952 mit "Der Killer in mir" den prototypischen Krimi aus Killerperspektive geschrieben hatte - sozusagen den berühmtesten Ego-Shooter der Literaturgeschichte. Nesbø tappt, anders als zuletzt etwa Benjamin Black, nicht in die Retro-Falle, hat kein Pastiche geschrieben, sondern bedient sich der Form klassischer Pulp Fiction und überführt sie in etwas Neues, eine Art Meta-Noir.

Für das Genre regelkonform schickt Nesbø seinen Helden Olav Johansen auf eine Mission, die ihm von Anfang an nicht geheuer ist: Sein Boss Daniel Hoffmann, Oslos Gangsterkönig, will seine untreue Ehefrau aus dem Weg geräumt haben. Doch stattdessen erledigt Johansen ihren Liebhaber - der sich als Hoffmanns Sohn entpuppt. Während Johansen der schönen wie mysteriösen Frau zunehmend verfällt, setzt Hoffmann ein Kopfgeld auf seinen abtrünnigen Top-Killer aus. Der wiederum sucht Hilfe bei Hoffmanns größtem Konkurrenten.

Zwei rivalisierende Gangsterbanden, die um die Herrschaft über eine Stadt Krieg führen, ein einzelner Mann, der zwischen die Fronten gerät, eine verführerische Frau, die alle Züge einer typischen femme fatale trägt - so weit, so bekannt. Auch den Fatalismus seiner literarischen Vorgänger übernimmt Nesbø. Aber dadurch, dass er diese klassisch amerikanische Geschichte in Oslo spielen lässt, verfremdet er sie, stellt ihre Künstlichkeit aus. Oslo in den Siebzigern, das ist ein Ort, der noch nichts zu wissen scheint von harten Drogen und organisiertem Verbrechen, der noch vom Optimismus der Sechziger durchdrungen wirkt - eine Illusion, wie Nesbø nach und nach enthüllt.

Wirklich faszinierend wird "Blood on Snow" aber erst durch seinen Protagonisten, dem nur scheinbar naiven Olav Johansen. Der entpuppt sich im Verlauf des Romans als ziemlich unzuverlässiger Erzähler, der uns (und sich selbst) das Märchen vom Killer mit Herz verkaufen will, in Wahrheit aber höchstens zu oberflächlicher Sentimentalität fähig ist. Er ist ein Vielleser, der das verquere Hobby hat, alternative Versionen seiner Lieblingsbücher zu schreiben - eine schräg verkitschte Neufassung von Victor Hugos "Die Elenden" zum Beispiel. Mit einem Helden, der große Ähnlichkeit mit ihm selbst aufweist. So wie Johansen klassische Romane umdichtet, verfährt er auch mit seinem Leben - aus dem einsamen Killer ohne Skrupel wird der Held in einem ziemlich rührseligen Abenteuerstück.

Eine schöne Entsprechung findet dieser metafiktionale Dreh in der Genese von "Blood on Snow": Ursprünglich wollte Nesbø den Roman unter dem Pseudonym Tom Johansen veröffentlichen - ein Krimi-Schriftsteller, den er vor längerer Zeit für eine unveröffentlichte Geschichte erfunden hatte. "Blood on Snow" sollte als Fundstück aus den Siebzigern in die Buchläden gebracht werden, als wiederentdeckter Noir-Klassiker. Schade: Die Anwälte seines Verlags verhinderten diese perfekte Pointe.

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insgesamt 6 Beiträge
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Tiberias 24.09.2015
1. Sündenpfuhl Oslo
Ich finde die Bücher von Jo Nesbo generell lächerlich, weil er in seinen Büchern ein Bild von Norwegen und vor allem der Hauptstadt Oslo darstellt, das Lichtjahre entfernt ist von der Wirklichkeit. Es gibt wohl kaum eine beschaulichere, harmlosere und unkriminellere Hauptstadt in Europa als Oslo. Als Kapitalverbrechen geht es da wohl schon durch, wenn man bei Rot über die Ampel läuft. Eine Geschichte von einem Profi-Killer in dieser Stadt zu schreiben, ist einfach nur absurd.
jackohnereacher 24.09.2015
2. Jo Nesbø
hat seinen Helden Harry Hole nicht nur in Norwegen ermitteln lassen, sondern auch in Australien und Thailand. Das durchaus in Norwegen verbreitete Drogenproblem und korrupte Polizisten waren die vornehmlichen Aktivitäten in Oslo, auch Alkoholismus, der ja bekanntlich in Skandinavien viele Opfer verzeichnet. Ich empfinde Jo Nesbø`s Thriller als sehr gut und sehr fesselnd. Norwegen ist ein Land, in dem man nicht mit Kriminalität rechnet. Aber es gibt sie. Man denke an Breivik oder die Strukturen aus dem Ost- oder Süd- europäischen Raum.
lord_olsen 24.09.2015
3. Der Polizeipräsident
Zitat von TiberiasIch finde die Bücher von Jo Nesbo generell lächerlich, weil er in seinen Büchern ein Bild von Norwegen und vor allem der Hauptstadt Oslo darstellt, das Lichtjahre entfernt ist von der Wirklichkeit. Es gibt wohl kaum eine beschaulichere, harmlosere und unkriminellere Hauptstadt in Europa als Oslo. Als Kapitalverbrechen geht es da wohl schon durch, wenn man bei Rot über die Ampel läuft. Eine Geschichte von einem Profi-Killer in dieser Stadt zu schreiben, ist einfach nur absurd.
Das ist ja erschreckend, dass die Beschreibungen von Oslo, die Jo Nesbo vorgenommen hat, nicht der Wahrheit entsprechen. Was bedeutet das für andere Schriftsteller? Haben die auch Orte falsch beschrieben? Ist das Auenland, in dem die Hobbits leben, gar nicht so schön und ruhig, sondern ein Sündenphul? Ein Ort der Verdammnis, des Lasters und der Ausschweifungen?
luccasmurf 24.09.2015
4.
Zitat von TiberiasIch finde die Bücher von Jo Nesbo generell lächerlich, weil er in seinen Büchern ein Bild von Norwegen und vor allem der Hauptstadt Oslo darstellt, das Lichtjahre entfernt ist von der Wirklichkeit. Es gibt wohl kaum eine beschaulichere, harmlosere und unkriminellere Hauptstadt in Europa als Oslo. Als Kapitalverbrechen geht es da wohl schon durch, wenn man bei Rot über die Ampel läuft. Eine Geschichte von einem Profi-Killer in dieser Stadt zu schreiben, ist einfach nur absurd.
Dann hast du keine Ahnung wie es wirklich in Oslo ist. Die Zeiten der kriminellen Handlungen à la rot über Ampeln fahren sind schon längst vorbei. In Oslo ist die crime rate so hoch wie in vielen anderen europäischen Hauptstädten inklusive Morden, Vergewaltigungen, usw. Und dann ist Oslo noch die Herion-hochburg in Europa - damit verbundene kriminelle Handlungen eingeschlossen. Nun denn, die Norweger lieben Harry Hole und die finden das gar nicht absurd ..... :)
schensu 24.09.2015
5. Freue mich!
Nesbo mit Harry Hole ist neben Ian Rankin mit John Rebus einer meiner Topfavoriten in diesem Genre. Werde ihn lesen.
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