Graphic Novel "Brodecks Bericht" Das Töten der Anderen

Beißend kalt, beängstigend düster: Manu Larcenets Graphic Novel "Brodecks Bericht" erzählt von der mörderischen Vergangenheit einer Dorfgemeinschaft - so gut, dass man selbst Angst bekommt.

Manu Larcenet/ Reprodukt

Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Jetzt wird's ungemütlich. Aber so richtig. Beklemmend. Und wenn Sie jetzt vorsichtig fragen, wie ungemütlich genau, weil man ja gern vorher weiß, auf was man sich da einlässt, dann fällt mir als Vergleich nur ein: So wie Kafkas "Schloss", aber ohne die lustigen Stellen. Es gibt so auch nur einen einzigen Grund, weshalb man "Brodecks Bericht" lesen sollte. Weil er so gut ist, dass man Angst kriegt.

Der Kopf hinter "Brodecks Bericht" ist Manu Larcenet, ein erstaunlich wandelbarer Franzose, den viele Leser wohl zuerst in der humoristischen Fantasy-Fundgrube der "Donjon"-Serie entdeckt haben. Bei Carlsen hat er einen ebenfalls satirischen Band zur Serie "Valerian und Veronique" beigetragen, aber derlei wirkt bei Larcenet eher wie ein entspannendes Luftholen, bevor er mit einem ernsten Werk in die Tiefe taucht.

Mit "Blast" hat er das vier Bände lang getan, eine bizarre Saga geschaffen um einen stinkenden obdachlosen Fettwanst, widerwärtig, brutal und berührend zugleich. "Brodecks Bericht", die grafische Umsetzung des gleichnamigen Romans von Philippe Claudel, ist ähnlich gnadenlos, dabei aber deutlich politischer.

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Graphic Novel "Brodecks Bericht": Das Töten der Anderen

Die Geschichte spielt in einem abgelegenen, europäischen Bergdorf, nach einem Krieg - es könnte der Erste oder Zweite Weltkrieg sein, so deutlich wird es nicht. Brodeck kommt in den Dorfgasthof, um Butter zu kaufen - und findet dort die versammelten Männer vor, die gerade "den Anderen" umgebracht haben, einen Maler, der im Gasthof abgestiegen ist. Sie beauftragen den eingeschüchterten Brodeck, der öfter für die Verwaltung schreibt, einen Bericht zu verfassen. Der soll alles beschreiben und sie zugleich entlasten. Brodeck gehorcht.

Manu Larcenet: erstaunlich wandelbar
Reprodukt

Manu Larcenet: erstaunlich wandelbar

Larcenet schildert Brodecks Recherche in dem verschneiten Ort, in dem es nie richtig hell zu werden scheint, und in dem jeder stets weiß, was die Anderen tun. Larcenet bleibt in schwarz-weißen Tönen, mit sehr viel Schwarz, was an sich schon eine Kunst ist bei so viel Schnee. Brodeck flüchtet sich in die Einsamkeit des Waldes, die Larcenet mit einer Vielzahl seiner großartigen Tierzeichnungen verstärkt: Wo Vogel und Wiesel ungestört sitzen, sagen sich auch Fuchs und Hase gute Nacht.

Das Dorf hat sich im Krieg schuldig gemacht

Aber mindestens so verstörend wie die Abgeschiedenheit, die dauernde Kälte, die deprimierende Armut der kleinen Hütten, in denen allenfalls Kerzen für Licht sorgen, sind die Gesichter der Dorfbewohner. Misstrauisch, vorwurfsvoll, übellaunig, finster - nur der reiche, schweinezüchtende Bürgermeister strahlt machtgewohnte Jovialität aus, als er Brodeck am Tag nach dem Mord nochmal anhand seiner Tiere erklärt, wie das Dorf tickt: "Sie fressen alles, und sie stellen sich keine Fragen. Sie denken nicht nach. Sie kennen weder Schuld noch Vergangenheit - sie leben einfach. Meinst du nicht, dass sie es richtig machen?"

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Manu Larcenet:
Brodecks Bericht

Nach einem Roman von Philippe Claudel

Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock

Reprodukt; 328 Seiten; 39 Euro

Dabei ist die Vergangenheit tatsächlich der Schlüssel zu allem. Das Dorf hat sich im Krieg schuldig gemacht - mit Ausnahme von Brodeck, der sofort in ein Lager kam. Bei seiner Recherche findet er heraus, weshalb: Die Soldaten verlangten als Zeichen der Unterwerfung eine Säuberung von Artfremden.

Die Männer lieferten daraufhin den Dorftrottel aus und Brodeck, weil er nicht im Dorf geboren wurde, sondern als Flüchtlingskind kam. Als sich nach Brodecks Verschleppung Soldaten an seiner Frau vergingen, nutzten auch einige Dorfbewohner die Gelegenheit. Kein Wunder, dass man da gern "weder Schuld noch Vergangenheit" kennen möchte. Klar, dass man da den fremden Maler als Bedrohung empfindet, von dem man nicht weiß, was er in dem Dorf will, und der die Bewohner porträtiert, als könne er ihnen direkt in die Seele sehen.

Larcenet tut einiges, um die Naziparallelen nicht zu sehr hervorzuheben, er macht die Soldaten zu gesichtslosen Gruselgurken mit Zombiehunden. Das eigentliche Grauen sind die Dorfbewohner. Brodeck ist auch nach Jahrzehnten im Ort nur der "fußballspielende, ministrierende Senegalese" des CSU-Generalsekretärs Scheuer - eben keiner von "uns". Höchstens toleriert, nie akzeptiert, stets der Erste auf der Abschussliste. Dass er das KZ überlebt hat, macht es noch schlimmer: "Da ich dies schreibe, begreife ich plötzlich, wie gefährlich es ist, Unschuldiger unter Schuldigen zu sein. Im Grunde nicht anders, als der einzige Schuldige unter Unschuldigen zu sein."

Eine Lösung bietet Claudels Vorlage nicht - wo soll sie auch herkommen? Brodecks Bericht ist nur symbolisch gemeint, der Bürgermeister verbrennt ihn als Sammlung dessen, "was das Dorf vergessen will", denn "nicht alle sind so wie du, Brodeck." Brodeck versteht und flieht. Und wer bereit ist, dieses Unhappy End immerhin für eine Art Schlussstrich zu halten, kann sicher sein: Sobald die nächsten Soldaten kommen, wird das Dorf jemanden anderen zum Ausliefern finden.

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