"Verlangen und Melancholie" Liebe ist so unvermeidlich wie ihr Verfall

Weltschmerz und bittersüße Retro-Attacken: Bodo Kirchhoff erzählt in seinem neuen Roman von einer Welt des Verlustes, in der nur die Hüften der Geliebten "unsterblich" sind.

Von Thomas Andre

Bodo Kirchhoff: "Das Zungenmonster zum Schweigen bringen"
Laura J. Gerlach

Bodo Kirchhoff: "Das Zungenmonster zum Schweigen bringen"


Einmal nimmt der alte Mann, dessen Erlebnissen und Erinnerungen der Leser in Bodo Kirchhoffs Roman "Verlangen und Melancholie" gebannt folgt, Schlaftabletten. Zwei, nicht mehr, er ist keiner, der einfach so aus dem Leben verschwinden will. Hinrich ist früher Kulturredakteur im Regionalteil einer Frankfurter Zeitung gewesen. Jetzt verzehrt er seine Rente, verdient sich als Museumswächter noch ein paar Euro dazu, coacht den Enkel für die Abiturprüfungen, ist kürzlich noch mit einer polnischen Supermarktkassiererin ins Bett gestiegen. Eben kehrte er von einer Warschau-Reise zurück, vorher war er mit dem Enkel in der Schweiz, um Schwarzgeld zurück nach Deutschland zu schmuggeln.

Was nach Rentner mit vitaler Tagesgestaltung und prinzipieller Mobilität klingt, ist viel eher eine Idealfigur des Erinnerungs-Jetsets, denn Hinrich, der in diesem Roman so sanft und ausdauernd in die Vergangenheit schweifende Erzähler, ist vom Leben und der Liebe geschlagen, ein vor allem gedanklich Reisender. Seine Frau hat sich ein Jahrzehnt, bevor die Handlung dieses motivisch Elemente des Minnesangs und der Romantik aufgreifenden Romans einsetzt, vom Goetheturm gestürzt. Was bleibt, ist neben der Trauer die Frage nach dem Warum und die Bittersüße der Retro-Attacken: Wie schön die Liebe war, als sie in einer heilen Welt zu Hause und so unbeschwert wie ein Italien-Urlaub war. In der Gegenwart helfen ausnahmsweise die Tabletten: um den traurigen Helden "für Stunden von jedem Selbstgespräch zu erlösen, das Zungenmonster in einem zum Schweigen zu bringen".

Desillusioniert-barmherziger Romantik-Zugriff

Ein Weltschmerzbuch mit traumatisiertem Witwer legte zuletzt Terezia Mora vor, die 2013 für ihren Roman "Das Ungeheuer" den Deutschen Buchpreis erhielt. Kirchhoff, Jahrgang 1948, schickt nun seine literarische Leidensfigur wie zuvor Mora die ihre auf eine Reise in den Osten. In Warschau trifft Hinrich den alten Bekannten Jerzy Tannenbaum wieder. Hat er mehr mit seiner Vergangenheit zu tun, als er dachte? Außerdem will Hinrich der Ex-Geliebten das Schweizer Geld zustecken: Er selbst ist an materiellen Werten nicht interessiert.

Kirchhoffs 2012 erschienener Roman "Die Liebe in groben Zügen" war ein großes Buch über die Ehe, zu der der Ehebruch scheinbar wie selbstverständlich gehört. Als Dauerthema der Literatur taucht er auch in "Verlangen und Melancholie" auf. Man sollte im wirklichen Leben vielleicht besser nicht heiraten, trotzdem aber den konsequent desillusioniert-barmherzigen Romantik-Zugriff Kirchhoffs loben: "Liebe ist unvermeidlich", heißt es einmal.

Und "Irenes unsterbliche Hüften" sind nicht aus dem Gedächtnis zu löschen, denn sie sind immer wieder zu sehen, wenn auch nur als Phantome an ganz anderen Frauen, und seien es nur solche, die in die Pompeji-Schau der von Hinrich gehüteten Ausstellungsräume gehen. Es ist der Kirchhoff-Sound der weltgewandten Melancholie, die auch in diesem Roman das Grundgerüst des zwischen Begehren und Trauer changierenden Erzählwerks bildet: Seine Figuren sind Repräsentanten des Bildungsbürgertums, die im Kulturbereich arbeiten und jenseits des Brenners ihre Sehnsuchtsorte finden.

Bei Kirchhoff sind sie immer beschäftigt mit dem Gefühlsmanagement, das einen Menschen nahe sein lässt, aber andere erotische Möglichkeiten nicht ausschließen will oder kann. Das hat viel mit Narzissmus zu tun und der Überspanntheit, die sich über das emotionale Netz der Ehe im Laufe der Jahre zu legen scheint. Frauen und Männer und ihre Versuche, in der Verfallsphase der Liebe ihre Beziehungen aufrechtzuerhalten: Das ist das Thema Kirchhoffs.

Plausible Beschreibungen eines egozentrischen Selbst

Man muss sich auf seinen reflexiven Erzählstil, der sich ganz der Gedankenwelt eines einzelnen widmet, einlassen und kann gleichzeitig auch als jüngerer Leser diesen größeren Erfahrungshorizont der Alten nach den allgemeingültigen Zuständen des Verlustes und der Vergeblichkeit absuchen. Diskutieren lässt sich darüber, ob die schicksalhaften Liebesverstrickungen Hinrichs nicht etwas zu forciert ausfallen. Kirchhoff setzt ihn heftigen Prüfungen aus. Die Vermessung der Liebes-Vita - die erste Liebe, die Ehefrau, die verhängnisvolle Affäre, das Trostweib - könnte überdesignt sein, die Pointe jedoch, die mit einer Hündin zu tun hat, ist so beherzt, dass sie unbedingt gut zu nennen ist.

Am beeindruckendsten erscheint am Ende die Begrenztheit dessen, was wir über andere wissen. Ausschließlich aus Hinrichs Perspektive erzählt, ergibt sich eine Bühne des Lebens, auf der selbst die, die uns am nächsten oder auch nur verhältnismäßig nah sind, rätselhaft bleiben, höchstens annäherungsweise bestimmt durch das, was sie preisgeben. In Kirchhoffs psychologisch plausiblen Beschreibungen des egozentrischen Selbst äußert sich eine Grundannahme - nur für uns selbst sind wir die Hauptdarsteller des eigenen Lebens.

.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.